Waffengesetz Sportschützen verärgert über Schäuble

Sie hatten sich schon auf eine Senkung der Altersgrenze für Sportwaffen gefreut. Nun sind die Verbände und Lobbyisten über den Rückzieher des Innenministers Wolfgang Schäuble enttäuscht: Jugendliche Sportschützen würden unter Generalverdacht gestellt.

Von Nicole Meßmer und Jörg Schallenberg


Berlin/Hamburg - Alles schien für die deutschen Sportschützen gut zu laufen. Es gab Gespräche mit dem Innenministerium auf höchster Ebene, die eigentlich gut verliefen. Die Verbände und Lobbyisten hofften auf eine Lockerung der Regelungen im Waffengesetz, die nach dem Amoklauf eines Gymnasiasten in Erfurt 2003 durchgesetzt worden waren.

Doch dann machte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Montagmorgen einen Rückzieher. Die im Gesetzentwurf vorgesehene Senkung der Altersgrenze auf 18 Jahre, die künftig wieder für den Erwerb von Großkaliberwaffen gelten sollte, kommt nun doch nicht. Zu stark war offenbar der Druck der Öffentlichkeit und auch in der eigenen Partei. Auch Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) hatte sich von dem Gesetzentwurf klar distanziert.

Jagdgewehr in Waffenfabrik: "Schäuble hat den Schuss gerade noch gehört"
DPA

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Jürgen Kohlheim, Vizepräsident des Deutschen Schützenbundes, ist enttäuscht. "Wir halten es für grundsätzlich sinnvoll, wenn die Verschärfungen, die nach Erfurt erfolgt sind, wieder rückgängig gemacht werden", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch beim "Forum Waffenrecht", einer Interessensvereinigung für Waffenbesitz, wird die Volte aus dem Schäuble-Ministerium bedauert. Die Anhebung der Altersgrenze auf 21 Jahre sei nie besonders sinnvoll gewesen, sagt deren Sprecher Joachim Streitberger.

Es ist ein Glaubenskampf, der jetzt wieder ausgetragen wird. Streitberger zufolge gibt es keinen Zusammenhang zwischen Zugang zu Waffen und Missbrauch. Die Zuverlässigkeitsprüfung beim Erwerb einer Waffe reiche doch völlig aus. Immerhin müsse ein Schütze vor dem Kauf einer Waffe mindestens ein Jahr im Verein geschossen haben und dürfe beispielsweise nicht vorbestraft sein. Seiner Ansicht könnten die Restriktionen im Endeffekt sogar kontraproduktiv sein: "Was verboten ist, wird erst richtig interessant, und wenn Hürden hoch sind, werden sie umgangen", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Sportschützen-Vizepräsident Kohlheim kritisiert: "Die Regelungen sind in ihrer Härte einmalig in Europa und stellen Jugendliche Sportschützen unter Generalverdacht."

Anders sieht das allerdings der SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Schultz, der selbst Mitglied im Schützenverein ist: "Schäuble hat den Schuss gerade noch gehört." Es gebe überhaupt keinen Grund, warum jemand eine Waffe besitzen solle, ohne dass er besonders bedroht sei. "Warum ein Sportschütze eine Pistole im Keller haben sollte, ist mir nicht klar", sagt Schultz SPIEGEL ONLINE.

Die Sportschützen wehren sich

Den Sportschützen fällt durchaus eine Begründung ein: Sie bräuchten ihr Sportgerät und könnten nicht einfach mit einem Leihgerät trainieren, sagt Streitberger vom "Forum Waffenrecht". Auch Kohlheim sieht das ähnlich: "Das ist wie mit einem Leihfahrrad, das ist auch nicht so gepflegt wie das eigene".

210.000 Mitglieder unter 21 Jahren zählt der Deutsche Schützenbund. Vermutungen, der Deutsche Schützenbund habe Einfluss auf Schäuble ausüben wollen, damit es mehr Nachwuchs in den Vereinen gebe, weist Kohlheim allerdings zurück. Es habe nur inoffizielle Informationsgespräche mit dem Innenministerium gegeben.

Die Sportschützen fühlen sich im Vergleich mit den Jägern ungerecht behandelt: Diese dürften nach wie vor schon ab 18 eine eigene Waffe erwerben. "Der Druck, der auf die Gruppe der Sportschützen ausgeübt wird, ist ohnehin hoch", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Jochen-Konrad Fromme. Die betreffende Personengruppe werde viel zu stark kontrolliert. Fromme selbst ist Sportschütze und Jäger: "Ich möchte, dass man diesen Menschen das Vertrauen entgegen bringt, das sie lange Zeit nicht missbraucht haben."

Dagegen sieht der SPD-Abgeordnete Schultz durchaus einen Zusammenhang zwischen dem leichten Zugang zu legalen Waffen und Gewalttaten. Allerdings: Zahlen, wie hoch der Anteil legaler Waffen an Straftaten überhaupt ist, gibt es kaum. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes von 2002 wurden lediglich jeweils 8,5 Prozent der Straftaten in den Bereichen Mord/Raubmord und Totschlag von Personen verübt, die legal im Besitz einer Waffe waren.

Eine wenig aussagekräftige Zahl, weil zum Beispiel ein Gewehr als illegal gilt, das aus des Bruders Sportschützenschrank entwendet wurde. Die Frage, ob das Verbrechen hätte verhindert werden können, wenn der Besitzer die Waffe gar nicht hätte erwerben dürfen, bleibt unbeantwortet. Aus diesem Grund fordert die Gewerkschaft der Polizei die Einrichtung eines zentralen Waffenregisters, um künftig die Rückverfolgung einer Waffe zu erleichtern.

Das Innenministerium hatte die Lockerung der Altersgrenze zunächst mit der Angleichung an EU-Recht begründet. Im November wird die EU-Richtlinie zu Waffenbestimmungen voraussichtlich im Europäischen Parlament behandelt. Ein Wiederaufflammen der Debatte ist in diesem Zusammenhang aber nicht zu erwarten: Denn die Richtlinie lässt den Mitgliedsstaaten bei der Altersgrenze weitgehend freie Hand - solange das Mindestalter von 18 eingehalten wird.



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