Wahlkampf Schröders Schulterschluss mit SPD-Hoffnung Vogt

Sie ist die große Hoffnung der SPD für die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 25. März: Ute Vogt. Beim Landesparteitag im Mannheimer Kongresszentrum Rosengarten wirkten die 36-Jährige und Kanzler Gerhard Schröder wie ein eingespieltes Team.

Von Kristina Jagemann


Mannheim - "Ich bin seit 6 Uhr auf den Beinen", erzählt eine Freiburger SPD-Delegierte, die mit dem Zug angereist ist. "Aber was macht man nicht alles für die Ute?" Und dann kommt sie ins Plaudern: "Also am Anfang, als sie Spitzenkandidatin wurde, war ich nicht so begeistert von ihr." Sie sei noch so jung und unerfahren, "doch jetzt hat sie mich überzeugt". Ihr Fazit: "Die Ute packt's."

Arm in Arm: Schröder und Vogt lassen sich von den Mannheimer Delegierten feiern
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Arm in Arm: Schröder und Vogt lassen sich von den Mannheimer Delegierten feiern

"Menschen gewinnen", unter dem Motto stand der Parteitag der baden-württembergischen SPD in Mannheim. Der Kanzler und die junge Spitzenkandidatin spazierten zur Live-Jazzmusik strammen Schrittes, umgeben von mindestens sechs Leibwächtern, zum Podest. Dröhnender Applaus, der erst aufhört, als die 36-jährige Hoffnungsträgerin zum Mikrofron geht: "Bei uns weht Rückenwind aus Berlin", eröffnet sie ihre Rede, und die Genossen jubeln.

Ein wohl geführter Seitenhieb auf ihren Kontrahenten, Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU). Der hatte erst vor kurzem seinem Zorn über die CDU-Parteiführung in Berlin freien Lauf gelassen und sich über "orkanartigen Gegenwind" beschwert. Auch die jüngsten Umfragen im Ländle deuten darauf hin, dass es diesmal eng werden könnte für die CDU, die seit 1953 in Baden-Württemberg regiert. Jüngste Umfragen deuten zumindest auf deutliche Verluste für die CDU hin. Für Ute Vogt hingegen gehen die Umfragewerte stetig bergauf. 1996 erreichte die SPD desaströse 25,1 Prozent, jetzt in Umfragen liegt sie bei 30 Prozent.

"Die Selbstzufriedenheit der Landesregierung, die in Sattheit umgeschlagen hat, wird sich am Wahlabend rächen", so die Kampfansage der 36-Jährigen an den 62-jährigen Teufel und den Koalitionspartner, die FDP. Die Liberalen hat Vogt aber auch noch in anderem Zusammenhang im Visier: "Sollte es für Rot-Grün nicht reichen, ist auch die FDP eine sehr bewegliche Partei". Teufel wirft sie vor, Regierungspolitik nur aus Stuttgart zu betreiben und "nur mal zu einem Spatenstich" unter die Menschen zu gehen.

"Simply the best?"

45 Minuten redet sie, wobei sie kurz das Thema Arbeitslosigkeit aufgreift: "Die Ursache der niedrigen Quote, die wir hier im Land haben, sitzt nicht in der Landesregierung, sondern hier", sie deutet dabei auf Kanzler Schröder, der ihr sein Pokerface-Grinsen schenkt. Innerhalb eines halben Jahres, verspricht sie, soll jeder Jugendliche ein konkretes Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebot erhalten. Und schon ist sie bei ihrem Schwerpunktthema Bildung.

Sie nimmt sich viel Zeit, fast 20 Minuten redet sie über Ganztagsschulen, Multi-Media-Offensive an Schulen und gibt dabei der Landesregierung einen kräftigen Hieb mit: "In der Bildungspolitik der schwarz-gelben Regierung gibt es große Versäumnisse, sonst hätten sie es nicht nötig uns in den Forderungen noch zu übertreffen. Nach dem Motto: Wenn ihr 5000 neue Lehrerstellen schafft, dann schaffen wir 5500". Dass das Thema Bildung ihr Steckenpferd ist, hört man nicht nur im Saal, sondern sieht man auch im Foyer des Kongresszentrums. 13 Bildungseinrichtungen, Verbände und Institutionen tummeln sich dort mit ihren Ständen.

Da das Thema Bildung im Saal zu dröge zu werden droht, macht sich langsam Unruhe im Saal breit. Schnell schwenkt sie noch einmal auf den Umwelt- und Energiepfad bis hin zum Thema BSE und den Verbraucherschutz ein. Sie wird belohnt: Zwei Minuten lang stehender Applaus der Delegierten. Und Musik fehlt natürlich auch nicht: "Simply the Best" von Tina Turner".

Schröder und der alte Wein

Der Kanzler mit seinem lockeren Mundwerk verzichtet diesmal, auf die Schwarzen einzudreschen, sondern lobt zum x-ten Mal die Steuerreform, verspricht, dass es möglichst noch in dieser Legislaturperiode ein Zuwanderungsrecht geben soll. Er macht aber zugleich klar, dass es nicht gegen das Asylrecht ausgeschrieben wird.

Viel Zeit nimmt er sich für die Umorientierung in der Landwirtschaftspolitik: "Es zählt, was die Menschen essen wollen und nicht, was geliefert werden möchte". Er peile ein Bündnis der Verbraucher mit den Landwirten an. Und richtet ein Machtwort an alle, die ihn daran versuchen, zu hindern: Wer alten Wein in neue Schläuche versucht hineinzugießen, "der wird unserer Gegner sein". Fehlt noch ein Basta. Tosender Applaus.

Und dann noch ein bisschen Wahlkampf für die Ute, wie er sie nennt. "Viel Erfolg im Kampf um die Regierungsmacht in diesem schönen Land". Und dass "ihr die erste Ernte eurer Arbeit im März einfahrt". Stolz lässt sich der Kanzler feiern. Holt die Ute dazu, legt ihr immer wieder den Arm um die Schultern und zieht sie vorne an die Bühne. Frisch und fröhlich wirkt sie. Vielleicht packt sie es ja am 25. März. Noch hat sie sechs Wochen Zeit, um Wähler zu gewinnen.



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