Wahlkampf in Berlin Stoiber, Steffel und Merkel im Eierhagel

"Ich hätte nicht gedacht, als ich am 9. November 1989 mit Tränen in den Augen an der Mauer stand, dass ich elf Jahre später mit Eiern beworfen würde!" Für Berlins CDU-Spitzenkandidat Frank Steffel waren die Proteste zu seinem Wahlkampfauftritt ein Schock.

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CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, Stoiber und Steffel unter Beschuss. Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.



Berlin - Irgendwo da vorne müssen sie stehen: die Merkel, der Merz, der Stoiber und Frank Steffel, Spitzenkandidat der Berliner CDU, aber vor lauter Kameras und Frank-Steffel-Schildern, die Parteisympathisanten in den Himmel über Berlin recken, sieht man die Spitzen der Union auf der Bühne nicht.

"Helga, nimm doch mal dein Schild runter!", ruft einer, und Helga nimmt ihr Schild runter. Da fragt der CDU-eigene Moderator den bayrischen Ministerpräsidenten gerade, wie man in Bayern über den "historischen Sündenfall" einer von der PDS tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung in Berlin denke.

Steffel im Himmel über Berlin: "Helga, nimm doch mal das Schild runter!"
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"Für die Zukunft ist das mit Sicherheit kein gutes Signal", antwortet Stoiber und spricht von der drohenden Vernichtung von Arbeitsplätzen. "Die PDS darf hier nichts zu sagen haben!", donnert der Bayer ins Mikrofon, so dass es nun auch der Würstchenverkäufer am anderen Ende des Wittenbergplatzes verstanden haben dürfte.

Bürgerliche Stadt oder marxistisches Experiment?

So oder ähnlich sagen es auch die anderen Unions-Spitzenpolitiker, Merkel eher zurückhaltend-empört, Merz siegesgewiss-lächelnd und schließlich Frank Steffel, der 35-jährige Berliner Spitzenkandidat, der im Herbst gegen den derzeit Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) antritt. Berlin habe die Wahl zwischen einer freien und bürgerlichen Stadt und einem sozialistisch-marxistischen Experiment.

Wie er sich fühle, fragt der Moderator den Politjungstar. "Gut", schallt es über den Wittenbergplatz. "Super", antwortet er auf dieselbe Frage beim nächsten Auftritt am Potsdamer Platz. Schließlich sei er einen Tag zuvor mit 97 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten gekürt worden, "in geheimer Wahl", wie Steffel betont.

Bescheidenheit ist nicht gerade die Stärke des Unternehmers aus Reinickendorf. Er schmettert seine Parolen in die Menge und wirkt dabei wie ein Marktschreier der die Auslegeware seines Teppichgeschäfts feilbietet. Wie der zukünftige Regierende Bürgermeister der deutschen Hauptstadt sieht er dabei nicht aus.

"Einen ordentlichen Beruf gelernt"

Pöbelnder Punk: "Die Mehrheit in Deutschland will dieses schreiende Gesindel nicht sehen!"
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Steffel ist davon überzeigt, dass "die Leute es gut finden, wenn jemand in die Politik geht, der einen ordentlichen Beruf gelernt hat". Er (Steffel) habe Arbeitsplätze geschaffen, während andere (Wowereit) Parteikarriere gemacht hätten. Bei ihm wäre der nicht mal Buchhalter geworden, spottet Steffel, und die Menschen am Potsdamer Platz applaudieren. Nur einige Jungsozialisten schreien "Buuh" und pfeifen, aber das war ja auch schon am Wittenbergplatz so.

Und so überrascht es zunächst nicht, als wenig später am Alexanderplatz wieder ein Pfeifkonzert ertönt, während die Unions-Prominenz sich einen Weg durch die Menge bahnt. Die Störer verstummen sogar weitgehend, als Angela Merkel das Wort ergreift - vielleicht weil sie die einzige Ostdeutsche auf dem Podium ist.

Die CDU-Chefin erzählt, wie sie täglich an der Berliner Mauer vorbeikam, wenn sie zur ihrer Arbeit in der Akademie der Wissenschaften in Adlershof fuhr. Und sie erntet viel Applaus, als sie sagt, dass sie "unendlich dankbar" sei, "dass diese schreckliche Mauer weg ist".

Die ersten Eier fliegen, als Stoiber das Mikrofon ergreift und die PDS als Risiko für Wirtschaft und Arbeitsplätze bezeichnet. Blitzschnell bilden die Bodyguards einen Ring um die Unions-Größen und spannen die Sonnenschirme auf, um die nächsten Eier abzuwehren. "Wir müssen abbrechen", flüstert ein CDU-Organisator. "Nein, nicht abbrechen!", warnt ein anderer.

Stoiber spricht mit verrutschter Brille weiter. "Sie werden uns hier nicht vertreiben", ruft der Bayer den Berliner Störern zu, eine Zuversicht, die sich innerhalb weniger Minuten zerschlagen sollte.

Denn als Fraktionschef Merz das Mikrofon übernimmt, eskaliert die Situation. "Die Mehrheit in Deutschland will dieses schreiende Gesindel nicht sehen!", ruft Merz. "Es wird Zeit, dass Sie mal wieder Arbeit bekommen!" Obstreste treffen die Bühne, das Mikrofon fällt aus, Polizisten in grünen Einsatzanzügen umstellen die Bühne.

Wahlkämpfer Steffel: "Mit Tränen in den Augen"
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Wahlkämpfer Steffel: "Mit Tränen in den Augen"

Steffel tritt mutig aus dem Schirmdach heraus und ruft mit zitternder Stimme: "Ich hätte nicht gedacht, als ich am 9. November 1989 mit Tränen in den Augen an der Mauer stand, dass ich elf Jahre später mit Eiern beworfen würde!"

Weiter kommt er nicht, denn eine Plastikflasche schlägt neben ihm auf der Bühne ein. Steffel taucht ab, wird zusammen mit Stoiber von Bodyguards und Polizisten evakuiert. Sie flüchten in einen blauen VW-Bus, der so schnell lossaust, dass er einen Kameramann anfährt. Merkel kehrt, den blauen Hosenanzug mit Eierresten beschmiert, unter Polizeischutz zu ihrem Wagen zurück. "Bisschen bedauerlich, dass so wenig Polizei da war", sagt sie noch und: "So ist das Leben."

Auf dem Alexanderplatz aber stehen die Menschen in kleinen Gruppen zusammen und tun das, was weder die Spitzenpolitiker noch die Eierwerfer geschafft haben: Miteinander reden. "Eier sind keine Argumente", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Paul Breuer und sagt voraus: "Wir kommen wieder!"



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