Wahlabrechnung in der SPD "Ein Inszenierungsflop"

Nach dem knappen Wahlsieg rechnen die Genossen parteiintern mit ihrer Wahlkampfführung ab. Die einst hochgelobte Ideenfabrik Kampa und die "Spindoktorei" ihres Chefs Matthias Machnig werden hart kritisiert. Die keulen zurück: In der SPD gebe es zu viele "Heckenschützen", die keine Ahnung haben.


Schluss mit SPD-Spindoctor: Matthias Machnig, 42
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Schluss mit SPD-Spindoctor: Matthias Machnig, 42

Berlin - Nach dem Sieg war der Jubel groß und die Lobeshymnen wollten gar nicht enden. Maßstäbe habe diese Art des Wahlkampfs gesetzt, frischer, moderner, professioneller, schlagkräftiger sei die SPD im Vergleich zur staunenden Union gewesen. Und auch die eigene Partei habe man mitgerissen durch die Ideenfabrik Kampa, dem Thinktank nach amerikanischem Vorbild, der eigens aus der Parteizentrale ausgelagert worden war. "Das war ein Gesamtkunstwerk" jubelte SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig, Erfinder und Führer der Kampa, stolz. Das war 1998.

Vier Jahre später wird in der SPD auch wieder abgerechnet. "Sonderangebot" steht auf dem Preisschild der Kaffeebecher mit dem Logo der "Kampa 02", die nun zum Schleuderpreis in der Parteizentrale verramscht werden. "Diesmal haben wir nicht wegen, sondern trotz der Kampa gewonnen", stöhnen die Genossen. "Selten gab es in Wahlkämpfen aus den Gliederungen so viel Unmut über und Kritik an der zentralen Wahlkampfleitung des Parteivorstands wie 2002. "Die 'Kampa 02' als Remake der 1998 erfolgreichen Kampagnenzentrale 'Kampa' war von vornherein ein Inszenierungsflop", schreibt der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels in der Zeitschrift "Berliner Republik", die von jüngeren SPD-Abgeordneten getragen wird.

Zu lange brauchte die SPD in diesem Rennen, um doch noch aus der Talsohle zu kommen. Zu lange habe man an dem "artifiziellen" Stil der Kampagneros nach amerikanischem Vorbild festgehalten. "Manche Botschaft, manches Material war entweder zu plump oder zu durchgestylt", kritisiert Bartels.

In der Partei regt sich Unmut. Ein Kreis junger Parlamentarier kritisiert in einem Positionspapier, die "Lebens- und Erlebenswelt der Spitzenfunktionäre einschließlich ihrer Entourage aus der Kampa" drohe sich von der Parteibasis zu entkoppeln. Machnig habe die Parteireform in den vergangenen Jahren nur als "technokratischen Prozess" an den Mitgliedern vorbei betrieben. Und auch die SPD-Linken rund um Andrea Nahles fordern in einem Brief an die Parteiführung die "Besinnung auf Werte".

Der SPD ist die Diskussion unangenehm. Machnig wird zum Ende des Jahres, angeblich nach eigenem Wunsch und Plan, seine Arbeit niederlegen. Parteichef Gerhard Schröder hatte ihm nur im Präsidium, nicht öffentlich, für seine Arbeit gedankt. Machnig selbst sieht an seiner Arbeit nichts auszusetzen, die meist indirekten Vorwürfe weist er zurück und sieht sich als Sündenbock für die Versäumnisse anderer.

Doch die permanente Kritik an seiner Wahlkampfführung und die Entmachtung Machnigs durch den Kanzler sechs Wochen vor der Wahl waren ein deutliches Zeichen. Zwar wird heftig dementiert, dass Machnig im Schlussspurt der Partei nicht mehr der Chef war, aber die Endphase des SPD-Kampfes lief doch spürbar mit der "Marke Müntefering": den Helm enger schnallen und mehr reingrätschen statt irgendwelcher Image-Kampagnen der Marke ruhige Hand.

Wie tief die Kluft im Verständnis von Wahlkampf zwischen Machnig und Co. und der Partei schon war, während das Spiel noch lief, zeigen auch die Äußerungen nach der Wahl. Ständiger Begleiter seiner Arbeit in Kampa und Parteizentrale waren die "Heckenschützen" (Machnig) aus der eigenen Partei, die fürchteten, vom frischen Wind weggefegt zu werden, den Machnig in die verkrustete Organisation bringen wollte. So seine Version.

Machnigs Art ist weit entfernt von der Mentalität des geordneten Aufstiegs durch die Gremien, die unter den Funktionären der Traditions-Partei SPD weit verbreitet ist. 1995 ist er aus einem sicheren Ministeriumsjob in Nordrhein-Westfalen in die Bonner SPD-Baracke gewechselt. Das Jahr betont er gerne, um zu zeigen, dass er schon damals mutig und risikofreudig war. Nicht viele setzten damals im Jahr des Scharping-Sturzes auf die SPD.

Kampa: SPD-Wahlkampfzentrale
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Kampa: SPD-Wahlkampfzentrale

Doch viele Genossen rieben sich am harten und selbstgefälligen Führungsstil des Parteimanagers und dessen theoretischer und abgehobener Strategie, die er aus den USA kopierte, nach dem Motto: Die Partei ist nichts, Image ist alles. "Da sprechen zum Teil Ahnungslose", schießt Machnig zurück. "Wenn ich in der eigenen Partei so viel Wertschätzung bekommen hätte wie im Ausland, wäre ich zufriedener gewesen", bilanziert er seinen Abgang.

Den Sonderparteitag zur Absegnung des Koalitionsvertrages soll er noch organisieren - dann ist Schluss. Einige Genossen rechnen bei dem Delegiertentreffen auch noch mal mit "kritischen Tönen" zu dieser "Art von Wahlkampf".

"Unprofessionelles Professionalitätsgequatsche über werbliche Wirkung und viel pseudowissenschaftliches Geraune drumherum", ortete Bartels in den Kampa-Papieren und -Ideen. "Da wurde gespindoktort, bis die ganze Presse grinste. Und der Partei gab man die Schuld an den schlechten Umfragewerten. Die Basis-Amateure waren angeblich nicht motiviert genug, verschliefen den Wahlkampf, hatten keine Ahnung, worauf es für Wahlsiege im neuen Kampa-Deutschland heute ankommt", beschwert sich der Kieler Abgeordnete über die Selbstgefälligkeit der Vorgaben aus Berlin.

"Ich wähle Doris ihren Mann seine Partei"

Dabei habe doch erst eine "riesige Mitgliederpartei, die aus tausend politischen Kämpfen weiß, wie man kämpft", Wirkung gezeigt. Jene "Kampa von unten" spreche eine andere Sprache und folge einer anderen Ästhetik. Bartels verweist darauf, dass der Slogan des SPD-Wahlkampfes schlechthin von der Basis stammte. Jenen Slogan hatte Schröder selbst am Ende in seinen Wahlreden verwandt. Er erreichte als Aufdruck auf T-Shirts und Tassen Kultstatus. Ein schlichter Satz im Ruhrgebietsdeutsch, auf den kein Spin-Doktor oder Werbeagentur gekommen war: "Ich wähle Doris ihren Mann seine Partei." Auch die aufpolierte SPD kehrt nach der Wahl zu den einfachen Wahrheiten zurück. Das hauchdünne Ergebnis bei der Wahl ist in der SPD noch nicht verdaut. Ein schweres Erbe für den neuen Generalsekretär Olaf Scholz, der die Partei mit ihren Funktionären in Berlin versöhnen muss.



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