Wahlkampf Schaulaufen vor den Landfrauen

Grün gegen Schwarz, ökologische Landwirtschaft gegen konventionelle, Frau gegen Frau. Auf dem Deutschen Landfrauentag in Rostock trafen Renate Künast und Angela Merkel aufeinander. Die CDU-Chefin erntete Applaus, das Kapitel Künast scheint für die Bauern dagegen bereits beendet.

Aus Rostock berichtet


Merkel, Künast: "Es ist nicht sinnvoll, sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zu überhäufen"
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Merkel, Künast: "Es ist nicht sinnvoll, sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zu überhäufen"

Rostock - Die "Pasternak Group", ein Jazzquartett, spielt Norwegian Wood von den Beatles, als Angela Merkel die Rostocker Stadthalle betritt. Die meisten der rund 3000 Teilnehmerinnen des Landfrauenbundes stehen auf und klatschen als Merkel zum Podium schreitet. Auf dem Podium sitzt Renate Künast und verfolgt das Schauspiel ironisch lächelnd. Sie hatte schon gestern auf dem Bauerntag am selben Ort gesprochen - und vereinzelt Pfiffe kassiert.

Für die CDU-Chefin ist der Auftritt auf dem Deutschen Landfrauentag in Rostock eine Art Heimspiel. Schließlich hat die Union auf dem Lande seit jeher die Hausmacht. Doch wird das auch nach der Wahl so bleiben? Als Merkel zum Landfrauentag ihr Kommen zusagte, standen Neuwahlen noch nicht auf der Tagesordnung. Auch ahnte man nicht, dass der EU-Gipfel scheitern und der britische Premier Tony Blair das Subventionssystem in der Landwirtschaft in Frage stellen würde - und damit die Agrarhilfen bis 2013. Wird Merkel tatsächlich Kanzlerin, könnte sie vor einem Spagat stehen: Hier die Agrarskeptiker, dort die Hoffnungen und Erwartungen der zumeist konservativen deutschen Bauern.

Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauerverbandes, geht schon einmal in die Vollen. Den Briten wirft er eine "unfaire und verlogene" Art vor. Diejenigen, die eine Einigung auf dem EU-Gipfel verhindert hätten, wollten "die bewusste Beschädigung Europas" und eigentlich eine Freihandelszone. Für solche Worte erhält Sonnleitner viel Zustimmung. Merkel aber macht sich solche Töne nicht zu Eigen. "Herr Sonnleitner, es ist nicht sinnvoll, sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zu überhäufen", sagt sie.

Ökologie gegen traditionelle Landwirtschaft?

Merkels Auftritt mit Künast könnte ein Duell werden, Bewahrerin gegen Reformerin. Doch auf dem Podium plaudern beide friedlich miteinander, während die Band spielt. Ihre Reden sind frei von gegenseitigen Vorhaltungen. Fast. Nur einmal wehrt sich Merkel gegen den Vorwurf Künasts, sie habe im Bundestag von "zu viel Agrar und wenig Zukunft" im Zusammenhang mit dem EU-Haushalt gesprochen. Im Saal rumort es.

Diese wahlkämpferische Spitze der Grünen kontert die CDU-Politikerin mit dem Hinweis, hätte sie das so gemeint, wäre es zu "einem lauten Pfeifkonzert" in ihrer Bundestagsfraktion gekommen. Für die deutsche Landwirtschaft müssten weiterhin "Verlässlichkeit und Berechenbarkeit" gelten. Die Union stehe zu geschlossenen Verträgen, sagt Merkel. Konkreter aber wird sie nicht.

Künast: Ernährung als Zukunftsthema
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Künast: Ernährung als Zukunftsthema

Die Grüne Künast, die sich durch ihre beherzte Art den Respekt der Landwirte erarbeitet hat, rückt den Verbraucherschutz in den Mittelpunkt ihrer Ansprache. Sie redet von nachwachsenden Rohstoffen, mit denen Deutschland ein Stück weit aus der Abhängigkeit herauskommen könnte. Sie spricht von Ernährung als Zukunftsthema, von Qualität bei den Produkten, die sich auf dem Weltmarkt behaupten müssten.

Es gibt Stimmen in der Union, die wollen aus dem Verbraucherschutzministerium wieder ein reines Agrarministerium machen. Das hatte am Wochenende die Beauftragte für den Verbraucherschutz in der Unionsfraktion, Ursula Heinen, vorgeschlagen. Der Bereich gehöre besser in Justizministerium. Merkel sagt dazu in Rostock kein Wort. Aber auch Künast geht auf diese Steilvorlage vor den Landfrauen nicht ein. Die Grüne, die nach der BSE-Krise 2001 ins Amt kam und den Verbraucherschutz mit Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit nach vorne schob, streitet unbeirrt für ihr Konzept. Die Landwirtschaft, sagt sie, brauche einen starken und modernen Pakt, den Bäuerinnen und Bauern mit den Verbrauchern abschlössen. "Ihr Kapital ist Qualität, ihr Kapital ist das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher." Sie wünsche sich selbstbewusste Landfrauen, die wüssten, "dass nicht alles beim Alten" bleiben könne. Am Ende ihrer Rede ruft sie in den Saal hinein: "Vergessen Sie die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht." Es klingt wie Künasts Abschiedsmahnung.

Qualität statt "Geiz ist geil"

Vielleicht hat tatsächlich ein Wandel stattgefunden. Etwas, was von der rot-grünen Politik bleiben wird. Die Präsidentin des Landfrauenverbandes, Erika Lenz, sagt, Qualität sollte den Preis bestimmen "und nicht etwa Geiz ist geil". Da applaudieren die Frauen im Saal. Die Marktgesetze, das wissen die Bauern hier in Rostock auch, treffen ökologische wie traditionelle Betriebe gleichermaßen - etwa durch die Dumpingpreise der Billigketten bei Milchprodukten. Der Verbraucher sei durchaus gewillt, mehr zu zahlen, sagt Lenz, wenn nicht dasselbe hochwertige Produkt als Ramsch in den Discountern angeboten werde.

Auch die Union wird an den Fragen der Ökologie nicht vorbei kommen - doch wird sie ein solches Gewicht darauf legen wie Künast? Merkel sagt, es gehe gar nicht mehr um die Entscheidung zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft. Man dürfe sie nicht "politisch gegeneinander ausspielen". Merkel plädiert für die grüne Gentechnologie und fügt an: Strenge Kennzeichnungspflicht bei Produkten sollte gelten, aber jeder Verbraucher sollte entscheiden, "was er möchte".

In Rostock streichelt die Kanzlerkandidatin die Seelen der Bauern und greift das Thema des Zuckeranbaus auf. In der Entwicklungspolitik sei sie durchaus für die Hilfe der Ärmsten der Armen, wenn aber dadurch Zehntausende von ökologischen Arbeitsplätzen beim Zuckeranbau in Deutschland zerstört würden und stattdessen Brasilien eine Monopolstellung erhalte, dann habe sie gehörige Zweifel. Dafür erhält Merkel Zustimmung - schon am Vortag hatten Bauern vor der Halle gegen den Plan der EU protestiert, die Subventionen für die Zuckerproduktion zu senken.

Merkel hat in der Halle von Rostock den Bauern keine großen Versprechungen gemacht. Am Ende reicht das trotzdem für einen kräftigen Abschied, die Hälfte der Teilnehmer im Saal steht beim Klatschen auf. Noch ist Rot-Grün an der Macht. Und so verspricht sich die Präsidentin des Landfrauenverbandes beim Abschied: "Sehr geehrte Frau K..." Lachen brandet auf, dann stellt Lenz richtig: "Sehr geehrte Frau Merkel". Die Kanzlerkandidatin erhält einen prall gefüllten Geschenkkorb. Es seien ja noch 87 Tage bis zur Wahl am 18. September, sagt Frau Lenz. Es klingt wie eine Erwartung.



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