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25. März 2011, 12:48 Uhr

Wahl in Baden-Württemberg

Zwei Gscheitle gegen Mappus

Von und , Stuttgart

SPD und Grüne hatten in Baden-Württemberg jahrzehntelang wenig zu melden. Nun können die Spitzenkandidaten Schmid und Kretschmann auf eine gemeinsame Regierung hoffen - auch weil beide so gut in die politische Szene im Ländle passen: ein bisschen dröge, aber klug.

Vater und Sohn könnten sie sein. Professor und Assistent. Vorstandschef und Referatsleiter. Winfried Kretschmann, 62, und Nils Schmid, 37.

Nicht ausgeschlossen allerdings, dass der Alte bald auf den Jungen hören muss. Wird SPD-Spitzenkandidat Schmid am Sonntag zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gewählt, bliebe für Kretschmann nur der Posten des Vizeregierungschefs. Wobei es im Moment eher so aussieht, als würde "Kretsch", wie der Grünen-Spitzenkandidat im Südwesten genannt wird, demnächst das Ländle regieren, mit Schmid als Stellvertreter. In den jüngsten Umfragen sind die Grünen wieder an der SPD vorbeigezogen, gemeinsam liegen sie knapp vor Schwarz-Gelb.

Kretschmann und Schmid könnten die kurze Ära des CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus in Baden-Württemberg beenden - für die Schwarzen wäre damit eine knapp 58-jährige Regierungszeit vorbei.

An einem Freitagmorgen im März sitzen Kretschmann und Schmid nebeneinander im Moser-Saal des Stuttgarter Landtags, einem holzvertäfelten Raum mit Siebziger-Jahre-Flair, ihnen gegenüber die Vertreter der Landespresse. Es geht um die Atompolitik, aus Berlin sind der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin angereist, sie machen gleich ordentlich Dampf: Erst schimpft Gabriel ein paar lautstarke Minuten auf die Bundesregierung, anschließend poltert Trittin gegen die Atomwende von Merkel und Westerwelle.

Dann ist SPD-Spitzenkandidat Schmid dran. "Wenn etwas wichtig in der Politik ist, dann sind es Verlässlichkeit und Berechenbarkeit", sagt er. Kretschmann nickt.

Kretschmann und Schmid sind Anti-Mappus-Typen

Gabriel und Trittin sind Vollgas-Politiker - so wie der aktuelle Ministerpräsident des Landes: Stefan Mappus ist laut, selbst für Parteifreunde ein wenig zu sehr Haudrauf- und ein bisschen zu wenig Hörzu-Politiker. Sein einst kompromissloser Atomkurs bringt ihn nach der japanischen Nuklearkatastrophe in höchste Not. Die Hälfte der Wähler in Baden-Württemberg wünscht sich inzwischen einen anderen Regierungschef, wohl auch einen anderen Politikstil. Den könnten sie mit Kretschmann und Schmid wohl haben.

Die schlechte Nachricht: Es könnte ein bisschen dröge mit den beiden werden.

Den Spitzenkandidaten von Grünen und SPD traut man eine gemeinsame Landesregierung zu - aber sie könnten auch eine Sparkassenfiliale auf der Schwäbischen Alb leiten. Kretschmann, eisgrauer Bürstenschnitt und randlose Brille, wirkt mindestens so bieder wie der Nette-Schwiegersohn-Typ Schmid. Wenn der einstige Ethiklehrer Kretschmann im Landtag ans Rednerpult tritt, steigt in der Regel das intellektuelle Niveau, die Stimmungskurve im hohen Stuttgarter Haus dagegen sinkt. So ähnlich ist das bei SPD-Mann Schmid, einem promovierten Einser-Juristen.

Eigentlich keine guten Voraussetzungen für Oppositionspolitiker, die einen Amtsinhaber aus dem Amt kegeln wollen. In Baden-Württemberg ist das nun offenbar anders. Zumal die Schwaben und Badener schon immer ein Faible für Landesfürsten am Rande des Phlegmas hatten. Erwin Teufel, der außerhalb des Ländles mit seinem ewigen Pullunder als spießiger Provinz-Politiker belächelt wurde, wird dort heute noch verehrt. Und auch seinem am Ende glücklosen Nachfolger Günter Oettinger - ebenfalls kein Ausbund an politischem Temperament - weinen inzwischen viele nach.

Schmid hat im Land der Sparer über Staatsverschuldung promoviert

SPD-Mann Schmid würde ganz gut in diese Galerie passen. Er findet, dass die Sozialdemokraten sich um die Wirtschaft genauso kümmern müssen wie um die Malocher. Seine Doktorarbeit hat Schmid zum Thema Staatsverschuldung geschrieben, was im Land der Pfennigfuchser keine schlechte Idee ist. Die Internetseite NilsPlag hat sein Werk unter die Lupe genommen. Plagiatsfundstücke: null. Das freut Schmid. "Ist alles von mir geschrieben", sagt er.

Ein bisschen langweilig sind die beiden Kandidaten also, aber gescheit. Gscheitle, wie der Schwabe sagt.

Ein Donnerstag im März. Der Kandidat sitzt in seinem Wagen, er muss zu einem Termin auf der Schwäbischen Alb. Das Handy klingelt. Er muss nun dringend noch eine Mappe bearbeiten. "Gisela, du hast eine Mappe für mich?", fragt Schmid. Gisela, seine Terminbegleitung, die auf der Rückbank eingenickt ist, schreckt auf. "Äh, ja, im Kofferraum." Schmid zuckt mit den Schultern. "Egal", sagt er. Gisela schläft weiter.

Er könnte bald Ministerpräsident sein, aber Schmid macht keinen besonders aufgeregten Eindruck. Das ist erstaunlich, denn selbst in seiner eigenen Partei sind noch nicht alle davon überzeugt, dass er das kann. Zu jung, zu unerfahren, erzählt man sich in Berlin. Schmid kennt die Skepsis, aber sie kümmert ihn wenig. Noch einmal Opposition? "Ich habe keine Lust, wieder fünf Jahre nur für die Mülltonne zu arbeiten", sagt er.

Warum die Wutbürger eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen

Der SPD-Kandidat ist in Dürrwangen zu Gast, im Haus der Volkskunst. Schweres Fachwerk, an der Wand ein paar Geigen und afrikanische Masken, es ist ein gemütlicher Raum irgendwo zwischen Dorfmuseum und Almhütte. Die Stimmung ist alles andere als gemütlich. In der Gegend soll ein Gefängnis entstehen, und gegen das Projekt revoltiert, natürlich, eine Bürgerinitiative. Sie sieht alles in Gefahr, die Natur, die Tiere, das Klima. Der Sozialdemokrat hat 20 aufgebrachte Zeitgenossen vor sich, die Chefin der Gruppe bombardiert ihn mit Kleinklein über Retentionsflächen und Landesentwicklungspläne. Schmid hört sich die Predigt an, dann sagt er: "Wir schauen uns das noch mal an, aber klar ist auch: Irgendwo muss das Gefängnis hin."

Die Wutbürger schauen verdutzt.

Wutbürger sind ziemlich wichtig in diesem Wahlkampf. Es gibt sie überall im Land, vor allem aber in der Hauptstadt. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist zum Symbol der Rebellion kritischer Bürger gegen eine aus ihrer Sicht immer intransparentere Politik geworden, zuletzt gab es Riesenärger wegen des Mappus-Alleingangs beim Rückkauf des Energieversorgers EnBW. Die Wutbürger sind eine Gefahr für die bürgerliche Landesregierung, aber sie sind auch ein Test für das Verhältnis zwischen Grünen und Roten. Während die Roten sich in vorsichtiger Distanz üben, sehen sich die Grünen als Anwalt der Revoltierenden. Welche Nähe man zu den Wutbürgern pflegt, wird im Falle einer gemeinsamen Regierung eine wichtige Frage sein.

Grünen-Spitzenkandidat Kretschmann schaut an diesem Freitagnachmittag in Calw vorbei. Programmpunkt: "Besuch von Einzelhändlern". Hermann Hesses Geburtsstadt am nordöstlichen Rand des Schwarzwalds hat schon bessere Zeiten erlebt, das Rathaus wurde wegen Einsturzgefahr vor Jahren evakuiert, in der Fußgängerzone steht mancher Laden leer. "Wir brauchen dringend Geld - egal von welcher Landesregierung", sagt der Bürgermeister. Immer öfter wollen die Stadtoberhäupter in diesen Tagen mit Kretschmann sprechen, wenn er irgendwo zu Besuch ist. In einem Schwarzwald-Kaff kam neulich sogar der OB der Kreisstadt angefahren, um dem Grünen-Politiker seine Aufwartung zu machen. Man will sich gutstellen mit dem, der künftig das Sagen in Baden-Württemberg haben könnte.

"Das Amt muss zum Mann kommen"

Noch fremdelt Winfried Kretschmann ein bisschen mit dieser Vorstellung. "Ich habe großen Respekt vor dem Ministerpräsidentenamt", sagt er. Auch da unterscheidet sich der Grünen-Politiker wohl vom aktuellen Regierungschef. Kretschmanns Lieblingssatz zu diesem Thema stammt von Erwin Teufel. "Das Amt muss zum Mann kommen."

Den Umfragen zufolge ist es ziemlich nahe an Kretschmann herangerückt.

Am Ende seines Händler-Rundgangs steht der Grünen-Spitzenkandidat im Calwer Biokaufladen und hält eine kurze Rede. Die Kühlung der Käsetheke brummt im Hintergrund, die Inhaberin verteilt Becherchen mit Energie-Tee, während Kretschmann sich vor einigen Dutzend Zuhörern abmüht. Calw ist grüne Diaspora. "Aber neulich habe ich in Ravensburg vor 400 Leuten gesprochen", erzählt Kretschmann, als er wieder im Wahlkampfbus sitzt. Das sei neu.

Kretschmann und SPD-Spitzenkandidat Schmid kennen sich seit vielen Jahren, beide sind Finanzpolitiker, außerdem vertreten sie denselben Wahlkreis im Landtag. Über seinen möglichen Koalitionspartner sagt der Grünen-Spitzenkandidat: "Seit der Schmid SPD-Chef ist, hat sich bei denen eine Menge verändert." Kretschmann hält große Stücke auf Schmid, was ihm mit vielen anderen Sozialdemokraten im Ländle nicht so geht. Ein Bündnis mit der SPD wäre keine Herzensangelegenheit für den Grünen-Politiker, so viel ist klar. Für die Sozialdemokraten wiederum käme es einer historischen Zäsur gleich, einen grünen Regierungschef wählen zu müssen. Aber die Achse Kretschmann-Schmid würde wohl eine Menge aushalten. Sie ist jetzt schon so stabil, dass sich die beiden am Mittwoch gegenseitig auf zentralen Wahlkampfveranstaltungen besuchten.

Für viele Beobachter ist inzwischen nur noch die Frage, wer von beiden Ministerpräsident wird. Während Kretschmann noch zweifelt, scheint für Schmid die Frage entschieden. Neuerdings denkt er schon weiter.

Als der SPD-Mann kürzlich gemeinsam mit Gerhard Schröder auftrat, sprach der Altkanzler von einem seiner politischen Fehler: Die Entscheidung, die Hoheit über die Bildungspolitik vollständig den Ländern zu übertragen, würde er heute wieder rückgängig machen. Dann witzelte Schröder in Richtung Schmid: "Aber das hören Ministerpräsidenten ja nicht so gerne."

"Ach", sagte der SPD-Spitzenkandidat. "Ein Ministerpräsident kann ja auch Bundeskanzler werden."

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