Wegen der Waffenlieferungen an die Ukraine Bundeswehr will eigene Panzerfaust-Depots schnell auffüllen

Deutschland hat der Ukraine 3500 Geschosse geliefert. Nach SPIEGEL-Informationen pocht die Truppe nun darauf, die Waffen für 21 Millionen Euro schnell zu ersetzen – die Sicherheitsinteressen seien »erheblich gefährdet«.
Bei der Bundeswehr gilt die »Panzerfaust 3« als eine der Standardwaffen des Heeres

Bei der Bundeswehr gilt die »Panzerfaust 3« als eine der Standardwaffen des Heeres

Foto: Christoph Hardt / Panama Pictures / IMAGO

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Die Bundeswehr will die eigenen Depots nach den Lieferungen von Waffen aus Truppenbeständen möglichst schnell wieder auffüllen. Nach SPIEGEL-Informationen beantragte das Wehrressort diese Woche beim Haushaltsausschuss des Bundestags dringlich ein Sonderbudget von 21 Millionen Euro, um die an die Ukraine gelieferten Patronen für die »Panzerfaust 3« (PF3) wieder aufzufüllen.

Laut der vertraulichen Vorlage ist geplant, die abgegebenen 3500 Patronen für das Waffensystem »kurzfristig« zu ersetzen, damit der »aktuelle Bedarf an Patronen wieder aufgefüllt« werden könne.

Die Sicherheitsinteressen Deutschlands seien »erheblich gefährdet«, so das Mini-Dossier, wenn die Depots nicht wieder gefüllt würden.

Der Bedarf ist offenbar groß. »Für das sicherheitspolitische Interesse der Bundesrepublik Deutschland sind entsprechende Waffen bedeutsam, denn eine effektive Landes- und Bündnisverteidigung erfordert, dass die Bundeswehr in der Lage ist, gepanzerte feindliche Kräfte, auch in großer Zahl, wirksam bekämpfen zu können, um so das Staatsgebiet und die Bevölkerung zu schützen«, so das Papier.

Die eilige Maßnahme illustriert, wie schlecht die Bundeswehr mit Waffen für die Landes- und Bündnisverteidigung ausgerüstet ist. Nach SPIEGEL-Informationen hortete die Truppe vor der russischen Invasion nur gut 24.000 Exemplare der Panzerfaust 3. Deswegen drängen die Militärs, die Depots nach den Lieferungen an die Ukraine umgehend wieder aufzufüllen, um die Truppe für einen möglichen Einsatz optimal auszurüsten.

Grundsätzlich konnte die Bundeswehr wegen der eigenen Engpässe nicht viel an die Ukraine liefern. Nach der Kehrtwende der Regierung in Sachen Waffenlieferungen suchte die Truppe intensiv, was man abgeben könnte.

Heraus kamen 3500 Modelle der Panzerfaust 3 (Griffstücke und Patronen), 500 »Stinger«-Systeme, gut 2000 »Strela«-Raketen aus DDR-Beständen, eine Handvoll Maschinengewehre und die zugehörige Munition. Laut Ministerin Christine Lambrecht sind die Möglichkeiten damit erschöpft.

Lambrecht unter Druck

Die SPD-Ministerin steht derzeit wie kein anderes Regierungsmitglied unter Druck. Fast täglich kommen neue kritische Stimmen aus der Ukraine, die Tempo und Umfang der deutschen Waffenlieferungen mit drastischen Worten kritisieren. Auch die Opposition konzentriert sich auf Lambrecht und bezeichnet die ursprünglich als Innenministerin gesetzte SPD-Frau als »Totalausfall«.

Doch auch innerhalb der Regierung knirscht es. Hinter den Kulissen lästern Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock über ihre SPD-Kollegin. So agiere der Apparat im Wehrressort beim Thema Waffenlieferungen einfach zu langsam, man bremse neue Lieferungen, statt sie anzuschieben.

Lambrecht selbst sieht bei dem Thema schlecht aus. Bis zum Kriegsbeginn hatte sie öffentlich eisern verteidigt, dass Deutschland keine Waffen liefert. Stattdessen verkündete sie eine Lieferung von 5000 Schutzhelmen als Zeichen der Solidarität. Hohn und Spott waren ihr sicher.

Schon heute sind die Beliebtheitswerte von Lambrecht ziemlich weit unten. Laut einer Allensbach-Umfrage sind lediglich 16 Prozent der Menschen in Deutschland der Meinung, die neue Verteidigungsministerin leiste »gute Arbeit«. Zum Vergleich: 46 Prozent der Teilnehmer der Umfrage waren der Auffassung, Annalena Baerbock sei eine gute Außenministerin.

Die Reputation der Ministerin soll nun ein neues Verfahren retten, bei dem die Ukraine direkt bei der deutschen Rüstungsindustrie einkaufen können soll. Eine entsprechende Liste mit Waffensystemen, die schnell verfügbar sind, hat das Wehrressort nach mehreren Runden mit Industrievertretern zusammengestellt.

Nun soll die Ukraine selbst entscheiden, was sie am besten gebrauchen kann.

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