Wahldebakel für die Linke im Osten Von ganz links nach ganz rechts

"Ich bin kein Nazi, aber...": Die Linke hat im Osten massiv an Zustimmung eingebüßt - während die AfD immer stärker wird. Was ist passiert?

Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Aus Luckenwalde berichtet


"Haben Sie gesehen", fragt der junge Zoohändler unweit des Bahnhofs in Luckenwalde, "wie viele Ausländer hier in den letzten zehn Minuten vorbeigekommen sind?" Eine Frau mit Kopftuch. Zwei Männer mit schwarzen Bärten. Eine Schwangere mit dunkler Haut. "Es waren sieben."

Der junge Mann hat während des Gesprächs vor seinem Geschäft im Stillen mitgezählt. Eigentlich ging es um die Frage, warum die Linke bei der Landtagswahl in Brandenburg so schlecht abgeschnitten hat. Die Antwort dreht sich um die Stärke der AfD: Die Ausländer, da ist sich der Händler sicher, seien der wichtigste Grund dafür, warum so viele Menschen in der Gegend für die Rechtspopulisten statt für andere Parteien gestimmt haben.

"Ich bin kein Nazi", sagt er, "ich wähle auch nicht die AfD. Aber ich sehe täglich, was hier los ist." Ihm selbst gehe es gut. Aber ihm täten deutsche Omas leid, die kaum noch das Kakerlakenspray für 9,99 Euro bezahlen könnten, während Ausländer mit Geldbeuteln voller Scheine in seinen Laden kämen.

Fotostrecke

6  Bilder
Wahl in Brandenburg: Spurensuche in Luckenwalde

Er glaubt schon zu wissen, dass er seine Kinder später nicht in Luckenwalde zur Schule schicken will, weil die, die gut deutsch sprechen können, dort dann in der Minderheit wären. "In zehn Jahren wird uns das richtig um die Ohren fliegen."

Die Straße, in der das Zoogeschäft liegt, ist der schnellste Weg für Fußgänger, die vom Bahnhof zum für den ganzen Landkreis zuständigen Ausländeramt und Sozialamt wollen. Daher laufen hier täglich deutlich mehr Migranten entlang als in den meisten anderen Straßen des beschaulichen Städtchens.

Insgesamt haben sieben Prozent der Einwohner von Luckenwalde eine ausländische Staatsbürgerschaft. Von der gefühlten Wahrheit, dass es viel mehr sein müssen, profitiert die AfD. Hat ihre Stärke auch etwas mit der Schwäche der Linkspartei zu tun?

Die Linke hatte lange Jahre den Anspruch, die Stimme des Ostens zu sein, als Kümmerpartei, als Protestpartei. Noch 2009 holte man in Brandenburg mehr als 27 Prozent. Zehn Jahre später sind es noch gerade mal etwas mehr als zehn. In mehreren Wahlkreisen Brandenburgs ging es für die Linke sogar um zehn Prozentpunkte oder mehr runter, auch in Teltow-Fläming II, wo Luckenwalde liegt. Die im Osten einst so starke Linkspartei ist auch hier nun nur noch eine unter vielen.

Ist die AfD die neue Ostpartei?

Von einem "Desaster" spricht deswegen Linkenfraktionschef Dietmar Bartsch. Seine Co-Chefin Sahra Wagenknecht sieht ihre Partei in der Mitverantwortung für den Erfolg der AfD. Die Linke sei "über viele Jahre die Stimme der Unzufriedenen" gewesen. "Indem wir uns von unseren früheren Wählern entfremdet haben, haben wir es der AfD leicht gemacht", sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Linken-Urgestein Gregor Gysi konstatierte bei "Zeit online", Die Linke sei nicht mehr die Protestpartei: "Diejenigen, die die Etablierten treffen wollen, weil sie so unzufrieden sind mit der Lage, wählen deshalb AfD."

Hat die AfD im Osten der Linken den Rang abgelaufen? "Die AfD hat die Rolle der Linken als Protestpartei übernommen", ist sich der Parteienforscher Tom Thieme sicher. Sein Kollege Hans Vorländer sagt: "Die Linke hat verloren, weil sie das Image einer etablierten Partei besitzt, und weil die AfD ihr den Schneid als vermeintliche Vertreterin ostdeutscher Interessen abgekauft hat."

Natürlich lassen sich die Verluste der Linken auf der einen Seite nicht eindimensional mit einer Abwanderung ihrer Wähler zur AfD erklären. Die Rechtspopulisten gewinnen Stimmen aus allen Lagern dazu, vor allem aus dem der Nichtwähler. Wie viele von diesen früher einmal die Linke gewählt haben, lässt sich nicht sagen.

Wählerwanderung von links nach rechts

Tatsächlich verliert aber auch die Linke von Wahl zu Wahl kontinuierlich Stimmen nach Rechtsaußen. In Brandenburg waren es laut Wähleranalyse von Infratest dimap bei dieser Wahl 12.000. In Sachsen, wo die Linke ähnlich schlecht abschnitt, waren es im Vergleich zur vorigen Wahl 27.000 - das sind mehr, als die Partei an die Grünen oder die SPD abgeben musste. Bei der Europawahl wanderten bundesweit 100.000 Wähler von ganz links nach ganz rechts.

Innenstadt von Luckenwalde
Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Innenstadt von Luckenwalde

Spurensuche in Luckenwalde: Steffen Rau, Mitte 40 und Triebwerksprüfer von Beruf, läuft an diesem Montagmittag in einer blauen Arbeiterlatzhose, auf die sein Name gestickt ist, über die Luckenwalder Einkaufspromenade. Vielleicht hätte er für die Linken gestimmt, sagt er - wenn die AfD nicht gewesen wäre. So wählte er die SPD, damit wenigstens die der AfD etwas entgegenzusetzen habe. Die Rechnung ging auf.

Vor dem Imbiss nebenan isst ein Rentner unter einem Sonnenschirm Pommes mit Schnitzel. Udo Plauschinat, 67, hat auch nicht für Die Linke gestimmt. Sie tue zu wenig für den Erhalt der sozialen Marktwirtschaft und für die Bildung - "und niemand setzt sich mit dem Thema Rentensteuer auseinander. Deshalb sitzen 90-Jährige am Computer, um Steuererklärungen zu machen. Was für ein Blödsinn."

"Nicht die Themen, die die Menschen hören wollten"

Taktik oder Inhalt? Felix Thier ist noch dabei, die Wahlschlappe für seine Partei zu verstehen. Der 33-jährige Kreisverbandsvorsitzende der Linken hat ein paar Bögen Papier zum Gespräch mitgebracht. Darauf steht, dass 135.500 Menschen in Brandenburg für die Linkspartei gestimmt haben - 47.600 weniger als vor fünf Jahren. Auch die Zahlen der Wählerwanderungen hat er sich ausgedruckt.

Felix Thier
Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Felix Thier

"Wir haben die richtigen Themen gesetzt, aber es waren vielleicht nicht die Themen, die die Menschen hören wollten", sagt Thier.

Aus der Auswertung, die vor ihm auf dem Tisch liegt, geht hervor: Fast sechs von zehn Brandenburgern sind in Sorge, dass die Kriminalität massiv zunehmen könnte. Beinahe jeder Zweite befürchtet einen Verlust der deutschen Sprache und Kultur.

Die Themen, die Menschen in Brandenburg am meisten umtreiben, sind demnach: die ärztliche Versorgung, die Polizeipräsenz, der öffentliche Nahverkehr. Zwei dieser drei Punkte habe auch seine Partei im Wahlkampf thematisiert, erzählt Thier. Die Forderung nach mehr Polizisten war nicht darunter.

Sinkende Arbeitslosenzahlen, wenige Ausländer

Der Landkreis liegt im Speckgürtel Berlins. In die Hauptstadt kann man mit dem Zug in einer Dreiviertelstunde pendeln. Die Zahl der Arbeitslosen in Luckenwalde sinkt seit Jahren, der Ausländeranteil ist vergleichsweise niedrig.

Felix Thier versteht nicht, warum so viele Bürger neidisch zur Seite schielten, auf Asylbewerber, die es selbst nicht einfach haben. "Leute, warum schaut ihr nicht nach oben, dorthin, wo der Reichtum sitzt?" Doch jene, die an der Börse große Gewinne machten, seien mit ihren "dicken Autos" eben selten in Luckenwalde unterwegs. "Die sind zu weit weg, mit denen vergleicht man sich nicht."

Thier sagt, dass Luckenwalde statistisch gesehen seit 2015 nicht unsicherer geworden sei. Und es sei doch gut, dass jetzt mehr Menschen an Sommerabenden auf den Bänken in der Fußgängerzone und im Nuthe-Park säßen und sich unterhielten. "Genau dafür wurden sie angelegt."

Dass diese Menschen allerdings oft anders aussehen und fremde Sprachen sprechen, verunsichert alteingesessene Bürger. Eine Mutter schiebt einen Kinderwagen durch den Park, in dem es nach frisch gemähtem Gras riecht, eine Taube gurrt, Wolken spiegeln sich im Teich. "Abends laufe ich als Frau hier nicht mehr gern durch", sagt sie.

Nuthe-Park
Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Nuthe-Park

Ein Vater erzählt, vor ein paar Jahren habe man in diesem Park noch mit Kindern picknicken können. "Jetzt geht man hier nur noch hin, wenn man Ärger sucht oder Drogen kaufen möchte." Eine Frau, die ihr Fahrrad durch den Park schiebt, sagt hingegen, sie habe hier noch nie etwas Bedrohliches erlebt.

Luckenwalde hat sich verändert in den vergangenen Jahren. Ob das eher Gefahren oder Chancen birgt, beantwortet jeder Luckenwalder auf seine Weise. "Wie reagiert man auf Angst?", fragt Felix Thier. Mit nüchternen Argumenten könne man auf dieses diffuse Gefühl schlecht eingehen.

Es ist eine Frage, die alle Parteien auch in kommenden Wahlkämpfen begleiten wird. Nur die AfD scheint ihre ganz eigene Antwort darauf gefunden zu haben. Sie schürt die Angst.

Die Linke ringt nun um einen "Neuanfang", inhaltlich und personell. Wie der aber konkret aussehen könnte, soll erst nach der Wahl in Thüringen geklärt werden. Dort will Bodo Ramelow, der bislang einzige Ministerpräsident der Linkspartei, die Staatskanzlei verteidigen - in Umfragen aber hat sein rot-rot-grünes Bündnis keine Mehrheit mehr. Die AfD kann mit starken Zugewinnen rechnen.

Landtagswahl Brandenburg 2019

Endgültiges Ergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
SPD
26,2
-5,7
CDU
15,6
-7,4
Die Linke
10,7
-7,9
AfD
23,5
+11,3
Grüne
10,8
+4,6
BVB / Freie Wähler
5
+2,3
FDP
4,1
+2,6
Sonstige
4,1
+0,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 88
Mehrheit: 45 Sitze
10
25
10
5
15
23
Quelle: Landeswahlleiter
insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fritzkowski 04.09.2019
1. Die LINKE
muss endlich aufhören, im eigenen Saft zu kochen und zur Basis gehen. Wo sind Demonstrationen, getragen von der LINKEN? Nicht nur die, an die sie sich dranhängen. Wo sind Diskussionsrunden und Versammlungen mit politischen und wirtschaftlichen Vorträgen noch im kleinsten Dorf, auch wenn nur ein paar Leute kommen? Wo wird überhaupt noch eine Debatte geführt, statt jeden, der anderer Meinung ist, ohne Anhörung von Argumenten in die rechte Ecke zu schieben und niederzumachen? Im Parteibüro sitzen und warten und ab und an mal Luftballons verteilen ist nicht gut genug. Wo ist die klare Kante gegen den Kapitalismus? Hier auf dem Plakat stand "Mensch bleiben". Was soll mir das sagen? Hört auf, den Wählern hinterherzurennen und habt endlich einen klaren, eigenen Standpunkt. Hört auf, den Soja-Latte-Ökos hinterherzulaufen und kümmert euch ums einfache Volk.
Leser00815 04.09.2019
2. Rechtsradikal zu sein ist schon schlimm
... aber rechtsextrem zu wählen ist noch viel schlimmer. Die Nazis und anderen Rechten dieses Landes können ihr Unwesen nur treiben, weil ihre Wähler sie ins Amt befördert haben. Was also hilft's, wenn jemand sagt "Ich bin kein Nazi, aber..."? NICHTS!, denn er ist und bleibt der Hauptverantwortliche.
bollocks1 04.09.2019
3. Das kommt davon...
...wenn man die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Wählerschaft ignoriert und nur die eigene, utopische Politik durchsetzen will.
vlscout 04.09.2019
4. Globaler Umverteilungswahn der Linken
Aus Sicht der Linken sind halt die Ostdeutschen auch nichts weiter als weiße Kolonialisten, die unverdient zu ihrem im globalen Maßstab unverhältnismäßigem Wohlstand gekommen sind. Und die jetzt die Klappe zu halten haben, wenn sich der schwarze Mann und der Moslem durch Migration in die europäischen Sozialsysteme das nimmt, das ihm zusteht. Überraschenderweise kann man mit einer solchen Politik und Weltanschauung, abgesehen von einigen von white guilt befallenen Champagner-Sozialisten in den Großstädten, in Deutschland keine Stimmen gewinnen
MikeRubato 04.09.2019
5. Zwei Möglichkeiten gibt es
Entweder Politik und Medien konstruieren weiterhin Scheinwirklichkeiten über angeblich abgehängte Bürger etc., oder das Problem, das die Menschen europaweit umtreibt, wird endlich klar thematisiert und angepackt: Hilfe für echte Flüchtlinge ja, inkl. Rückkehr in die Heimat nach Ende der Fluchtursache. Stopp aller anderen illegalen Migration, inkl. Abschiebungen und Rückführungen afrikanischer Wirtschaftsmigranten im Mittelmeer. Stattdessen geordnete Migration nach klaren Kriterien wie in Kanada etc. Dann klappt's auch wieder mit dem Wahlverhalten. Und wenn die Medien diese Position unterstützen, werden sie vielleicht auch wieder abonniert und am Kiosk gekauft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.