Wahlkampf Genosse ohne Bosse

Deutsche Wirtschaftsgrößen suchen die Nähe zu Angela Merkel. Erst am Wochenende trafen sich Spitzenmanager mit der Kanzlerkandidatin in Aachen. Die SPD will nicht offensiv dagegen halten: Allzu große Wirtschaftsnähe passt nicht zur Wahlkampfstrategie.

Von Benjamin Triebe


Schröder in Riad: Zum Wohl der deutschen Wirtschaft
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Schröder in Riad: Zum Wohl der deutschen Wirtschaft

Berlin - Es ist wenig geblieben von Gerhard Schröders Image als Freund der großen Konzernlenker. In freudiger Erwartung eines Unions-Sieges bei der Bundestagswahl scharen sich die Vorstandsvorsitzenden großer Dax-Unternehmen wie E.on, ThyssenKrupp und BASF um Kanzlerkandidatin Merkel. Ausgerechnet der langjährige Siemens-Chef und Schröder-Intimus Heinrich von Pierer übernahm die Rolle des Chefberaters von Angela Merkel in Wirtschaftsfragen. Und der Genosse der Bosse? Der muss sich im laufenden Wahlkampf mit Unterstützung von B-Promis aus der deutschen Wirtschaft begnügen: Mit einer ganzseitigen Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wirbt eine "Initiative Wirtschaft für Gerhard Schröder" um Vertrauen in den Kanzler.

29 Unterzeichner listet die Initiative auf ihrer Website www.wirtschaftsinitiative-schroeder.de auf. Zu den selbsternannten Kanzlerfreunden gehören etwa der SPD-Politiker und Tourismus-Unternehmer Vural Öger, der STEAG-Manager Alfred Tacke (früher Kanzler-Sherpa und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium) und Christoph Gottschalk, Bruder von "Wetten, dass...?"-Moderator Thomas. Die meisten der übrigen Kanzler-Unterstützer dürften vornehmlich in ihren Branchen bekannt sein.

Auf dem heutigen SPD-Wahlparteitag stellte Tim Renner, ehemaliger Chef von Universal Deutschland, die Initative vor - und schwenkte sofort von der Wirtschaft zur Politik: "Mit der CDU wären wir jetzt im Krieg. Frieden ist ein Wettbewerbsvorteil, Frau Merkel." Anschließend überreichte er Gerhard Schröder eine überdimensionale Ausgabe der Anzeige. Der Kanzler war über das Geschenk des jugendlich wirkenden Ex-Managers sichtlich gerührt.

Die Anzeige in der "FAZ" war nicht zu übersehen. Man schätze Schröder als "verlässlichen Partner und Unterstützer der deutschen Wirtschaft im In- und Ausland", heißt es dort. Initiator der Aktion ist Heino Wiese, Kommunikationsdirektor des Modeunternehmens S. Oliver und früherer SPD-Geschäftsführer des Landesverbandes Niedersachsen. Zusammen mit seinem Chef habe er sich die Kampagne überlegt, sagte Wiese zu SPIEGEL ONLINE. Einen Zusammenhang mit dem Pierer-Coup der CDU sieht er nicht: "Die Initiative wurde bereits am 18. August gegründet. Die Zwischenzeit wurde zum Sammeln von Spenden und für die Anzeigenschaltung gebraucht."

Noch im März reiste Kanzler Schröder er in einer Woche durch sieben arabische Länder, im Schlepptau die Führungsriege der deutschen Wirtschaft. Bei der Verkaufstour im Wüstensand zogen Schröder und die Konzernchefs Aufträge im Gesamtwert von über einer Milliarde Euro an Land.

Ein Kanzler als Handelsreisender

EnBW-Vorstandschef Utz Claassen fand auf dem Rückflug erhebende Worte für den Kanzler: Er habe "in herausragender Weise die Interessen der Wirtschaft vertreten". Für jeden war etwas dabei. Siemens erhielt einen Auftrag für ein Kernkraftwerk in Höhe von 328 Millionen Euro. Hochtief sollte für 115 Millionen Euro eine Industriezone in Abu Dhabi bauen. Rheinmetall durfte 32 "Fuchs"-Spürpanzer an die Vereinigten Arabischen Emirate verkaufen (Wert: 160 Millionen Euro).

Vergangenes Wochenende gingen die Konzernchefs von E.on, ThyssenKrupp und BASF wieder auf Tuchfühlung - aber diesmal nicht mit Gerhard Schröder, sondern mit Konkurrentin Angela Merkel. In Aachen traf sich die Kandidatin mit rund zwei Dutzend Managern. Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), stellte anschließend eine "breite Übereinstimmung" fest. Die ehemals treuen Wirtschaftsbosse fallen dem Kanzler in den Rücken, mitten im Wahlkampf.

Der "Genosse der Bosse" musste aus der Not eine Tugend machen. Das Rezept: Die SPD tut so, als störe sie die Annäherung zwischen Wirtschaftlern und der CDU nicht. Kanzler Schröder hatte am Wochenende eine Verabredung mit Managern sogar abgesagt, um am Tag der offenen Tür im Kanzleramt teilnehmen zu können. Auch für den restlichen Wahlkampf sind keine Treffen Schröders mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft geplant. Keine Wahlkampfveranstaltungen, keine offiziellen Kanzlertermine - ein öffentliches Verhältnis zur Großindustrie findet nicht statt.

Soziale Gerechtigkeit statt Managerkumpanei

Statt sich mit Konzernchefs zu treffen, stellte sich Schröder lieber am Montag hemdsärmlig auf den Rostocker Neuen Markt und rief: "Es geht um die Frage, ob den kleinen Leuten in Zukunft das Fell über die Ohren gezogen wird." Die Wahlen brächten die Entscheidung, ob man Deutschland weiterhin friedlich und sozial gerecht erneuern wolle. Große Nähe zu den Konzernen kann hinderlich sein, wenn man im Wahlkampf auf "soziale Gerechtigkeit" pochen will - während viele Menschen der Meinung sind, trotz Milliardenüberschüssen bauten die Konzerne immer mehr Stellen ab.

"Die Strategie der SPD mit dem sozialen Schwerpunkt hat die Affinität zu den Unternehmen nicht gerade erhöht", sagt Ulrich Pfeiffer, Sprecher des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Partei habe sich aber natürlich nicht von den großen Unternehmen entfernt: "Nach der Wahl wird man sich diesem Thema wieder zuwenden." Außerdem baue jeder Konzern Beziehungen zur Opposition auf - aber die Nähe zur Regierung sei immer noch größer.

In besseren Tagen: Schröder und von Pierer auf Auslandsreise
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In besseren Tagen: Schröder und von Pierer auf Auslandsreise

So sieht die SPD weitgehend tatenlos zu, wie die CDU Wirtschaftskompetenz sammelt. Auch über die Berufung von Heinrich von Pierer zum Merkel-Berater gibt man sich nicht verstimmt. Angela Merkel präsentierte den Aufsichtsratsvorsitzenden von Siemens heute in Berlin als Leiter eines Rates für Wachstum und Innovation. Nach einem Wahlsieg solle er "Input" leisten, um "notwendige politischen Weichenstellungen vorzunehmen". SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter sagte dazu lapidar: "Wenn man seinen guten Rat annehmen kann, dann bitte." Außerdem würdigte er von Pierers 13-jährige Erfahrung als Vorstandsvorsitzender von Siemens - er gehe davon aus, dass von Pierer praxisnahe Ratschläge machen werde.

Auch andere Parteimitglieder sehen das "Outing" des ehemaligen Siemens-Führers entspannt: "Herr von Pierer ist Mitglied in der CSU - da ist es kein Wunder, wenn er sich an Frau Merkel wendet", sagte Rainer Wend, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der SPD. "Dass viele Wirtschaftsvertreter eine Nähe zur Union haben, ist nicht überraschend." Dabei hatte von Pierer einmal eng zu Kanzler Schröder gehalten. Er beteiligte sich an dessen Gremium "Partner für Innovation", auch Tennis spielten die beiden zusammen.

Doch einen müsste es noch geben, der zu Schröder hält: Wendelin Wiedeking, Vorstandschef von Porsche. Erst im Frühjahr hatte er Franz Münteferings Heuschrecken-Schelte unterstützt - allerdings nicht aus partei-politischen Gründen, sondern wegen der Sache. Darauf legt er Wert. Wiedeking und Schröder haben eine "freundschaftliche Beziehung und einen guten Kontakt", bestätigte ein Porsche-Sprecher, "sie verstehen sich gut". Es seien aber ganz bewusst keine gemeinsamen Termine geplant worden. Man wolle im Wahlkampf keine Stellung beziehen, schließlich müsse ein Konzern mit allen Parteien gut können.

Das Verhältnis von Wendelin Wiedeking und Angela Merkel ist allerdings auch nicht schlecht: Anfang Juli trafen sich beide mit anderen Wirtschaftsgrößen zu einem informellen Gespräch im Berliner Nobel-Hotel Adlon. Das habe man aber "flach gehalten", hieß es aus der Porsche-Führung.



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