Wahlkampf im Internet Webdesigner der Politik brauchen Nachhilfe

Die Bundestagskandidaten sind noch nicht im Internetzeitalter angekommen, befinden die Autoren einer groß angelegten Studie über die Internet-Auftritte der deutschen Politiker. Besonders die Websites der Kanzlerkandidaten kommen schlecht weg.

Von Alva Gehrmann


eCandidate 2002: Bundestagskandidatin Nicolette Kressl hat die beste Website

eCandidate 2002: Bundestagskandidatin Nicolette Kressl hat die beste Website

Berlin – Nicolette Kressl wird sich in den nächsten Tagen über mehr Klicks auf ihrer Internetseite freuen können. Denn die Website www.kressl.de wurde am Dienstag zum besten Internet-Auftritt aller Bundestagskandidaten gekürt. In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid gemeinsam mit dem Internetportal Politik-digital.de ("eCandidates 2002“), konnte sich die SPD-Politikerin gegen rund 600 Konkurrenten durchsetzen, die ebenfalls einen eigenen Internetauftritt haben.

Waren in den vergangenen Jahren rund 300 Politiker online, hat sich die Zahl im Wahljahr 2002 mehr als verdoppelt. Doch die Qualität der Websites ist sehr unterschiedlich: Im Internetzeitalter angekommen sind nach Ansicht der Autoren der Studie nur wenige. Denn die Wahlen würden auch im Internet entschieden, schließlich sei das mittlerweile ein Massenmedium. Immerhin 42 Prozent der Deutschen nutzen das Internet, bei den Jugendlichen sogar über 50 Prozent.

Investieren anstatt plakatieren

"Aber anstatt ins Internet zu investieren, werden stattdessen die ganzen Straßen und Plätze mit Plakaten zugekleistert“, sagt Andreas Wagner von eMind@emnid. Wagner betreut die Internetforschung des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Emnid und realisierte die Studie "eCandidates 2002“ in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen 3-point concepts und Politik-digital.de. Dieses Internetportal ist eine parteienunabhängige Informations- und Kommunikationsplattform zum Thema Internet und Politik. Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt von der Initiative D21 – dem Internetgroßverein der Industrie.

Zum ersten Mal wurde in der Studie eine repräsentative Online-Umfrage mit der qualitativen Bewertung der Websites verbunden. 1056 Internetnutzer wurden gefragt, was sie von einer guten Politiker-Website erwarten; diese Aufgabe hat eMind@Emnid übernommen. Die User sollten zum Beispiel angeben, welche Rolle die politischen Inhalte auf einer Website spielen sollen, welche Erwartungen sie an die Kommunikationsmöglichkeiten mit ihren Bundestagskandidaten haben und wie wichtig ihnen die Gestaltung und Navigation ist.

Nach den gewonnenen Kriterien wurden dann 638 Seiten von Bundestagskandidaten mit eigenem Domain-Namen analysiert, von denen 162 in die Endrunde kamen. Die Finalisten wurden von vier Redakteuren des Politik-digital.de nach rund 40 Kriterien untersucht, unter anderem nach "Inhalt“, "Service“, "Interaktivität“ sowie "Technik & Gestaltung.“

Gewinnerin Nicolette Kressl konnte vor allem in den Kategorien "Service“ und "Interaktivität“ punkten. Die Internetseite sei sehr informativ "und der Bürger bekommt sehr schnell einen Einblick in ihre politisches Begehren sowie auch in das ihrer Partei“, heißt es in der Studie. Christoph Dowe, Geschäftsführer von Politik-digital.de, hat besonders die "persönliche Note“ auf der Website gefallen. Trotzdem hat auch Kressl nur 5939 von 10 000 möglichen Punkten erhalten – also rund 59 Prozent. Die Messlatte wurde hoch gelegt, schließlich kann noch viel verbessert werden, sagt Dowe.

Gerhard Schröder auf Platz 112

An dieser Hürde scheiterten auch die Websites der Kanzlerkandidaten von der CDU/CSU und SPD. Edmund Stoiber kam mit seinem Internetauftritt Stoiber.de er gar nicht erst in die Auswahl der 162 besten Websites, und Gerhard Schröder (www.gerhard-schroeder.de) landete auf Platz 112. Die Seiten haben zwar ein schönes Design, aber sie erfüllen nicht die ermittelten Kriterien der Internetnutzer, so Dowe. Genauer wollte er das dann nicht ausführen, schließlich geht es ja auch nicht darum andere schlecht zu machen. Außerdem habe Nicolette Kressl genauso viele User verdient wie Schröder.

Die Studie "eCandidates 2002“ soll nicht nur Aussagen über die beste Kandidatenwebsite des Wahlkampfes machen, sondern auch aufklären, welche Partei die Abgeordneten mit der höchsten Medienkompetenz ins Rennen schickt. Dabei liegt die SPD in der Kategorie "Internetkompetenz“ bei der Emnid-Befragung mit 36 Prozent vorn, gefolgt von der FDP (32 Prozent). Die PDS erreicht bei der Internetkompetenz nur neun Prozent, überhaupt schneidet die PDS in der Studie in fast allen Kategorien schlecht ab. Zumindest im Internet schafft sie es nicht, sich gut zu verkaufen.

Grün-gelb.de

Alle anderen Parteien erreichen aber zumindest in einer speziellen Kategorie Platz Eins. Die FDP bei "Interaktivität“ – also dem direkten Kontakt mit den Usern, die Grünen sind beim "Service“ ganz vorne, bieten also viele kundenorientierte Angebote, wie Infobroschüren oder Downloads im Internet an. Diese beiden Parteien haben im Internet auch die meisten Anhänger: 62 Prozent der Befragten würden potenziell die Grünen wählen, gefolgt von 53 Prozent für die FDP. "Grün-Gelb.de“ wird diese Präferenz scherzhaft von Emnid genannt.

"Mädchen" Nolte: CDU-Frau im Internet wieder ganz vorn
DPA

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Bei der CDU kann die ehemalige Familienministern, Claudia Nolte, punkten. Sie landet auf Platz Zwei der besten Politiker-Website. Deren Internetauftritt unter www.claudia-nolte.de ist eher schlicht gehalten, dafür aber nach Meinung der Studie sehr informativ und technisch ausgereift.

"Dennoch ist die Politik noch nicht im Internetzeitalter angekommen“, sagt Andreas Wagner von Emnid. Und Andreas Wetzel von der Firma 3-point concept fügt hinzu: "Eigentlich ist Internet ganz einfach: Man muss an den Nutzer denken und seine Anliegen ernst nehmen“. Doch genau daran mangele es vielen Internetseiten, sagen alle Beteiligten von "eCandidates 2002“.

Ein Beispiel: 52 Prozent der rund 1000 Befragten wollen in Online-Sprechstunden mit den Kandidaten in Kontakt treten. Sie geben an, dass ihnen die Interaktivität mit den Politikern wichtig sei. Doch nur drei Prozent der ausgewählten Politiker erfüllen dieses Kriterium.

"Eine Partei kann es sich im Jahr 2002 nicht mehr leisten, keinen professionellen Webauftritt zu präsentieren“, ist sich Christoph Dowe von Politik-digital.de sicher. Das Internetportal selbst testet bereits seit 1998 die Abgeordneten-Websites, jedoch ohne die Daten der Emnid-Onlinebefragung zu haben. Bei Dowe war vor einem Jahr Rezzo Schlauch Test-Sieger – auch Friedrich Merz (CDU) lag schon mal vorn. Die Website des Grünen-Politikers findet Dowe noch immer gut, doch die Flash-Animationen sind nicht von jedem User zu nutzen und daher eher ein Nachteil. Die wollen eben nicht nur eine schöne Optik. Das haben jetzt auch Schlauch und Merz zu spüren bekommmen - auch sie sind nicht unter die besten 162 Politiker-Websites gekommen.

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