Wahlkampf Promi-Theater im Bundestag

Bundestag oder Mattscheibe - vor diese Wahl hat der MDR den Schauspieler Peter Sodann gestellt. Medienrechtler sehen darin ein rechtlich fragwürdiges Vorgehen. Wie vortrefflich sich Wahlkampf mit einem berühmten Gesicht führen lässt, haben schon andere Prominente gezeigt.

Berlin - Peter Sodann ist nicht der erste Prominente, der wegen seines Engagements auf der politischen Bühne im Show-Business Ärger bekommt. Der Schauspieler Dietmar Schönherr verlor 1981 seinen Moderatorenjob in einer Schweizer Fernsehsendung, weil er den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan als Arschloch betitelt hatte. Sportreporter Günther Koch verzichtete 2002 auf sein für die SPD errungenes Landtagsmandat: BR-Intendant Thomas Gruber hatte ihm unter vier Augen klargemacht, dass Mikro und Mandat sich nach Ansicht des Hauses keinesfalls miteinander vereinbaren ließen.

An die entsprechende Dienstanweisung der bayerischen Schwestern-Anstalt lehnte sich auch MDR-Intendant Reiter bei seiner Ankündigung an, den "Tatort"-Kommissar nicht weiter ermitteln zu lassen, sollte der ein Bundestagsmandat gewinnen. Sodann hatte seine Kandidatur für die sächsische PDS daraufhin zurückgezogen.

Die Drohung, Sodann auch nach einer erfolgreichen Kandidatur nicht mehr als Kommissar auf den Bildschirm zu lassen, "bedeutet einen Eingriff in seine Grundrechte und ins passive Wahlrecht", sagte der Berliner Rechtsanwalt Johannes Eisenberg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Hamburger Medienrechtlerin Renate Damm sieht das ähnlich. Die ARD-weit geltende Regelung, dass Mitarbeiter sechs Wochen vor der Wahl nicht mehr auftreten dürfen, sei sinnvoll: "Das gehört mit zum Begriff der Überparteilichkeit der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten", sagte Damm. Sodann aber nach einem Wahlsieg noch vom Bildschirm zu bannen, "das würde schon in die Richtung Berufsverbot gehen".

"Starallüren führen unweigerlich zur Bauchlandung"

Reinhard Grindel hingegen kann die Reaktion des MDR verstehen. Der ehemalige ZDF-Reporter, der zuletzt das Brüsseler Studio des Senders leitete, sitzt seit 2002 für die CDU im Bundestag. Ein Porträt von Prinz Claus war nach der Nominierung zum Bundestagsabgeordneten sein letztes Werk als Reporter. "Man darf da die Rollen nicht vermischen", sagt der 43-Jährige im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sodanns Idee, gleichzeitig den Fernsehkommissar und den Bundstagsabgeordneten geben zu wollen, hält Grindel außerdem schon aus praktischen Gründen für Unsinn. "Die Vorstellung, er könnte parallel zu seinem Mandat noch weiter Krimis drehen, zeigt, dass Peter Sodann eine völlig falsche Vorstellung von der Arbeit eines Bundestagsabgeordneten hat." Man könne sich da nicht mal eben für drei- bis vierwöchige Dreharbeiten verabschieden, sagt Grindel.

Dass Parteien versuchen, mit Promis im Wahlkampf zu punkten, ist derweil kein Novum im deutschen Politikbetrieb. Die PDS machte schon 1994 vor, wie's geht: Sie holte sich den Schriftsteller Stefan Heym per offener Liste ins Wahlkampfboot. Der 81-Jährige schien der richtige Kandidat, um im Berliner Bezirk Prenzlauerberg/Mitte gegen SPD-Kandidat Wolfgang Thierse anzutreten, den er dann auch klar besiegte. "Da standen die Journalisten Schlange", erinnert sich Dietmar Bartsch, der ehemalige Geschäftsführer der PDS. Er ist noch heute überzeugt: Ohne Heym wäre man nie in den Bundestag gezogen.

Ob sich der CDU-Abgeordnete Matthias Wissmann an diesen Erfolg erinnerte, als er 2002 den Turn-Star Eberhard Gienger von einer Kandidatur im Bundestags-Wahlkreis Neckar-Zaber überzeugte? Nach einiger Überlegung trat Gienger jedenfalls flugs noch dem CDU-Ortsverein Bietigheim-Bissingen bei - und dann holte der 36-fache Deutsche Meister 44,5 Prozent der Stimmen im Wahlkreis gegen den altgedienten SPD-Mann und Kanzleramtsminister Hans-Martin Bury.

"Es hat schon einen Vorteil, wenn Sie sich dem Bürger nicht so intensiv vorstellen müssen", sagt Gienger im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Trotzdem müsse ein Promi auch in der neuen Rolle überzeugen, betont Gienger. Und auch CDU-Mann Grindel erklärt: "Wenn Sie sich da als kleiner Star fühlen, werden Sie schnell eine Bauchlandung hinlegen." Die Parteikollegen seien gegenüber prominenten Quereinsteigern oft skeptisch. Da müsse man sich schon in die "Hackordnung" der Fraktion einfügen und ganz von vorne anfangen.

Vielleicht schmeißen viele bekannte Gesichter ja deshalb das politische Geschäft schnell wieder hin. Der damals 81-jährige Schriftsteller Heym flüchtete nach nicht einmal einem Jahr endgültig aus dem Parlament - auch zuvor sei er hauptsächlich zu Interviewterminen im Foyer erschienen, mokiert sich CDU-Mann Grindel, der damals Parlamentsreporter war und das "peinlich" fand.

Effektive Kurzeinsätze

Besser klappte es bei denen, die ihre zweite Karriere erst nach der ersten begannen. Die ehemalige Speerwerferin und zweifache Olympiasiegerin Ruth Fuchs saß zehn Jahre für die PDS im Bundestag, und ist seit 2004 Thüringer Landtagsabgeordnete. Rad-Sport-Star Gustav-Adolf Schur mischte für die PDS immerhin vier Jahre mit im Bundesparlament.

So mancher Promi beschränkt sich auch auf effektive Kurzeinsätze im politischen Ring. So machten Günter Grass und Heinrich Böll gemeinsam mit Friedensaktivist Dietmar Schönherr eine Friedensdemonstration vor dem US-Stützpunkt im schwäbischen Mutlangen zur "Promi-Blockade" und damit zum Medienspektakel. Schauspielerin Nina Hoss, Tochter des Grünen-Mitbegründers Willi Hoss, saß letztes Jahr für die Partei in der Bundesversammlung. Fußballer und Trainer Ewald Lienen entging 1985 gerade noch der anstrengenden Aufgabe, Abgeordnetentätigkeit und Kickerkarriere in Einklang bringen zu müssen: Seiner Kandidatur für den nordrhein-westfälischen Landtag als Mann der DKP-nahen Friedensliste blieb der Erfolg trotz Promi-Faktor versagt.

Auch Peter Sodann will sich künftig auf Kurzauftritte in der politischen Arena beschränken und sich ansonsten ganz der Rolle des knurrig-liebenswerten Kommissar Ehrlicher hingeben. Er habe sich die berufliche Bedeutung einer Bundestagskandidatur nicht bewusst gemacht, sagte der 69-Jährige im Interview mit dem SPIEGEL. "Ich habe mir extra eine Sitzung des Bundestags angesehen und dabei festgestellt: also irgendwo ganz im Innersten gehörst Du da nicht hin."

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