Wahl in Baden-Württemberg Zwei Gscheitle gegen Mappus

Von und , Stuttgart

2. Teil: Warum die Wutbürger eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen


Der SPD-Kandidat ist in Dürrwangen zu Gast, im Haus der Volkskunst. Schweres Fachwerk, an der Wand ein paar Geigen und afrikanische Masken, es ist ein gemütlicher Raum irgendwo zwischen Dorfmuseum und Almhütte. Die Stimmung ist alles andere als gemütlich. In der Gegend soll ein Gefängnis entstehen, und gegen das Projekt revoltiert, natürlich, eine Bürgerinitiative. Sie sieht alles in Gefahr, die Natur, die Tiere, das Klima. Der Sozialdemokrat hat 20 aufgebrachte Zeitgenossen vor sich, die Chefin der Gruppe bombardiert ihn mit Kleinklein über Retentionsflächen und Landesentwicklungspläne. Schmid hört sich die Predigt an, dann sagt er: "Wir schauen uns das noch mal an, aber klar ist auch: Irgendwo muss das Gefängnis hin."

Die Wutbürger schauen verdutzt.

Wutbürger sind ziemlich wichtig in diesem Wahlkampf. Es gibt sie überall im Land, vor allem aber in der Hauptstadt. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist zum Symbol der Rebellion kritischer Bürger gegen eine aus ihrer Sicht immer intransparentere Politik geworden, zuletzt gab es Riesenärger wegen des Mappus-Alleingangs beim Rückkauf des Energieversorgers EnBW. Die Wutbürger sind eine Gefahr für die bürgerliche Landesregierung, aber sie sind auch ein Test für das Verhältnis zwischen Grünen und Roten. Während die Roten sich in vorsichtiger Distanz üben, sehen sich die Grünen als Anwalt der Revoltierenden. Welche Nähe man zu den Wutbürgern pflegt, wird im Falle einer gemeinsamen Regierung eine wichtige Frage sein.

Grünen-Spitzenkandidat Kretschmann schaut an diesem Freitagnachmittag in Calw vorbei. Programmpunkt: "Besuch von Einzelhändlern". Hermann Hesses Geburtsstadt am nordöstlichen Rand des Schwarzwalds hat schon bessere Zeiten erlebt, das Rathaus wurde wegen Einsturzgefahr vor Jahren evakuiert, in der Fußgängerzone steht mancher Laden leer. "Wir brauchen dringend Geld - egal von welcher Landesregierung", sagt der Bürgermeister. Immer öfter wollen die Stadtoberhäupter in diesen Tagen mit Kretschmann sprechen, wenn er irgendwo zu Besuch ist. In einem Schwarzwald-Kaff kam neulich sogar der OB der Kreisstadt angefahren, um dem Grünen-Politiker seine Aufwartung zu machen. Man will sich gutstellen mit dem, der künftig das Sagen in Baden-Württemberg haben könnte.

"Das Amt muss zum Mann kommen"

Noch fremdelt Winfried Kretschmann ein bisschen mit dieser Vorstellung. "Ich habe großen Respekt vor dem Ministerpräsidentenamt", sagt er. Auch da unterscheidet sich der Grünen-Politiker wohl vom aktuellen Regierungschef. Kretschmanns Lieblingssatz zu diesem Thema stammt von Erwin Teufel. "Das Amt muss zum Mann kommen."

Den Umfragen zufolge ist es ziemlich nahe an Kretschmann herangerückt.

Am Ende seines Händler-Rundgangs steht der Grünen-Spitzenkandidat im Calwer Biokaufladen und hält eine kurze Rede. Die Kühlung der Käsetheke brummt im Hintergrund, die Inhaberin verteilt Becherchen mit Energie-Tee, während Kretschmann sich vor einigen Dutzend Zuhörern abmüht. Calw ist grüne Diaspora. "Aber neulich habe ich in Ravensburg vor 400 Leuten gesprochen", erzählt Kretschmann, als er wieder im Wahlkampfbus sitzt. Das sei neu.

Kretschmann und SPD-Spitzenkandidat Schmid kennen sich seit vielen Jahren, beide sind Finanzpolitiker, außerdem vertreten sie denselben Wahlkreis im Landtag. Über seinen möglichen Koalitionspartner sagt der Grünen-Spitzenkandidat: "Seit der Schmid SPD-Chef ist, hat sich bei denen eine Menge verändert." Kretschmann hält große Stücke auf Schmid, was ihm mit vielen anderen Sozialdemokraten im Ländle nicht so geht. Ein Bündnis mit der SPD wäre keine Herzensangelegenheit für den Grünen-Politiker, so viel ist klar. Für die Sozialdemokraten wiederum käme es einer historischen Zäsur gleich, einen grünen Regierungschef wählen zu müssen. Aber die Achse Kretschmann-Schmid würde wohl eine Menge aushalten. Sie ist jetzt schon so stabil, dass sich die beiden am Mittwoch gegenseitig auf zentralen Wahlkampfveranstaltungen besuchten.

Für viele Beobachter ist inzwischen nur noch die Frage, wer von beiden Ministerpräsident wird. Während Kretschmann noch zweifelt, scheint für Schmid die Frage entschieden. Neuerdings denkt er schon weiter.

Als der SPD-Mann kürzlich gemeinsam mit Gerhard Schröder auftrat, sprach der Altkanzler von einem seiner politischen Fehler: Die Entscheidung, die Hoheit über die Bildungspolitik vollständig den Ländern zu übertragen, würde er heute wieder rückgängig machen. Dann witzelte Schröder in Richtung Schmid: "Aber das hören Ministerpräsidenten ja nicht so gerne."

"Ach", sagte der SPD-Spitzenkandidat. "Ein Ministerpräsident kann ja auch Bundeskanzler werden."

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Seite 1
Bins 25.03.2011
1. Titel geprüft und für summa cum laude befunden
Zitat von sysopSPD und Grüne*hatten in Baden-Württemberg jahrzehntelang wenig zu melden. Nun können die Spitzenkandidaten Schmid und Kretschmann auf eine gemeinsame Regierung hoffen - auch weil beide so gut in die politische Szene im Ländle passen: ein bisschen dröge, aber klug. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,752489,00.html
Ein wohltuender Gegensatz zu den überwiegend selbstherrlichen, arroganten Machtpolitikern in Baden-Württemberg. Man wird sehen....
doc 123 25.03.2011
2. Kongeniales Duo!
Zitat von sysopSPD und Grüne*hatten in Baden-Württemberg jahrzehntelang wenig zu melden. Nun können die Spitzenkandidaten Schmid und Kretschmann auf eine gemeinsame Regierung hoffen - auch weil beide so gut in die politische Szene im Ländle passen: ein bisschen dröge, aber klug. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,752489,00.html
Ich finde, dass die beiden ein kongeniales Duo darstellen. Der "elder" statesman Kretschmann und der jüngere, hochmotivierte Wirtschaftsfachmann Schmid.
kck 25.03.2011
3. Am Ende grosse Koaliton?
Beide kommen in den Umfragen jetzt auf 24 %. Ein Patt! Wer könnte dem anderen den Ministerpräsidenten-Vortritt lassen? Harmonie vor der Wahl muss nicht auch eine nach der Wahl sein. Oder umgekehrt. Und dann doch "grosse Koalition", CDU + SPD? Auch das wäre möglich.
Litajao 25.03.2011
4. Kluge Politiker
Lieber kluge und vernünftige Politiker als diese arroganten, machthungrigen Schnösel, welche Baden Württemberg Milliarden kosten, siehe nur ENBW und St. 21, und was heißt "dröge"?
landbw 25.03.2011
5. Objektive Berichterstattung?
Der Spiegel muss sich wie viele andere Medien dieser Tage fragen lassen ob diese Berichterstattung noch objektiv und gerecht ist. Wir haben am SO eine Landtagswahl in BW. Wir stimmen über unser Land ab. Leider liest man nicht viel über das Erreichte in BW. Über die Bereiche die BW wohl zu Nr1 machen unter allen Bundesländern. Themen die die Menschen hier in BW betreffen, wie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskraft und Bildung. Die Medien und Rot-Grün machen aus der Wahl am SO ganz gezielt eine Atomwahl. Nur diese Frage werden wir auch in BW nicht lösen. Und wenn ich dann noch sehe wie der MP aus der Pfalz in BW Wahlwerbung macht und BW belehren will wie richtige Landespolitik funktioniert, dann ist das auch ein Artikel wert. Vielleicht auch mal mit einem Hinweis über die Milliarden aus dem Länderfinanzausgleich die auch teilweise in die Pfalz fliessen im Projekte wie die beim Nürburgring zu finanzieren. aber all das scheint keinen mehr zu interessieren
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