Wahlkampf mit Gefühl Schröder lernt den Kohl

Für die Union ist der Anti-Kriegs-Kurs des Kanzlers der Versuch, mit Emotionen Stimmungen zu erzeugen. Dabei ist das Rezept uralt - auch sein Amtsvorgänger Helmut Kohl wusste es zu vortrefflich nutzen.

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Ex-Kanzlerberater Teltschik: Die schlechten Umfragewerten mit einem zupackenden Thema vertrieben
DPA

Ex-Kanzlerberater Teltschik: Die schlechten Umfragewerten mit einem zupackenden Thema vertrieben

Berlin - Die Runde im Kanzleramt blickte zerknirscht auf ihre Teller. Die Stimmung im Lande war gar nicht gut, die Umfragen sahen den Herausforderer vorne. "Unsere Öffentlichkeitsarbeit ist Kreisklasse statt Bundesliga", sagte ein sichtlich betrübter Kanzler. Wenn das so weitergehe, könnten sie im nächsten Jahr "die Koffer packen", wandte sich der schwergewichtige Mann an seine Mitarbeiter. Die Vertrauten am Tisch schwiegen betreten. Es war der 23. November 1989. Der SED-Führung in der DDR entglitt zunehmend die Lage, nachdem zwei Wochen zuvor die Mauer in Berlin faktisch gefallen war. Und in der Umgebung Helmut Kohls herrschte Ratlosigkeit.

So zeigt der Regisseur Hans-Christoph Blumenberg in seinem ZDF-Doku-Drama "Deutschlandspiel" eine der entscheidenden Augenblicke des Wende-Herbstes. Die Szene im Kanzleramt ist aufschlussreich. Beweist sie doch, dass historische Entscheidungen manchmal keiner Strategie folgen, sondern profanen Gründen: In diesem Fall der Suche nach dem entscheidenden Wahlkampf-Knüller. Denn am Abend des 23. November 1989 wurde am Tisch des Kanzleramtes der 10-Punkte-Plan Kohls für eine "Konföderation" beider deutscher Staaten geboren - mit dem der Kanzler fünf Tage später im Bundestag Freund und Feind überraschte und die verloren gegangene Hoheit im politischen Tagesgeschäft wiedergewann.

Die Szene zeigt zudem: Ein zündendes Thema zum richtigen Zeitpunkt kann die Wahl entscheidend beeinflussen - so wie im Jahr 2002 möglicherweise Gerhard Schröders Nein zu einer deutschen Beteiligung an einer Irak-Invasion. Der sozialdemokratische Kanzler hat mit den Ängsten vor einem Krieg sein "Bauchthema" (FAZ) gefunden - wie Helmut Kohl einst im Herbst 1989. Damals war die Ausgangslage des Pfälzers ähnlich vertrackt wie noch vor Wochen die des Niedersachsen. Oskar Lafontaine, damals sozialdemokratischer Kandidat, machte Kanzler Helmut Kohl schwer zu schaffen. In allen Umfragen lag er monatelang haushoch vorne. Dann kam der Mauerfall und Kohl wirkte immer noch paralysiert. Die konservativ-liberale Koalition schien ihrem letzten Winter entgegen zu gehen. In der DDR schickte sich der neu bestimmte SED-Ministerpräsident Hans Modrow an, mit eigenen Vorschlägen zu einer "Vertragsgemeinschaft" die Vereinigung zu verhindern.

Doku-Drama "Deutschlandspiel": Kohl (Lambert Hamel) telefoniert mit dem Kanzleramt, im Hintergrund Teltschik (Udo Schenk)
ZDF

Doku-Drama "Deutschlandspiel": Kohl (Lambert Hamel) telefoniert mit dem Kanzleramt, im Hintergrund Teltschik (Udo Schenk)

An diesem 23. November aber wurde der Rettungsanker gefunden. "Wir brauchen ein Thema, ein attraktives Thema, ein Thema, das die Menschen bewegt", erinnert sich Horst Teltschik als Zeitzeuge in Blumenbergs Film an den entscheidenden Abend im Herbst 1989. Der Politikwissenschaftler wusste, wie dem Kanzler geholfen werden konnte: "Es gibt ein Thema, dass in dieser Stunde der Bundeskanzler artikuliert, gestaltet und aufgegriffen haben muss und das öffentlich - und das ist das Thema deutsche Einheit".

Kurz zuvor hatte ein Emissär aus der sowjetischen Nomenklatur in Bonn vorgefühlt, wie im Kanzleramt über die Vereinigung gedacht wurde. Erstmals hatte damit die Führung der KPdSU zu erkennen gegeben, dass sie einer möglichen Vereinigung von Bundesrepublik und DDR nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstand. Der 23. November wurde ein Treffen, mit dem Kohl seine eigene Wende einleitete. Dabei stand bei der Zusammenkunft zunächst nicht die Einheit im Vordergrund, wie Horst Teltschik unumwunden im Doku-Drama einräumte: "Anlass waren nicht die Prozesse in der DDR, sondern die schlechten Umfragedaten".

Kohl im Bundestag: "Unsere Öffentlichkeitsarbeit ist Kreisklasse"
REUTERS

Kohl im Bundestag: "Unsere Öffentlichkeitsarbeit ist Kreisklasse"

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Der Saarländer Lafontaine fand keine klare Haltung zur deutschen Einheit und Helmut Kohl gewann im Dezember 1990 mit großem Vorsprung die ersten gesamtdeutschen Wahlen. An den 23. November 1989 erinnert sich sein Berater Teltschik noch heute gerne. Im Doku-Film "Deutschlandspiel" sieht man ihn mit einem verschmitzten Gesicht in die Kamera lächeln: "Na gut, am Ende hatten wir zehn Punkte und das war ja auch kommunikativ nicht ganz schlecht."



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