Beobachtungen zum Wahlkampf Selfies, Wut und viele Zahlen

Der Bundestagswahlkampf geht zu Ende. Am Sonntagabend werden die einen feiern, die anderen trauern. Was bleibt von diesen Wochen? Fünf Beobachtungen.
Schulz im Selfie-Wahlkampf

Schulz im Selfie-Wahlkampf

Foto: THOMAS KIENZLE/ AFP

1. Bilder

Früher ging man auf Parteikundgebungen und holte sich anschließend eine gedruckte Autogrammkarte. Wer es richtig authentisch haben wollte, der wartete am Rande der Bühne und ließ sich am Ende eine Broschüre persönlich signieren. Das Autogramm von heute ist das Selfie. Je prominenter der Politiker, desto begehrter ein gemeinsames Bild per Smartphone.

Ganz oben auf der Liste der begehrtesten Motive steht natürlich die Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel, aber auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz brauchte bei seinen Veranstaltungen minutenlang für den Weg bis zum Rednerpult - Selfie hier, Selfie da. Im Spitzenfeld dieser Liga spielt allerdings auch FDP-Frontmann Christian Lindner. Lindner war im Wahlkampf der Meister der Selbstvermarktung, was offenbar auch seinem Selfie-Marktwert geholfen hat.

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2. Hass

Es gab Wahlkämpfe, die viel erbitterter geführt wurden als dieser. Gegen die Auseinandersetzungen beispielsweise, die sich SPD und Union vor den Wahlsonntagen 1976 und 1980 lieferten, wirkte der Umgang zwischen Sozialdemokraten und Konservativen in den zurückliegenden Wochen wie rhetorisches Wattebäuschchen-Werfen. Wenn Helmut Kohl oder Franz-Josef Strauß im TV-Studio auf den damaligen SPD-Kanzler Helmut Schmidt trafen, flogen richtig die Fetzen, auf den Marktplätzen trillerte und pfiff man schon mal gegen den politischen Gegner. Aber es ging immer um das Argument, so scharf es mitunter auch angespitzt war.

Animation: So wird der Bundestag gewählt

SPIEGEL ONLINE

In diesen Wahlkampf dagegen schwappte pure Wut. Und Hass. Auf das Establishment, also die sogenannten Altparteien und ihre Vertreter, allen voran die Kanzlerin. Zum Teil gut organisiert von der AfD und befreundeten Gruppierungen, die ihre Störer bestens postierten, wenn Merkel auftrat - mitunter wich sie wegen der Dauerpöbler sogar von den Marktplätzen in Hallen und Säle aus. Wut und Hass werden die AfD wohl in den neuen Bundestag tragen, die Politik haben sie bereits in diesem Wahlkampf verändert.

3. Unterscheidbarkeit

Angela Merkel musste in diesem Wahlkampf nur Angela Merkel sein. Es dürfte, wieder einmal, gereicht haben, um weiter regieren zu können. Bloß nicht anecken, Erfolge betonen, alles wird gut. Als beliebte Kanzlerin kann man so durchkommen. Abgesehen von der AfD, die allein wegen ihrer Wut- und Anti-Haltung in den Bundestag einziehen dürfte, hatten es dagegen alle Parteien schwer.

Manche haben die richtigen Schlüsse gezogen: FDP-Spitzenmann Lindner inszenierte sich als Mischung aus Popstar und liberalem Nonkonformisten - man konnte sich über Lindner herrlich aufregen, diese Reibung verschaffte ihm Profil. Das gelang auch Linken-Spitzenfrau Sahra Wagenknecht, die zwar im Wahlkampf nichts anders machte als sonst, also eine Art 2017er Rosa Luxemburg zu sein, aber das funktionierte, weil es ihre Partei unterscheidbar machte.

Linken-Politikerin Wagenknecht

Linken-Politikerin Wagenknecht

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Die Grünen-Spitzenleute dagegen versuchten, es allen recht zu machen, mal Richtung SPD zu blinken, am Ende wieder Richtung Union, dabei so geschliffen und arriviert in der Anmutung, dass von grüner Stacheligkeit bei Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir nichts mehr zu spüren war. Und auch die SPD wird in der Fehleranalyse feststellen müssen, dass sie Martin Schulz zu viele Kanten abgehobelt hat.

4. Neugier

Ein langweiliger Wahlkampf sei das gewesen, wird häufig behauptet. Das Interesse der Bürger an dem, was in den vergangenen Wochen passierte, spricht jedenfalls dagegen. Die Menschen sind neugierig gewesen - auf diesen Schulz von der SPD, zu dessen Auftritten bis zu 5000 Menschen kamen, auf die ewige Kanzlerin Merkel sowieso, die wollten in Heilbronn sogar 7000 sehen und hören, auch die Spitzenleute der kleineren Parteien zogen mehr Zuhörer an als erwartet. Die Social-Media-Kanäle der Parteien brummten wie noch nie, YouTube-Interviews für jüngere Wähler gehören inzwischen zum Standard. Auch die Quoten der unzähligen Wahlformate im Fernsehen waren in der Regel gut.

Und nicht zu vergessen: Die große Zahl von Neueintritten in die demokratischen Parteien, allein 22.000 verzeichnete die SPD seit Jahresanfang. Eine entpolitisierte Gesellschaft? Diese Zahlen sprechen dagegen.

5. Zahlen

Infratest, Forschungsgruppe Wahlen, Forsa, Insa, Emnid, GMS, YouGov - und natürlich auch die Demoskopen von Civey, mit denen SPIEGEL ONLINE zusammenarbeitet. Noch nie gab es in einem Wahlkampf so viele Meinungsforschungsinstitute, die pausenlos Zahlen zur politischen Stimmung lieferten. Die Parteien und ihre Spitzenakteure werden ständig neu vermessen - und stürzen sich selbst genauso gierig auf die Daten wie die Medien.

Alle sind besessen von den Zahlen, als ob Politik wie die Fußball-Bundesliga funktioniere, in der sich die Tabelle nach jedem Spiel verändert. Gleichzeitig hat diese sich ständig bewegende Politiktabelle Auswirkungen auf die Entscheidung der Bürger im Wahlkampf. Am Sonntag, ab 18 Uhr, wird sich zeigen, wie nah die Demoskopen dem tatsächlichen Ergebnis gekommen sind.