Wahlkampf SPD taumelt, Union macht Urlaub

Chaos-Woche für die Genossen, Ruhe bei CDU und CSU: Genüsslich verfolgen die Unionsstrategen, wie sich die SPD selbst zerlegt - und halten sich sehr bewusst zurück. Mit einer Wahlschlacht rechnen sie erst im September.

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Berlin - Auf allen Kanälen SPD. So hatten sie sich das gedacht im Willy-Brandt-Haus, so ist es gekommen. Nur ganz anders. Das Dienstwagen-Desaster der Ulla Schmidt überdeckt den Wahlkampf der Roten und das gerade präsentierte Kompetenzteam von Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wirkt mit 18 Mitgliedern recht überdimensioniert.

Kanzlerin Merkel, Kanzlerkandidat: "Sie soll die Tage genießen"
dpa

Kanzlerin Merkel, Kanzlerkandidat: "Sie soll die Tage genießen"

Und was macht die Union? Nichts. Oder: Urlaub. CDU-Chefin Angela Merkel ist seit einer Woche weg, am Samstag wird die Kanzlerin in Sulden erwartet, in Südtirol. "Sie soll die Tage genießen", wünscht sich der Präsident der Ferienregion in der örtlichen Zeitung "Dolomiten". Die trockene, saubere Luft werde das Immunsystem der Kanzlerin stärken, heißt es dort weiter.

Merkel dürfte sich südlich des Alpenhauptkamms auch dank der Pannenserie der Sozis im fernen Berlin trefflich erholen.

Derweil steht der Wahlkampf von CDU und CSU auf Standby. Die schwarzen Strategen in den Parteizentralen von Berlin und München wollen die Füße stillhalten - und schauen genüsslich zu, wie sich die SPD im Umfragekeller einrichtet. "Vor lauter Team sieht man den Kanzlerkandidaten nicht mehr", spöttelt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla über Steinmeiers Großaufgebot. Und CSU-Kollege Alexander Dobrindt lästert übers "Einweg-Kabinett": "Heute vorgestellt, morgen vergessen."

Zum Dienstwagen-Ärger der Genossen will sich kaum einer äußern in der Union, von "bewusster Zurückhaltung" ist die Rede. Man gibt sich staatstragend. Mögen die anderen im Chaos versinken, die Union bürgt für Stabilität im Land. So soll das ankommen beim Wahlvolk. Allein Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) legte in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" noch einmal nach gegen ihre Kabinettskollegin: "Das Wichtigste ist, ein Gespür zu behalten für das, was in Ordnung ist. Es reicht nicht, die rechtliche Lage zu kennen."

Ansonsten herrscht Ruhe.

So verzichtet die Union bisher komplett auf ein Kompetenzteam. Pofalla: "Das Team der Union um Angela Merkel steht bereits seit vier Jahren fest und saß jeden Mittwoch am Kabinettstisch." Hinzu kämen noch die Ministerpräsidenten sowie die Fraktionsführung. "Schattenkabinette und Kompetenzteams sind die typischen Instrumente der Opposition", so Pofalla. Dennoch gibt es im Hintergrund Überlegungen, falls nötig kurzfristig Konterparts zu den von SPD-Ministern repräsentierten Bereichen Arbeit, Umwelt und Gesundheit zu präsentieren. Aber von einer konkreten Planung könne keinesfalls die Rede sein, heißt es.

Die Union wartet ab. Ihr Wahlkampf wird "kurz und hart"

Die Union wartet ab. Man setzt darauf, dass sich die SPD nicht aus eigener, thematisch-inhaltlicher Kraft aus dem Sumpf ziehen kann. "Die sind nicht auf Augenhöhe mit uns", heißt es. Allerdings gelten die Landtagswahlen am 30. August als Unbekannte im Unionswahlkampf. Sollte die SPD in Sachsen, Thüringen und im Saarland ordentlich abschneiden, möglicherweise sogar einen Ministerpräsidenten stellen, könnte das neuen Schwung im Bund verleihen.

Zudem hat man nicht mehr allein die SPD im Blick, sondern insbesondere auch die FDP, mit der man eigentlich gern koalieren würde. In der Union herrscht Verärgerung, dass FDP-Chef Guido Westerwelle noch immer keine offizielle Koalitionsaussage gemacht hat. Besonders der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ist in den letzten Tagen auf einen entschieden kritischeren Kurs gegenüber den Liberalen eingeschwenkt: "Viel leistungsloser Gewinn" falle der FDP in den Schoß, sagte er nach einer Vorstandssitzung. Sie dürfe nicht der "Profiteur im bürgerlichen Lager" werden.

Mit einer echten Wahlkampfauseinandersetzen rechnen sie in der Union erst im September. "Kurz und hart" werde der Wahlkampf. Merkel wolle die Koalition mit der SPD "anständig" zu Ende bringen, niemand solle sagen können, man habe die Regierungsarbeit schon vor Ablauf der Legislaturperiode eingestellt. Nicht vom Kompetenzteam sprechen sie bei den Schwarzen, sondern von einem "Kompetenzwahlkampf".

Merkel gibt am 6. September auf einer Großveranstaltung in Düsseldorf den Startschuss für die heiße Phase des Wahlkampfes. Kurz darauf ein sogenannter "Deutschlandtag" am 15. September: Dann will die Parteichefin mit dem historischen "Rheingold-Express" von West nach Ost durchs Land reisen - genau 60 Jahre, nachdem Konrad Adenauer zum ersten Kanzler der Bundesrepublik gewählt würde. Los geht's in Adenauers Geburtsort Rhöndorf, dann weiter über Leipzig nach Berlin. Das CDU-Präsidium, Vertreter der Landesverbände sowie Angehörige der Familie Adenauer sollen Merkel begleiten.

Die Kanzlerin knüpft damit an vergangene Jahrzehnte an, als Spitzenkandidaten wie Willy Brandt im Wahlkampf tagelang mit speziellen Zügen von Termin zu Termin durch die Republik reisten. Ausführliche Bustouren jedenfalls scheinen in diesem Sommer nicht angesagt zu sein.

Übrigens verweigert sich mindestens einer in der Union vehement dem Urlaub: Horst Seehofer. Jetzt wegfahren? Nein, das widerstrebe seinem Naturell, sagt der CSU-Chef. Aber er habe nichts dagegen, wenn andere "durchschnaufen". Seehofer: "Das soll jeder machen, wie er mag."

Schönen Gruß nach Südtirol.

Mitarbeit: Philipp Wittrock

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