Wahlkampf in Hamburg Kohl lobt Kirchhofs Reformeifer

Wehende Deutschland-Fahnen, stehende Ovationen - Altbundeskanzler Helmut Kohl ließ sich bei einem Wahlkampfauftritt in Hamburg feiern. Ausdrücklich verteidigte er seinen "alten Freund" Paul Kirchhof, dessen Steuerpläne auch innerhalb der Union umstritten sind.

Von Kerstin Jansen


Wahlkämpfer Kohl: Triumphaler Empfang in Hamburg
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Wahlkämpfer Kohl: Triumphaler Empfang in Hamburg

Hamburg - Inge Paula Ketzscher ist furchtbar aufgeregt. Die rüstige 86-Jährige "musste einfach hierhin", in den Saal 1 des Hamburger Congress Centrums. Einen Platz am Gang hat sie ergattert und hofft, dass sie ihrem "Liebling" die Hand schütteln kann. "Ich habe Helmut Kohl in den neunziger Jahren bei einer Veranstaltung in Dortmund auf die Wange geküsst", erzählt sie stolz. "Und dann hat er die Wahl gewonnen."

20 Minuten lässt der Kanzler a. D. Inge Paula Kretzscher und die fast 2000 Besucher im Saal warten - die meisten davon selbst im Rentenalter. Dann dröhnt ein Song von Vangelis aus den Boxen: "Conquest of Paradise", zu Deutsch die Eroberung des Paradieses. Behäbig schiebt sich Kohl sich durch die Zuschauer, die ihn mit stehendem Applaus und wehenden Deutschlandfahnen empfangen. Vorbei an den Kameras und vorbei an der "Hamburger CDU-Oma", wie Inge Paula Kretzscher sich selbst nennt. "Er hat mir die Hand geschüttelt und mir alles Gute gewünscht", sagt die Rentnerin ganz aufgeregt. Das sei ein "ganz wunderbarer Moment" gewesen.

"Die Wahl ist entschieden am 18. September"

Kohl genießt sichtlich diese Bewunderung. Zur Begrüßung würdigen Dirk Fischer, der Landesvorsitzende der Hamburger CDU, und Bürgermeister Ole von Beust das Lebenswerk des Altkanzlers. "Wäre er bloß Kanzler und nicht Gerhard Schröder", sagt von Beust unter lautstarkem Jubel. Kohl lehnt sich zurück und signiert zwischendurch ein paar Autogramme, die ihm zugeschoben werden. Neben ihm sitzen die Bundestagskandidaten der Hamburger CDU. Reden dürfen sie heute Abend nicht.

"Hamburg ist einer der Hauptgewinner der deutschen Einheit", sagt Kohl zu Beginn seiner fast einstündigen Rede. Heute sei die Hansestadt mit ihrem Hafen Deutschlands Tor zur Welt. Vor allem unter Ole von Beust sei die Stadt aufgeblüht. "Dieser Bürgermeister ist ein Glücksfall für Hamburg."

Altkanzler Kohl: "Die Fahne wieder hochziehen"
AP

Altkanzler Kohl: "Die Fahne wieder hochziehen"

Trotz der für die Union günstigen Meinungsumfragen warnte Kohl vor zu frühem Siegesjubel. "Die Wahl ist entschieden am 18. September um 18 Uhr und keine Minute früher." Es gelte nun, die rot-grüne Bundesregierung abzulösen, die im Land eine "öde und zerstörerische Stimmung" hinterlassen habe. "Wir treten mit einer Kandidatin an, die alle Voraussetzungen mit sich bringt, dieses Amt gut zu schaffen", sagt Kohl. Kanzlerkandidatin Angela Merkel habe mit ihrer "Willenskraft und ihrer besonderen deutschen Erfahrung" alle Chancen, das Land nach vorne zu bringen. Ebenso wie ihre Mannschaft, das Kompetenzteam der Union.

Demonstrativ stellt sich Kohl auch hinter Paul Kirchhof, "meinen alten Freund aus Heidelberg". Der umstrittene Finanzexperte aus Merkels Wahlkampfteam sorgt mit seinem radikalen Steuerkonzept für Diskussionen auch innerhalb der Union. Einige dieser Ideen habe Kohl selbst vertreten, aber wegen des "Egoismus führender Sozialdemokraten" nicht umsetzen können. Es dürften bei der Steuerreform nicht noch einmal acht bis neun Jahre verloren gehen.

Die "Gaukler" von der Linkspartei

Dann setzt der Altkanzler an, die von ihm einst propagierten blühenden Landschaften in neuen Bundesländern zu verteidigen, die es wirklich gebe. "Die Deutschen haben Gewaltiges auf die Beine gestellt", sagt er. Im Gegensatz zur PDS habe die Union die Idee der Einheit der Nation nie aufgegeben. Es sei "eine unglaubliche Frechheit", mit der "diese Gaukler" wie Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine jeden Tag im Fernsehen aufträten. Aber "was sich da jetzt zusammenrottet", werde nach der Wahl wieder auseinander fallen.

Mit minutenlangen Applaus und der Nationalhymne verabschieden die Hamburger den Altkanzler nach seiner einstündigen Rede. "Wir packen das", hatte Kohl zum Schluss unter viel Beifall gesagt. Man müsse jetzt "die Fahne hochziehen". Peinliches Detail: Die Deutschlandfahne hing im Saal verkehrt herum. Inge Paula Ketzscher ist das nicht aufgefallen. Mit Begeisterung hat sie Kohl zugehört und hofft, "dass Angie das schafft".

Sitznachbar Jöran Bernhardt ist weniger euphorisch. Der 22-Jährige ist Mitglied der Jungen Union und hat "Respekt vor dem, was Kohl alles erreicht hat". Seine Rede findet der Auszubildende "sehr gut, sehr emotional". Zwei Minuten danach ist er aber schon auf dem Weg nach draußen. Vorbei an einem einsamen Grüppchen von Demonstranten, die sich mit schwarzen Spendenkoffern vor den Ausgängen des Congress Centrums postiert hatten. Dieses Kapitel in der Geschichte des Altkanzlers spielte in Hamburg keine Rolle.



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