Jan Fleischhauer

Vulgärpopulismus Verpiss dich, Elite!

Darf man von einem Kanzlerkandidaten noch erwarten, dass er Abitur hat? Offenbar nicht. Alles, was einen Hierarchieunterschied oder ein Machtgefälle begründet, scheint heute verdächtig. So machen wir uns selber dumm.
Spaßvogel oder Horrorclown? Beppe Grillo (hier mit Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi am 26. November 2016)

Spaßvogel oder Horrorclown? Beppe Grillo (hier mit Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi am 26. November 2016)

Foto: REMO CASILLI/ REUTERS

Mein Freund und Kollege Gabor Steingart vom "Handelsblatt" hat vor ein paar Tagen die Frage aufgeworfen, ob man von einem Kanzlerkandidaten erwarten dürfe, dass er Abitur hat. Der Anlass für diese Frage war der Wechsel von Martin Schulz nach Berlin, der in der deutschen Presse wie eine Heilsbotschaft gefeiert wurde. Schulz hat kein Abitur. Er hat, anders als Gerhard Schröder, auch nie versucht, es nachzuholen, nachdem er wegen schlechter Leistungen vom Gymnasium verwiesen wurde.

In der Regel überwiegt bei den Lesern die Zustimmung zu dem, was Steingart schreibt. In diesem Fall traf ihn scharfe Ablehnung. "Ich bin ja wirklich sehr oft Ihrer Meinung, Herr Steingart, aber das ist unwürdiges Bashing", lautete ein typischer Kommentar. "Martin Schulz hat es auch ohne Abitur, aber mit vielen Fremdsprachen, geschafft, Karriere zu machen." Es gibt jetzt sogar einen Hashtag zu dem Vorgang: #dünkelsteingart.´

Wir leben im postelitären Zeitalter

Darf man von einem Kanzler noch erwarten, dass er Abitur hat? Historisch gesehen beantwortet sich die Frage von selbst. Bislang konnte jeder, der die Bundesregierung anführte, nicht nur die Hochschulreife, sondern (bis auf Willy Brandt) auch einen Hochschulabschluss vorweisen. Steingart würde sagen: Wer sich für die Spitzenposition in Deutschland bewirbt, braucht auch eine Spitzenqualifikation. Da reiche es nicht, dass man auf sein Redetalent oder gute Fremdsprachenkenntnisse verweisen könne. Aber diese Meinung wird erkennbar nicht mehr von allen geteilt.

Wir leben nicht nur in einem postfaktischen, sondern auch in einem postelitären Zeitalter. Alles, was einen Hierarchieunterschied oder ein Machtgefälle begründet, scheint erst einmal verdächtig, angefangen bei dem Beharren auf formalen Bildungsabschlüssen. Ich will hier gar nicht die Frage erörtern, ob Schulz ein geeigneter Kanzlerkandidat wäre. Ich finde es aber bemerkenswert, welche Reaktionen eine Frage auslöst, die zu stellen noch vor Kurzem als selbstverständlich empfunden worden wäre.

Ihren radikalsten Ausdruck findet die Elitenkritik in den neuen Anti-Establishment-Bewegungen, die gerade dabei sind, Europa umzukrempeln. Wenn es etwas gibt, was die Populisten von links und rechts verbindet, dann ist es der Kampf gegen "die da oben", womit wechselweise die Politiker, die Wirtschaftsbosse oder die Medienleute gemeint sind. Wie weit man mit dem aggressiven Populismus kommen kann, zeigt sich in Italien, wo Beppe Grillo mit seinen Fünf Sternen nicht mehr so weit davon entfernt ist, nach dem Rathaus in Rom auch den Palazzo Chigi zu erobern, den Amtssitz des Ministerpräsidenten.

Sargträger in der Regierung

In Deutschland gilt Grillo als eine Art linker Spaßvogel, der dem Volk aufs Maul schaut, in Wahrheit ist er die italienische Horrorclown-Ausgabe des Trumpismus. Am Morgen von Trumps Wahlsieg zeigte er sich in einem Video vor einem Fernseher, in dem der neu gewählte Präsident gerade seine Siegesrede hielt. Die Elite sei "tot", schrie Grillo, die Medien und die Intellektuellen könnten sich "verpissen". Wer in den Siebzigerjahren aufgewachsen ist, kennt den Ton. Auch damals wurde das System mit viel Geschrei zu Grabe getragen. Der Unterschied zu heute ist: Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass die Sargträger einmal die Regierung stellen würden.

Manche mögen es übertrieben finden, die Aversion gegen die Abiturfrage in eine Reihe mit Beppe Grillo zu stellen. Aber es gibt eine Verbindungslinie. Ich saß neulich mit einem Professor beim Mittagessen, der mir davon berichtete, dass er zu Beginn des Semesters nicht einfach festlegen könne, was er in seinem Fach für wichtig hält und was für entbehrlich. Früher wurde bei einem Professor stillschweigend vorausgesetzt, dass er mehr weiß als seine Studenten und deshalb bestimmt, was sie zu lernen haben. Heute müsse diese Autorität erst wortreich begründet werden, weil jedes hierarchische Gefälle als suspekt gilt. Die Soziologie spricht von Symmetrieerwartung.

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Fleischhauer, Jan

Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 384
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Das zieht sich durch die Professionen. Von einem guten Chefarzt wird erwartet, dass er allen das Gefühl gibt, sie bei seinen Entscheidungen eingebunden zu haben. Am Ende muss einer sagen, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet werden oder nicht. Aber bevor es so weit kommt, tagt eine Ethikkommission, in der sich die Beschäftigten, angefangen beim Krankenpfleger, an einem Tisch versammeln, um darüber zu beraten, was zu tun ist.

Sind Kinder kompetenter als Erwachsene?

"Unsere modernen Selbstverständigungsdiskurse sind infiziert von der Vorstellung, Asymmetrien, Machtunterschiede und sonstige Ungleichheiten seien falsch", hat die Soziologin Irmhild Saake beobachtet. "Die Sätze, die der Arzt sagt, gelten als zu technisch und kalt. Die 'weibliche' Intuition der Krankenschwester gewinnt dagegen an Einfluss, weil ihre eher emotionalen, warmen Sätze jeder verstehen kann. Am glücklichsten sind alle, wenn der Arzt plötzlich wie eine Krankenschwester redet und von der Lebensenergie eines Patienten schwärmt."

Auf Habermas geht die Theorie zurück, dass sich Machtansprüche in einer modernen Gesellschaft nicht mehr von selber verstehen, sondern in jedem Fall argumentativ begründet sein müssen. Aber auch Habermas wusste zwischen Kompetenz und Inkompetenz zu unterscheiden. Nie wäre es ihm in den Kopf gekommen, dass zum Beispiel Kinder den gleichen kommunikativen Rang beanspruchen sollten wie ihre Eltern. Oder man ihnen sogar größere Kompetenz zugesteht, weil sie sich im Grunde vernünftiger verhielten als viele Erwachsene.

"Gut möglich, dass unsere Gesellschaft auf diese Weise freier, gleicher, gerechter werde", schreibt die Soziologin Saake über das Leben ohne Hierarchie. "Ganz sicher wird es komplizierter." Womöglich werden wir allerdings auch alle ein wenig dümmer.

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