Wählerwanderung in Schleswig-Holstein Wo die Piraten Beute machten

Die Piraten ziehen vor allem Nichtwähler und Anhänger von Roten und Grünen an - so war es bei den Wahlen in Berlin und im Saarland. In Schleswig-Holstein bot sich erstmals ein anderes Bild. Zehntausende Wähler von CDU und FDP gaben den Piraten ihre Stimme.
Wählerwanderung zu den Piraten in Schleswig-Holstein: "Extrem schwer" vorauszusagen

Wählerwanderung zu den Piraten in Schleswig-Holstein: "Extrem schwer" vorauszusagen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Berlin - Bislang verschärften die Piraten vor allem den Machtkampf im linken Parteienlager: Bei den Landtagswahlen in Berlin und im Saarland zogen die Polit-Neulinge Tausende Grünen-, Linken- und SPD-Wähler auf ihre Seite. Schwund gab es zwar auch bei CDU und FDP, aber nicht in einem solchen Maße wie bei Rot, Dunkelrot und Grün.

Am Wahlabend in Schleswig-Holstein zeichnete sich nun erstmals ein anderes Bild ab. Hier wilderten die Piraten auffallend stark im schwarz-gelben Lager.

  • Je 14.000 Stimmen verloren CDU und FDP an die Piraten. Das ergab eine Analyse des Forschungsinstituts Infratest dimap für die ARD.
  • Erst auf dem dritten Platz der Stimmenverluste an die Piraten kommen die Grünen (13.000), gefolgt von der Gruppe der Nichtwähler (11.000), ehemaligen SPD-Anhängern (10.000) und einstigen Linken-Wählern (6000).

Institutschef Richard Hilmer sieht in den Zahlen ein Zeichen für die Unberechenbarkeit von Piratenwählern. "Die junge Partei ist 17 Monate vor der Bundestagswahl ideologisch nicht klar zu verorten", sagte Hilmer SPIEGEL ONLINE. Zwar würde die Piratenpartei tendenziell eher linksgerichtete Wähler ansprechen. "Aber die Piraten sind barrierefrei, sie bieten potentiell eine Plattform für Anhänger aller Parteien", so Hilmer weiter. Deshalb sei eine Wählerwanderung wie in Schleswig-Holstein auch "extrem schwer" vorauszusagen.

Der Wahlforscher warnte davor, in den Zahlen eine Umorientierung des typischen Piratenwählers zu sehen. Zwar sei das Stimmenplus für die Piraten "vor allem eine Schlappe für CDU und FDP". Doch stecke hinter den insgesamt 28.000 Stimmen, die die Piraten Schwarz-Gelb abluchsten, auch einfache Mathematik. 2009 wurde im Norden zeitgleich mit dem Bund gewählt, CDU und FDP hatten im Stimmungsbild Hochkonjunktur. "Von Schwarz-Gelb waren schlichtweg besonders viele Stimmen zu holen", erklärt Hilmer. Die Piraten hätten von der Wechselstimmung im Land profitiert, enttäuschte Anhänger der Regierungskoalition angezogen.

"Zenit überschritten"

Forsa-Chef Manfred Güllner betonte hingegen, man dürfe die schwarz-gelben Verluste ins Piratenlager nicht überbewerten. CDU und FDP hätten im nördlichsten Bundesland im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 zusammen mehr als 260.000 Stimmen abgeben müssen. "Ein paar zehntausend Wähler, die zu den Piraten abwanderten, sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagte Güllner SPIEGEL ONLINE.

Der Geschäftsführer des Emnid-Instituts in Bielefeld, Klaus-Peter Schöppner, hob hervor, dass die die Piraten erneut überdurchschnittlich stark bei Erst- und Nichtwählern punkten konnten - was nichts an der historisch niedrigen Wahlbeteiligung von 60,1 Prozent änderte. "Dennoch haben die Piraten wohl ähnlich wie im Bund ihren Zenit überschritten", so Schöppner. Ähnliches gelte "für die mit 2,1 Prozent wieder zur Ostpartei geschrumpften Linken".

Der Kieler Politikwissenschaftler Joachim Krause relativierte den Ruf der Piraten als reine Protestpartei. Den typischen Protest- oder Nichtwähler gebe es nicht, so der Forscher. "Das sind nicht nur die chronischen Hartz-IV-Bezieher, sondern auch Leute, die aus unterschiedlichen Gründen an der Politik verzweifeln oder ohnehin glauben, Politik bringe nichts mehr."

Die Piraten hatten am Sonntag den Sprung ins dritte Landesparlament geschafft. Mit ihrem 23 Jahre alten Spitzenkandidaten Torge Schmidt erzielte die Partei über acht Prozent. Sie stellen im neuen Landtag von Schleswig-Holstein künftig voraussichtlich sechs Abgeordnete. In Berlin hatten die Piraten 8,9 Prozent der Stimmen erzielt und stellen seitdem 15 Parlamentarier im Abgeordnetenhaus. In Saarland erreichten sie 7,4 Prozent und sind im dortigen Landtag mit vier Abgeordneten vertreten.

Am kommenden Sonntag können sie in Nordrhein-Westfalen voraussichtlich den vierten Wahlerfolg binnen acht Monaten feiern: die Umfragen sagen ihnen im bevölkerungsreichsten Bundesland etwa acht Prozent voraus. Auf Bundesebene liegen die Werte für die Piraten zwischen neun und zwölf Prozent.

amz/dpa/dapd