Wahlkampf in Schleswig-Holstein Der Heide-Faktor

Kein rauschender Wahlkampfauftakt sollte es werden bei der schleswig-holsteinischen SPD. Gerhard Schröder hatte wegen der Asienflut extra abgesagt. Doch Ersatzmann Günter Grass und die Spendenbüchsen konnten die Stimmung in der Holstenhalle nur zeitweise dämpfen. Der Rest ging unter im Heide-Simonis-Personenkult.

Aus Neumünster berichtet


Wahlkämpfer Simonis, Grass: "Erprobtes Wahlkampfross"
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Wahlkämpfer Simonis, Grass: "Erprobtes Wahlkampfross"

Neumünster - Eigentlich sollte der Kanzler kommen, doch der sagte zwei Tage vorher ab: Er sei als Krisenmanager unabkömmlich, ließ Schröder sich entschuldigen. Stattdessen steht da nun der Schriftsteller Günter Grass neben der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis auf der Bühne, um den Wahlkampf für die Landtagswahl in sechs Wochen zu eröffnen. Statt des dröhnenden Alphamännchens also das Pfeife rauchende Gewissen der Sozialdemokratie - eine passende Besetzung in Zeiten der Betroffenheit.

"Ich bin weiß Gott kein Ersatz für den Bundeskanzler", sagt der Literaturnobelpreisträger. "Wohl aber bin ich ein erprobtes Wahlkampfross". Er erinnert an die Zeit in den späten Sechzigern, als er schon mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz in den Wahlkampf für die SPD zog. Die Neumünsteraner Genossen hätten dennoch lieber den Kanzler gesehen. Ein bisschen enttäuscht sei man schon, sagt der Kreisvorsitzende. Doch er äußert Verständnis.

Diesmal soll es wegen der Asienflut kein "rauschender Wahlkampfauftakt" werden, erklärt der SPD-Landeschef Claus Möller. Darauf hätten sich auf seinen Vorschlag hin alle Fraktionen des Kieler Landtags geeinigt.

Doch der einzige, der sich an die Weisung hält, ist Grass. Er erinnert an den "großen Schleswig-Holsteiner Willy Brandt", dessen Nord-Süd-Bericht ja schon in den siebziger Jahren eine "Weltinnenpolitik" und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung angemahnt habe. "Vielleicht", so hofft der letzte lupenreine Sozialdemokrat der Republik, "gibt uns die Flutkatastrophe nochmals Anlass, uns an Willy Brandt zu erinnern".

Die Deutschen müssten endlich über ihren Tellerrand hinausblicken, mahnt der Mahner der Nation und beginnt, aus einem alten Tagebuch vorzulesen, das er nach einem halbjährigen Kalkuttaaufenthalt 1986 verfasst hat. Tief über das Pult gebeugt, mit eindringlicher Stimme, erzählt der Schriftsteller den vor lauter Staunen verstummten Zuschauern ausführlich von Slums und Biharis, Rikschas und Reismangel.

Grass' Lesung und die Solidaritätsbekundungen der anderen Redner können nicht vertuschen, dass es hier um einen ganz normalen Wahlkampfauftakt geht. Die Klinkerfassade der Holstenhalle ist in rotes Licht getaucht, an den Turm ist der Name "Heide" gebeamt. Rot sind die Tischdecken auf den Biertischen, rot die Tuchbahnen an den Wänden und rot ist der "Schal zur Wahl", auch "Heide-Schal" genannt. Den gibt es zum "Sonderangebotspreis" (SPD-Homepage) für fünf Euro. Die rote Weste mit dem Slogan "Stark im Norden" schlägt mit 25 Euro zu Buche.

Wahlkampfstrategie mit fünf Buchstaben

Auf den Wahlkampfbroschüren steht nordisch knapp "Heide - und gut". Bei der Aktion "Heide und ich" können sich die Fans mit einer lebensgroßen Pappfigur der Ministerpräsidentin fotografieren lassen. Die Fotos werden zunächst ins Internet gestellt und sollen später auch in den Straßen plakatiert werden. Im ersten Wahlwerbespot, der in Neumünster vorgestellt wird, schlendert Heide über den Deich, redet mit Unternehmern, besucht ein Labor - es fehlt nur noch, dass sie eine der schwarzweißen Kühe herzt, die in dem schleswig-holsteinischen Idyll grasen.

Die Wahlkampfstrategie reduziert sich auf fünf Buchstaben: Heide. Unverhohlen setzt die SPD bei den Landtagswahlen auf ihre Spitzenfrau. Sie will den Platzeck-Effekt wiederholen, der erst kürzlich einem anderen SPD-Ministerpräsidenten den Sieg in letzter Minute beschert hatte. Im September konnte Matthias Platzeck in Brandenburg sein Amt gerade so verteidigen. Der Siegerslogan lautete: "Einer von uns".

Die Vorzeichen stehen günstig, den Coup zu wiederholen. Simonis ist deutlich populärer als ihr CDU-Rivale Peter Harry Carstensen: 59 Prozent der Schleswig-Holsteiner würden einer Umfrage zufolge bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten für Simonis stimmen, nur 31 Prozent für Carstensen.

Dazu kommt: Simonis ist ein Glücksfall für jede Werbeagentur. Um ihren Namen lässt sich leicht eine professionelle "Branding-Kampagne" entwickeln. "Heide ist eine Marke", sagt Bernhard Schwichtenberg, Künstler und Professor, der die Initiative "Heide und ich" ins Leben gerufen hat. In dem Unterstützerkreis ist das sozialdemokratische Establishment der Kreativen versammelt: Harry Rowohlt, Wolfgang Staeck, Walter Jens, Günter Grass, Siegfried Lenz. Auch Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf ist zum ersten Mal dabei.

Der Wahl in Schleswig-Holstein kommt strategische Bedeutung zu, weil beide politischen Lager Anhänger der Domino-Theorie sind. Schleswig-Holstein ist demnach vorentscheidend für die Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai, die wiederum vorentscheidend ist für die Bundestagswahl. Darum wird Schröder nach seiner Flutpause auch noch mehrmals in den Norden kommen, nachdem er vor kurzem bereits die Staatsgäste Jacques Chirac und Wladimir Putin hier empfangen hat.

Das Ziel ist "40 plus X"

Elf Jahre nach ihrem Amtsantritt ist Simonis immer noch die einzige Ministerpräsidentin in Deutschland. Sie ist inzwischen länger im Amt als alle ihre Vorgänger in dem nördlichsten Bundesland. Am 20. Februar will sie zum dritten Mal wiedergewählt werden, und die 61-Jährige ist überzeugt, dass sie es noch einmal schaffen wird.

"Das Wahlziel ist 40 plus X", sagt Simonis in Neumünster. In Umfragen ist die SPD von 31 Prozent im August auf derzeit 39 Prozent gestiegen. Nachdem vor einem Jahr die Wahl als verloren galt, stehen die Zeichen jetzt auf Sieg. Unter rhythmischem Klatschen betritt die Ministerpräsidentin die Halle. Sie trägt den roten "Heide-Schal", den sie jedoch ablegt, sobald sie das Scheinwerferlicht der Bühne trifft. Sie schaut in die Menge der Heide-Schal-Träger unter ihr und sagt: "Mann, müsst ihr schwitzen".

Besonders laut wird der Beifall, wenn Simonis gegen die Union wettert. Dem Haushaltsexperten Dietrich Austermann unterstellt sie, eine Rechenmaschine an Stelle eines Herzens zu haben, weil er die 500-Millionen-Spende der Bundesregierung für Asien kritisiert habe. Ihrem Herausforderer Carstensen wirft sie "Bildungsdarwinismus" vor, weil er einen Eingangstest für Gymnasien fordert. "Absurd" sei es, wenn die Tagesform eines zehnjährigen Kindes über seine Zukunft entscheide.

Schulpolitik ist eins der Felder, in denen sich die Lager am stärksten unterscheiden. Während die Konservativen das dreigliedrige Schulsystem beibehalten und verschärfen wollen, plädiert die SPD für möglichst langes gemeinsames Lernen im Klassenverband nach dem skandinavischen Vorbild. Ein weiterer Kontrast liegt in der Energiepolitik: Windparks sind ein großes Thema in Schleswig-Holstein. Rotgrün will sie ausbauen, Schwarzgelb einschränken.

Eine mitreißende Rednerin ist Simonis nicht. Sie liest ab, hetzt durch ganze Passagen und verhaspelt sich mehrfach. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. Am Ende bekommt sie Standing Ovations und macht das Victory-Zeichen.

Der erste Sieg kann noch gleich am selben Abend gefeiert werden: Während die Sozialdemokraten in Neumünster 2000 Menschen mobilisiert hätten, seien zur parallel stattfindenden CDU-Veranstaltung in Kiel mit Carstensen und Angela Merkel nur 800 Menschen erschienen, ruft der Moderator triumphierend ins Mikro. Auch da rauscht noch einmal der Beifall.

Gleichzeitig warnen die Redner vor Übermut. Der Wahlkampf müsse bis zur letzten Minute und "von Haus zu Haus" geführt werden, heißt es. "Lasst euch nicht einschläfern", mahnt Grass. "Das sagt euch ein erprobtes Wahlkampfross". Erst am Ausgang begegnen die Menschen wieder der Flutkatastrophe. Hier warten die Spendenbüchsen von Unicef. Da hat manch einer sein Geld aber schon für den "Heide-Schal" ausgegeben.



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