Wahlkampf in Berlin Im Schilderwald des Grauens

Am Sonntag wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus, die Parteien haben die ganze Stadt mit Plakaten zugepflastert. Aber müssen die so hässlich sein? Rückblick auf eine Knalltütenparade.

Von Reinhard Mohr


Berlin - Öffentliche Wahlkampagnen gehören zur parlamentarischen Demokratie wie die weißen Tauben zur Friedensdemo und der leere Schreibtisch zu Johannes B. Kerner. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass im Abstand von gefühlten vier bis sechs Monaten unsere Städte von überdimensionalen Köpfen heimgesucht werden, die Sicherheit und Wohlstand versprechen, Arbeit und Freizeit, Bildung und Kultur für alle. Wir haben uns mit den Riesenplakaten arrangiert, die die freie Sicht versperren und nur einen Trost bereithalten: Am Wahltag ist alles vorbei. Dann ist Abfall geworden, was eben noch eine glänzende Zukunft versprach.

Die Freiheit hat ihren Preis. Auch ästhetisch.

Allein und jedoch, was vier Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus die Straßen der Hauptstadt säumt, sprengt alle Dimensionen von Anstand, Sitte und Geschmack. Der Geist fühlt sich beleidigt, und das Auge schmerzt. Posemuckel statt Pop-Metropole. Ein Graus. Eine einzige Knalltütenparade, ein Schaulaufen der Hässlichkeit.

Ecce Homo! Ecce Wahlkreiskandidat!

Noch im Juli, zu Zeiten der WM, war Berlin bunt, fröhlich und schön, voller Menschen aus aller Welt, die man gerne anschaute. Nun aber blickt Peter Pawlowski, FDP-Kandidat in Mitte, stumpf und blind entschlossen vom blau-gelben Plakat und fordert: "Konsequent für Deutsch an unseren Schulen!" Doch niemand, der Herrn Pawlowskis Konterfei mit der Anmutung eines rasierten Frettchens und der hilflos-melancholischen Ausdruckslosigkeit eines verängstigten Goldhamsters sieht, kann den Gedanken unterdrücken, der Mann würde bei jedem denkbaren Einbürgerungstest mit Pauken und Trompeten durchfallen und kaum seinen eigenen Namen richtig schreiben können.

Gerade in Mitte, dem turboschnellen Zentrum des neuen Berlin, würde Peter Pawlowskis Deutsch knapp dazu ausreichen, Strafzettel für Parksünder zu verteilen und falsch fahrende Radler mit einem lauten "Halt! So nicht!" aufzuschrecken. Das freilich konsequent. Auch vor Schulen. Ein anderer FDP-Kandidat, diesmal im ruhigen Westen der Stadt, verspricht, "unbequem für Bürokraten" zu sein, und der unbefangene Betrachter denkt sich: Oh Gott, da werden sie aber zittern in den Ämtern Berlins!

Diederich Heßling des Neoliberalismus

Unglücklicherweise sieht der Mann exakt so aus wie die Inkarnation eines Bürokraten, ein schrecklicher Spießer obendrein, ein moderner Untertan, ein Diederich Heßling des Neoliberalismus, ein durch und durch weichgespülter Verwaltungslurch, der selbst das Bleistiftspitzen vom Chef absegnen lassen würde. Er wäre sich also selbst der schlimmste Feind. Nur das Stempelkissen fehlte noch. Irgendwie inkonsequent.

Hier keimt beim flüchtigen Betrachter allerdings der Verdacht auf, die FDP setze bei all dem bewusst auf die Strategie einer mimetischen Dialektik. Motto: Den Teufel mit dem Belzebub austreiben, auf einen Opportunisten noch anderthalbe draufsetzen. Bei Björn-Matthias Jotzo in Wilmersdorf funktioniert das prächtig. "Engagiert für Investitionen!" ist sein Panier, und tatsächlich, glatter und konturenloser als sein Antlitz könnte kein Gesicht eines Investmentbrokers an der New Yorker Börse sein. Noch besser passt es allerdings ins Bezirksamt Wilmersdorf-Charlottenburg. Oder in die Straßenverkehrsbehörde, am besten wahrscheinlich in die Abteilung Parkraumbewirtschaftung.

"Zeit für Macher" summt das Zentralmotiv der FDP auf jedem Plakat, doch wer diese "Macher" sieht, wird spontan zum Lacher und sehnt sich im Stillen nach Dichtern und Denkern, nach Klugheit und Anmut, nach Intelligenz und Charme. Kurz: Nach ein bisschen Esprit und wirklicher Dynamik, die nicht bloß frech behauptet wird.

Schlaglöcher und Hundekot

Doch der konkrete Aktivitätsdrang der Berliner Liberalen, die in den Umfragen bei etwa sieben Prozent liegen, ist nicht zu unterschätzen. Er konzentriert sich, absolut konsequent, auf Schlaglöcher und Hundekot. "Leinen los – für Hundeauslaufgebiete!" fordert die FDP auf ihren Plakaten, die auch unter dem Gesichtspunkt professioneller Werbung so schlecht gemacht sind, dass sie fast schon zu Kultobjekten taugen.

Warum gerade die der (Werbe-)Wirtschaft am nächsten stehende Partei die absolut schlechtesten und peinlichsten Motive präsentiert, wissen wahrscheinlich nur jene Wahlkampfstrategen, die vergangene Woche auch zu einer tollen Party für Jungwähler mit Generalsekretär Dirk Niebel einluden, einer bundesweit berüchtigten Stimmungskanone. Immerhin gab es in der "FDP-Lounge" mit Star-DJ Jam voll krasse "Free-Cocktails".

Auch die SPD ist konsequent – allerdings erfolgreich. Neben den Konterfeis der Kandidaten, auch unter ihnen einige, denen man, neben einer realistischen Selbsteinschätzung ihrer optischen Wirkung auf unschuldige Mitbürger, wenigstens einen guten Fotografen gewünscht hätte, reicht den Sozialdemokraten ein gelungenes Großplakat mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus "Wowi" Wowereit und dem Slogan "Konsequent Berlin". Mehr muss nicht sein. Wowi ist populär, sieht gut aus und passt zu Berlin wie Stöckelschuh auf Straßenpflaster.

Die sozialdemokratische Nonchalance hebt sich umso deutlicher von der Konkurrenz ab, als CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger offenbar darauf gedrungen hat, seine Humorlosigkeit konsequent auszustellen. Egal, ob sein strenger Kopf neben bedauernswerten alten Menschen in schmutzbraunen Farbtönen auftaucht – Motto: "Sicherheit für Berlin" – oder ob er, am Ende eines Werbespots, der Wowereits Arbeitszimmer als chaotische Endmoräne einer wüsten Partynacht zeigt, wie ein preußischer Oberlehrer zu Arbeit und Disziplin aufruft ("Berlin kann mehr") – Pflüger wirkt wie ein Spaß- und Spielverderber, der dabei nicht einmal irgendeine Art von Autorität oder Charisma ausstrahlt.

Ein besonders peinliches, ja perfides Plakatmotiv der CDU zeigte zwei diffuse Dunkelmänner in der Berliner Nacht, die offenbar konsequent Kriminelles im Schilde führen. Darunter die Zeile: "Und Rot-Rot schaut weg!" Dass gerade der für die Polizei zuständige SPD-Innensenator Körting für seine erfolgreiche Bekämpfung der Kriminalität parteiübergreifend gelobt wird – selbst in der konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" –, hat die christdemokratischen Wahlkampfexperten nicht irritiert.

Irritierend ist freilich ein Plakat des CDU-Kandidaten Florian Schwanhäußer in Mitte. Er hat sein Programm in drei Forderungen zusammengefasst: "Mehr Jobs! Mehr Kunst! Mehr Kinder!"

Beruf, Kinder und dann noch Kunst machen? Wer sagt dem Mann, dass dies ein klarer Verstoß gegen das "Eva-Prinzip" ist.



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