Wahlfahrt Großherzige Hausbesetzer in Halle

Sylvie Gagelmann

Von Ulrike Linzer

2. Teil: Menschen motivieren, Kinder von der Straße holen


Seine kurzen Hosen und das T-Shirt sind mit Blumenerde bekleckert, die verschwitzten Haare stehen vom Kopf, als er auf die andere Straßen zeigt: "Direkt hier gegenüber lag das Geburtshaus von Margot Honecker. Die ist hier im Viertel auch zur Schule gegangen."

Die Mitglieder von "Postkult" sind nicht die Einzigen, die sich um leer stehende Altbauten kümmern. Der Verein "Haushalten Halle" verfolgt mit seinen "Wächterhäusern" ein ähnliches Konzept: Gebäude sollen gerettet werden - durch Bewohnen.

Die Nutzer zahlen keine Miete, übernehmen aber die Nebenkosten und erhalten die Bauten. "Hauswächter passen auf, dass es nicht reinregnet und keiner die Scheiben einschmeißt. Sonst würde es schnell schimmeln. Ein Haus wird gewissermaßen konserviert", erklärt Stephan Schirrmeister.

Mehr Läden, mehr Galerien, mehr Cafés

Die Idee stammt aus Leipzig, wo seit 2004 schon zwölf Gebäude wieder belebt wurden. Derzeit ist der 28 Jahre alte Schirrmeister für den Hallenser Verein auf der Suche in Glaucha. "Die Häuser müssen bestimmte Auflagen erfüllen, denn wir haben selber kein Geld, um in große Sanierungen zu investieren." Sie wollen sich jetzt um die vielen leer stehenden Gewerberäume kümmern.

Glaucha brauche mehr Läden, Galerien oder Cafés, meint Schirrmeister. Studenten interessierten sich dafür, hier eine Fahrradwerkstatt zu eröffnen, in der sie nicht nur günstig Ersatzteile und Hilfe bei der Reparatur anbieten, sondern auch Geschichten zu den alten Gebäuden erzählen.

Ohne Vereine wie "Postkult" und "Haushalten Halle" wäre Glaucha ein ödes Ghetto. Durch sie werden nicht nur leer stehende Häuser vor dem Verfall bewahrt, sondern auch Menschen motiviert und Kinder von der Straße geholt. Das nehmen inzwischen auch die Behörden wahr - und machen die Initiativen zu Kooperationspartnern.

"Durch Leerstand Potentiale freisetzen"

Im Rahmen der für das kommende Jahr geplanten "Internationalen Bauausstellung" werden nun die Graswurzelprojekte von offizieller Seite unterstützt. Ein von der Stadt beauftragter Bausachverständiger vermittelte "Postkult" Räume für ihr Kulturlabor und setzte sich auch für die Baulücke ein, in der jetzt der Stadtteilgarten entstanden ist.

"Unsere Idee ist aufgegangen", sagt Krause. "Wir wollten dem Desinteresse der Bewohner und der Verantwortlichen etwas entgegensetzen und den Menschen bewusst machen, dass durch den Leerstand auch Potentiale freigesetzt werden können."

An ihm vorbei tragen zwei junge Männer wahlplakatgroße Aufsteller mit Fotos, die nun auch den Garten zieren sollen. Es sind Porträts von den Menschen im Viertel, die der Künstler Matthias Ritzmann in den letzten Monaten gemacht hat und nun zur Eröffnung des Gemeinschaftsgarten ausstellt. Die Bilder zeigen die Bewohner von Glaucha auf der Straße, mit ihren Hunden oder Einkaufsbeuteln.

Ein 55-Jähriger, der auch auf den Fotos zu sehen ist, verputzt gerade mit einem Spachtel Mörtel auf einer Mauer, um ein Muster anzubringen. Zwei Kinder stehen neben ihm und drücken bunte Steine als Ornamente in die Wand.



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