Wahlkampf in Thüringen Matschie wirft Althaus Selbstinszenierung vor

Thüringens Ministerpräsident Althaus hatte die politischen Gegner aufgefordert, seinen Skiunfall nicht zum Thema im Wahlkampf zu machen - doch selbst hält er sich nicht daran. SPD-Herausforderer Matschie ist empört, wirft ihm eine "schamlose Selbstinszenierung" vor.


Hamburg - Dieter Althaus hatte seinen Skiunfall zum Tabu im thüringischen Landtagswahlkampf erklärt, und seine Gegner hielten sich daran. Doch nun hat der CDU-Ministerpräsident das Thema selbst erneut aufgebracht. Mit der "Bild am Sonntag" sprach er über seine neu entflammte Liebe zu Ehefrau Katharina - und Schuldgefühle nach dem Unfall, bei dem am Neujahrstag eine 41-jährige Mutter tödlich verletzt wurde.

Thüringens SPD-Chef Matschie: "Das ist pietätlos"
dpa

Thüringens SPD-Chef Matschie: "Das ist pietätlos"

SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie ist empört. "Dieter Althaus nutzt den Skiunfall für eine schamlose Selbstinszenierung im Wahlkampf", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Das ist pietätlos gegenüber der getöteten Mutter." Statt sich um die Probleme in Thüringen zu kümmern, stelle er sich in der Boulevardpresse als Unfallopfer dar, "um Punkte zu sammeln", sagte Matschie. "Er bricht damit den Konsens, den Unfall nicht zum Wahlkampfthema zu machen. Er selbst macht den Unfall jetzt zum Hauptthema im Wahlkampf."

Aus Matschies Sicht will Althaus damit davon ablenken, "dass er keinerlei Konzepte für die politische Zukunft Thüringens hat". Im Moment weiche er jeder politischen Debatte mit den anderen Spitzenkandidaten aus, wirft ihm der Sozialdemokrat vor. "Ich fordere ihn auf, diese Selbstinszenierung zu beenden und sich endlich den Problemen in Thüringen zu widmen."

In dem "BamS"-Interview hatte Althaus erklärt: "Linkspartei und SPD haben zugesagt, dass sie den Unfall im Wahlkampf nicht thematisieren wollen. Ich hoffe, dass das so bleibt."

Matschie sagte SPIEGEL ONLINE, er werde sich weiter an die Absprache halten. Althaus' aktuelle Äußerungen habe er aber nicht unkommentiert lassen können.

Der Spitzenkandidat der Thüringer Linkspartei, Bodo Ramelow, äußerte sich ähnlich. Er sagte der "Thüringer Allgemeinen", er nehme das Interview kopfschüttelnd zur Kenntnis. Althaus missbrauche die Medien zur permanenten Selbstinszenierung. In Thüringen wird am 30. August ein neues Parlament gewählt. Die CDU regiert seit fünf Jahren mit absoluter Mehrheit.

Der "BamS" hatte Althaus gesagt, er habe durch das Unglück seine Gefühle für Ehefrau Katharina neu entdeckt. "Ich habe mich noch einmal neu in meine Frau verliebt. Unsere Ehe hat einen wichtigen zusätzlichen Impuls bekommen." Seit 1990 hätten er und seine Frau eine Ehe auf räumlicher Distanz geführt. "Im Krankenhaus haben wir nach den Jahren der Fernbeziehung wieder viel Zeit und Nähe miteinander verbracht. Das war für unsere Liebe gut und wichtig", so Althaus.

"Das versteht meine Frau"

Für die Zukunft habe er seiner Frau und sich selbst versprochen, "meine freie Zeit so zu organisieren, dass wir beide etwas mehr davon haben". Das Ehepaar habe sich vorgenommen, "dass ich ein Wochenende im Monat für uns frei halte". Doch im Wahlkampf sei das schwierig. "Da steht auch an allen Wochenenden die Arbeit im Mittelpunkt", so Althaus, aber: "Das versteht meine Frau."

Bei der Verarbeitung des Unfalls sei seine Frau eindeutig die wichtigste Gesprächspartnerin. Über Schuldgefühle sagte Althaus: "Sehr früh habe ich die Verantwortung für meine Schuld übernommen. Das ist selbstverständlich. Ich habe um Vergebung gebeten und sie auch erfahren. Vergebung durch meine Frau, durch meine Töchter, in Gesprächen mit Kirchenvertretern und mit Freunden."

Auf die Frage, ob bei den Umfragewerten von 40 Prozent für die CDU ein Mitleidsbonus eine Rolle gespielt habe, sagte Althaus der Zeitung: "Das vermag ich nicht zu sagen. Aber es war in den vergangenen Jahren immer so, dass meine persönlichen Werte über denen der Thüringer Union lagen. Das hat sich jetzt bestätigt."

Bei dem Unfall am 1. Januar 2009 erlitt Althaus selbst schwere Schädelverletzungen. Vom Bezirksgericht im österreichischen Irdning wurde der Ministerpräsident im März wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 33.000 Euro verurteilt.

ffr/jul

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