Wahlforschung Gefragte Umfragen

Nie hat es in Deutschland eine solche Flut an Umfragen gegeben wie vor dieser Bundestagswahl. Doch obwohl sie nur Stimmungen widerspiegeln: Der Einfluss der Erhebungen auf das Wahlverhalten ist groß.

Von Stefanie Bersin




Meinungsforschung: Komplexe Effekte auf die Wahlentscheidung
AP

Meinungsforschung: Komplexe Effekte auf die Wahlentscheidung

Hamburg - Ein Forschungsprojekt zum Thema "Wahlumfragen" kam zu vielsagenden Ergebnissen. Die Zahl der Erhebungen habe sich zwischen 1980 und 1998 insgesamt verfünffacht. Und: Die Bundesbürger haben sich an die Masse der Prognosen in diesem Wahlkampf schon fast gewöhnt. Auch die TV-Duelle im Fernsehen und andere medienwirksame Inszenierungen zeigen, wie sich der Wahlkampf in Deutschland verändert hat.

"Meinungsumfragen gehören heute zum Standardrepertoire der Medienberichterstattung", erklärt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Augsburg. Der 37-Jährige untersucht drei Monate vor der Wahl die Umfragen und ihre Platzierung in den Medien. Die Analysen des Forschungprojektes reichen bis 1980 zurück.

Leihstimmen- oder Fallbeileffekt?

"Meinungsumfragen haben hauptsächlich zwei Effekte auf das Wählerverhalten: den Koalitionswählen- oder Leihstimmeneffekt und den Fallbeileffekt", sagt Brettschneider. Der Koalitionswählen- oder Leihstimmeneffekt entspricht eher dem taktischen Wählen. Dabei entscheidet sich der Wähler nicht für seine bevorzugte Partei. Anhänger einer der beiden großen Volksparteien geben oft dem kleineren Koalitionspartner ihre Stimme, damit eine Mehrheit für die gewünschte Koalition zu Stande kommt.

Wahlentscheidung: Umfragen sensibilisieren die Bürger
DPA

Wahlentscheidung: Umfragen sensibilisieren die Bürger

Den Fallbeileffekt könnte dieses Mal die PDS zu spüren bekommen. "Die bevorzugte Partei wird hier nur dann gewählt, wenn sie auch Aussicht auf Erfolg hat", erklärt Brettschneider die zweithäufigste Auswirkung der Umfragen auf das Wahlergebnis. Der Wähler entscheidet sich hier nur für die Partei, wenn er von ihrem Erfolg ausgehen kann. Ist die Chance der Partei, in den Bundestag einzuziehen gering, wäre seine Stimme verloren. Der Einfluss der Meinungsumfragen wird hier besonders deutlich: Die Wähler entscheiden sich nicht für die Partei, wenn sie in den Meinungsumfragen unter fünf Prozent liegt. Zeigen die Umfragen aber die Aussicht auf Erfolg an, ist es wahrscheinlich, dass der Partei der Einzug in den Bundestag tatsächlich gelingt.

Generell beurteilt der Kommunikationswissenschaftler die Effekte der Erhebungen positiv: Sie bewirkten einen höheren Grad an Mobilisierung, denn der knappe Ausgang der Meinungsumfragen werde viele Unentschlossene überzeugen, an der Wahl teilzunehmen.

Die Zahl der Umfragen hätte aus mehreren Gründen zugenommen: "Die Umfragen können heute billiger per Telefon durchgeführt werden. Außerdem haben die Journalisten ihre Einstellung zur Demoskopie verändert: Immer mehr Medien kooperieren mit Meinungsforschungsinstituten", erklärt Brettschneider. Auch das Interesse der Wähler sei gestiegen, denn nichts sei "so spannend, wie zu erfahren, was andere denken".

Taktische Wähler: Großes Interesse an Umfragen

Über die Bedeutung der Umfragen ist viel gestritten worden. Das Forschungsprojekt Brettschneiders fand heraus, dass gerade die taktischen Wähler mit hohem Bildungsgrad die Umfragen für sich nutzen.

Nach Meinung des Forschers entscheiden zwischen 20 und 30 Prozent der Wahlberechtigten in den letzen drei Tagen, wem sie ihre Stimme geben. Über die letztendliche Wahl entscheide die Kompetenz der Partei in dem Bereich, der gerade von Medien und Politik "platziert" worden sei.



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