Wahlkampf in Bayern Stoiber stichelt gegen Nachfolger

Sticheleien gegen CSU-Chef Huber und Ministerpräsident Beckstein: Edmund Stoiber gibt im größten Bierzelt Bayerns noch einmal den Wahlkämpfer – und der Parteiführung Ratschläge. Für die Zukunft kündigt er schon mal weitere "Einwürfe" an.

Von , Freising


Freising - Edmund Stoiber ist wieder da. "Ein Jahr ausgeruht, topfit, Sie sehen es ja selbst", ruft er ins Festzelt von Freising. Und grinst. Grinst sehr breit. Rechte Hand lässig in der Hosentasche. Von den Bänken rufen sie schon mal vorsorglich "Bravo!".

Stoiber, örtliche CSU-Kandidatinnen: "Ich wünsche mir, dass das meine Nachfolger Erwin Huber und … äh … Günther Beckstein schaffen!"
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Stoiber, örtliche CSU-Kandidatinnen: "Ich wünsche mir, dass das meine Nachfolger Erwin Huber und … äh … Günther Beckstein schaffen!"

Der aktuelle Ministerpräsident Günther Beckstein war zuletzt auch in Freising. Zwei Stunden lang haben sie ihn da auf dem Marienplatz ausgepfiffen. Wegen der dritten Startbahn, die der Münchner Flughafen im Erdinger Moos bekommen soll.

Und nun Stoiber. Der setzt gleich zu Beginn im Freisinger Zelt vor 4000 Zuhörern seinen ersten Nadelstich in Richtung Nachfolger: An diesem Abend sei tatsächlich "das Original da, der echte Stoiber", sagt er. Zuletzt habe es ja den Auftritt seines Doubles gegeben, des Stoiber-Imitators Wolfgang Krebs vor zwei Wochen auf dem Gillamoos-Volksfest. Dem müsse er jetzt mal ein Kompliment machen, so das Original: "Der macht das nicht schlecht, wenn der so weitermacht, dann kann noch was aus ihm werden."

Double Krebs hatte vor allem eines gemacht: Beckstein und Huber abgewatscht. Wenn das so weitergehe mit der CSU, hatte der falsche Stoiber auf dem Gillamoos verkündet, dann werde beim Einmarsch ins Bierzelt demnächst "nicht mehr der bayerische Defiliermarsch gespielt, sondern Tri-Tra-Trullala". Dem johlenden Publikum versprach er: "Haltet durch, ich komme bald zurück!"

"Nicht jeden Spielzug kommentieren"

Das Original absolviert nur zwei Groß-Auftritte im Wahlkampf 2008. Er sei "der Ehrenspielführer, der am Spielfeldrand steht und nicht jeden Spielzug kommentiert", so Stoiber an diesem Abend in Freising, für den er sich "das größte Bierzelt im Landtagswahlkampf" ausgesucht hat.

Inklusive einiger hundert Gegner des Flughafenausbaus. Auch Stoiber bekommt Pfiffe ab ("Ja, pfeift halt"). Allerdings gibt er sogleich den Elder Statesman und fordert die Beteiligten zum Dialog auf. Dann laufen noch zwei schwarz gekleidete Jungs mit Spiegelsonnenbrillen im Gesicht und "A-A-Antifa" auf den Lippen in Richtung Bühne, Stoiber ruft ihnen schnell einen mahnenden Satz zu ("Ja, so geht's, wenn die CSU nimmer stark wäre"), bis der zwei Mann breite Freisinger CSU-Ortsvorsitzende persönlich sie hinausexpediert. Das war es auch schon an Unwägbarkeiten für den Ehrenvorsitzenden Stoiber.

Den Rest seines Auftritts kann man als Kommentar zum aktuellen CSU-Wahlkampf lesen - wenn man mag.

Etwa zu Verzagtheiten des Führungsduos Beckstein-Huber kurz vor der Wahl. In Berlin werde neuerdings "hochnäsig" kolportiert, man brauche keine CSU mehr. Stoiber brüllt ins hoffnungslos übersteuernde Mikro: "Ja wer soll denn in Deutschland die bürgerlichen Tugenden ansprechen, wenn nicht die CSU?" Nur die Christsozialen garantierten "gegen den Sturm des Zeitgeistes" in einer politisch "heterogenen Bundesrepublik" das "bür-ger-lich-kon-ser-va-ti-ve" Element.

Stoiber fuchtelt mit beiden Zeigefingern. Stoiber schwitzt. Stoiber wirft das Mikro fast um. Es ist wie früher, der Mann fühlt sich wohl. "Bravo", rufen sie ihm zu.

Stoiber mahnt seine Nachfolger. "Stolz zu sein auf unsere Heimat, genau das ist der Mythos der CSU", sagt er. Jede Parteigeneration müsse aufs Neue "das bayerische Lebensgefühl treffen". Just am Vortag hat eine Forsa-Umfrage der CSU zwar die magischen 50 Prozent prognostiziert, aber auch ergeben, dass 55 Prozent der Landesbevölkerung meinen, die CSU verkörpere eben nicht mehr dieses bayerische Lebensgefühl. Kein Zufall also, dass Stoiber dies gerade jetzt anführt. Und dann dieser Satz: "Ich wünsche mir, dass das meine Nachfolger Erwin Huber und …" Pause. Auf den Bierbänken schauen sie sich an. "… äh … Günther Beckstein schaffen!" Die Leute lachen.

Bei seiner Attacke auf alle anderen Parteien von Linkspartei bis FDP ("Denen fehlt das Bayern-Gen"), beruft sich Stoiber auf den Sozialdemokraten Franz Müntefering, den er in gemeinsamen Tagen an der Spitze der Föderalismuskommission zu schätzen gelernt hat. Es gebe ja diese "Art von Münte-Sprech, der Mann der kurzen Sätze", sagt Stoiber. Also versucht es der Bayer dem Sauerländer gleich zu tun: "Die politischen Gegner – sie kennen Bayern nicht und sie können Bayern nicht."

Man werde nicht für die Verdienste der Vergangenheit gewählt, sondern "wir brauchen immer wieder Zukunftsvisionen". Noch einmal besagte Forsa-Umfrage: Fast zwei Drittel der Bayern schätzen die CSU als unmodern ein, heißt es dort. Edmund Stoiber hat offensichtlich sehr genau gelesen. Er wünsche sich, sagt er schließlich, "dass die CSU selbstbewusst auftritt und nicht mit hängenden Schultern rumläuft". Niemand dürfe sagen, "vielleicht langt's scho, 49 Prozent reichen auch".

Es war Günther Beckstein, der vor einiger Zeit auf die Frage nach einem möglichen CSU-Ergebnis unter 50 Prozent bei der Wahl im Herbst gesagt hatte, es werde "weder die Welt untergehen, noch werden Beckstein oder andere sterben".

Nach eineinhalb Stunden hat Stoiber seinen letzten Einsatz im Bayern-Wahlkampf hinter sich. Aber er hat noch ein Versprechen für die einen, eine Drohung für die anderen: "Vielleicht werde ich als Ehrenspielführer auch hin und wieder einen Einwurf machen. Ich denke, dass Sie hier das erwarten. Auf Wiedersehen!"



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