Alternativen zum Wahl-O-Mat Diese Thesen-Checker helfen bei der Wahlentscheidung

Den Wahl-O-Mat kennt fast jeder, seit bald 20 Jahren soll das Tool den Menschen die Wahlentscheidung erleichtern. Reicht Ihnen nicht? Es gibt Alternativen im Netz – vom Klimalotsen bis zum Polit-Tinder.
Vom Wal bis zur Landwirtschaft: Wahl-O-Mat-Alternativen im Netz

Vom Wal bis zur Landwirtschaft: Wahl-O-Mat-Alternativen im Netz

Foto: Marc Röhlig / DER SPIEGEL

Knapp drei Wochen vor der Bundestagswahl ist der Ausgang der Wahl denkbar ungewiss. Union, SPD und Grüne liegen in den Umfragen nahe beieinander, und egal, wer am Ende vorne liegt, um regieren zu können, sind alle drei Parteien aller Voraussicht nach auf ein Bündnis mit mindestens zwei weiteren Partnern angewiesen.

Wie nah oder fern aber stehen sich die Parteien inhaltlich? Welche Programme entsprechen am ehesten Ihren Vorstellungen? Wem wollen Sie Ihre Stimme geben? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, findet Hilfe im Netz.

Der Klassiker unter den Online-Wahlentscheidungshelfern ist der Wahl-O-Mat, den auch der SPIEGEL in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung präsentiert. Seit 2002 bietet die Bundeszentrale das Tool regelmäßig vor großen Wahlen an. Es ist mit 38 Thesen zu politischen Thesen bestückt, kuratiert von einer Gruppe  aus Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, Statistikern und Pädagogen, aber auch einer Jugendredaktion aus Erstwählerinnen und -wählern sowie Verantwortlichen der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Thesen kann man mit »stimme zu«, »stimme nicht zu«, »neutral« oder »These überspringen« markieren. Am Ende lassen sich bestimmte Antworten noch stärker gewichten, dann vergleicht der Wahl-O-Mat, welche Partei der eigenen politischen Position am nächsten steht. So weit, so simpel.

Immer wieder gibt es aber auch Kritik am Wahl-O-Mat. Lange Zeit konnten Nutzerinnen und Nutzer nur acht Parteien zum Vergleich auswählen, die größten wurden prominent angeboten. Kleinere Parteien beklagen, dass sie so kaum eine Chance hätten, im Thesen-Check wahrgenommen zu werden. Die proeuropäische Partei Volt hatte 2019 sogar erfolgreich gegen den Wahl-O-Mat geklagt – das Tool musste kurz vor der Europawahl bis zu einer Einigung kurzfristig vom Netz. Mittlerweile erlaubt der Wahl-O-Mat die Auswahl aller an der Bundestagswahl teilnehmenden Parteien, platziert aber weiterhin die aktuell im Parlament vertretenen Parteien prominenter.

Weitere Kritikpunkte, die von manchen vorgebracht werden: Es gebe den Wahl-O-Mat nur auf Deutsch, auch normalisiere er durch die neutrale Abbildung rechtsextreme Parteien.

Das sind die alternativen Thesen-Checker

Der Wahl-O-Mat ist aber längst nicht mehr die einzige Entscheidungshilfe im Internet. Wer seinen Fokus lieber auf spezielle Themenfelder wie Klimaschutz, Feminismus oder die Agrarpolitik setzt, wird genauso fündig wie alle, denen der Wahl-O-Mat noch nicht genug ins Detail geht.

»Wahltraut« konzentriert sich auf die Themen Gleichstellung und Inklusion, es gibt Abfragen zur Frauenquote, den Rechten von LGBTQ+ und antirassistischer Politik. Die Thesen haben die Macherinnen und Macher gemeinsam mit einem unabhängigen Gremium erarbeitet – darin vertreten sind Organisationen wie UN Women Germany, die Amadeu-Antonio-Stiftung und »Doctors for Choice«.

Nachteil: Lediglich die im Bundestag vertretenen Parteien stehen zur Auswahl, außer die AfD. Die habe auf den Thesenkatalog nicht geantwortet, so das »Wahltraut«-Team.

Der Kompass wurde von der Uni Münster erstellt. Ähnlich wie der Wahl-O-Mat basiert er auf insgesamt 30 Thesen, zu denen Sie sich positionieren können – allerdings nicht nur mit »stimme zu« oder »stimme nicht zu«, sondern auf einer fünfstufigen Skala von »stimme vollkommen zu« bis »stimme überhaupt nicht zu«. So soll das Ergebnis weiter verfeinert werden.

Am Ende steht ein Prozentwert, der angibt, wie sehr man mit welcher Partei übereinstimmt. Das Ergebnis lässt sich aber auch auf einem politischen Koordinatensystem anzeigen.

Neben den sechs im Bundestag vertretenen Parteien werden allerdings nur die Freien Wähler, Volt, Die Partei, Piraten, ödp und die Tierschutzpartei ausgewertet.

Der »WahlSwiper« will ein bisschen wie eine Dating-Plattform sein: quick and dirty. Statt ausdifferenzierter Zustimmung antwortet man auf politische Grundsatzfragen einfach mit »Ja« oder »Nein«. Die Fragerunde macht das angenehmer, die Auswertung aber ungenauer.

Hinter der App steckt der gemeinnützige Verein »Vote-Swiper«, der die zugehörige kostenlose App durch Spenden finanziert.

Bonus: Neben Deutsch kann man die Fragen unter anderem auch auf Englisch, Französisch, Türkisch, Russisch, Arabisch, Persisch und Kurdisch beantworten.

Die Bundestagswahl 2021 gilt als Richtungswahl in Sachen Klimakrise. Der »Klimawahlcheck« konzentriert sich daher auf die Klimaschutzziele der Parteien. Es gibt 28 Fragen zu Energie, Mobilität, Industrie, Gebäude, Klimagerechtigkeit und Klimazielen sowie Landwirtschaft und Artenvielfalt. Hier dem Klimacheck stehen die Klima-Allianz Deutschland, GermanZero und den Naturschutzbund (Nabu).

Allerdings bleiben die Auswahlmöglichkeiten unterkomplex: Das Team hat lediglich die Wahlprogramme von Union, SPD, Linke, Grünen und FDP ausgewertet. Kleinere Parteien werden nicht berücksichtigt, weil deren Teilhabe an einer künftigen Regierung unwahrscheinlich scheint.

Die AfD wurde gleich ganz außen vor gelassen, weil die Partei die Klimakrise negiere: »Auf dieser Basis erachten wir eine Bewertung klimapolitischer Maßnahmen des AfD-Wahlprogramms als nicht möglich und haben daher auf diese verzichtet«, schreibt das Team von »Klimawahlcheck«.

Ähnlich wie beim Thema Klima gibt es auch für soziale Gerechtigkeit einen eigenen Entscheidungshelfer, der die vier Schwerpunkten Arbeit, Gesundheit, Familie und Kinder, Migration umfasst.

Entwickelt wurde der »Sozial-O-Mat« von der Diakonie Deutschland, es gibt je fünf Thesen pro Schwerpunkt. Das Angebot soll aufzeigen, »welchen Stellenwert zentrale Fragen der Sozialpolitik und des gesellschaftlichen Miteinanders in einer kommenden Regierung und im Parlament haben werden«, so Diakoniepräsident Ulrich Lilie.

Es wurden jedoch nur Antworten der sechs großen derzeit im Bundestag vertretenen Parteien berücksichtigt.

Das Portal »DeinWal« geht einen anderen Weg als die übrigen Online-Helfer: Es wertet nicht aus, was Parteien in ihren Programmen versprechen – sondern was sie bisher getan haben. Die Macherinnen und Macher stellen 25 Fragen auf, die Antworten je Partei leiten sie aus den real stattgefundenen Abstimmungen der laufenden Legislaturperiode ab. So soll ein realistisches Bild entstehen, wie die Parteien nach der letzten Bundestagswahl tatsächlich agiert haben.

Der Haken: Nutzerinnen und Nutzer können entsprechend nur die Parteien vergleichen, die im Bundestag sitzen. Kleinere Parteien bleiben auch hier außen vor.

Das Magazin »agrarheute« hat einen eigenen Parteienfinder kreiert, der sich auf agrarpolitischen Positionen spezialisiert. Die Redaktion hat dafür 24 Thesen rund um Tierwohlkennzeichen, Wolfsjagd und Glyphosat-Zulassung aufgestellt – und die sechs im Bundestag vertretenen Parteien um Antworten gebeten. Alle Parteien haben mitgemacht.

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