Wahlkampfauftakt à la Stoiber "Hallo, Kanzler!"

Mehr Schwung für die Wirtschaft, einen flexibleren Arbeitsmarkt, mehr Jobs im Niedriglohnbereich: Auch Edmund Stoiber hat die heiße Wahlkampfphase eröffnet. Doch während Gerhard Schröder in Hannover vor Tausenden sprach, spazierte sein Herausforderer mit einer Hand voll Journalisten durch sein Heimatdorf.


Oberaudorf: Stoiber vor seinem Elternhaus
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Oberaudorf: Stoiber vor seinem Elternhaus

Oberaudorf - Eine bayerische Idylle: Weiß-blau der Himmel, majestätisch die Berge, in grünem Janker der Landesvater. Bei einem Spaziergang durch Oberaudorf präsentierte Edmund Stoiber den Journalisten der Landtagspresse eine heile Welt, wie sie halt nur noch in Bayern zu finden ist. Stoiber zog es freilich nicht in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident nach Oberaudorf. Am Tag, an dem Amtsinhaber Gerhard Schröder in seiner Heimat Hannover die heiße Wahlkampfphase der SPD eröffnete, zeigte sich sein Herausforderer Stoiber nicht zufällig in der 5000-Seelen-Gemeinde an der österreichischen Grenze. Back to the roots: In Oberaudorf wurde er geboren.

Laurentiusstraße Nr. 6 heißt die Adresse, ein einfaches Haus mit dunklem Holz und großem Balkon, ein herrlicher Blick über die 5000-Seelen-Gemeinde an der Grenze zu Österreich, die traumhafte Kulisse des Kaisergebirges im Hintergrund. "Ich habe mit meinen beiden älteren Schwester zusammen ein Zimmer gehabt", sagt Stoiber. "Da lernt man, aufeinander Rücksicht zu nehmen."

Gibt es den alten Hufschmied eigentlich noch? Stoiber fragt den Bürgermeister immer wieder nach solchen Details. "Wie schön es doch im Inntal ist", ruft der Politiker dann begeistert dem Journalistentross zu, mit denen er die Stätten seiner Jugend besucht und für die er in seinen Erinnerungen kramt. Beim Heimattermin sollen die Medienvertreter Stoiber auch mal von der privaten statt nur der beruflichen Seite kennen lernen.

Vor dem Haus, in dem Stoiber die ersten 20 Jahre seines Lebens wohnte, denkt er zurück an die Zeit, als seine Familie nach dem Krieg die zwei Zimmer mit einer Flüchtlingsfamilie teilte und später ein "Zimmer mit Frühstück" an Touristen aus ganz Deutschland vermietete.

Der jetzige Besitzer des Hauses macht bei der Begrüßung eine leichte Verbeugung vor Stoiber. Auf der Straße beklatschen Passanten den Schröder-Herausforderer. Ein Autofahrer bringt die Stimmung in Oberaudorf auf den Punkt: "Hallo Kanzler!" schmettert er dem breit grinsenden Stoiber entgegen. Dieser genießt das Heimspiel, er ist locker und leutselig, geht auf Leute zu und hält Schwätzchen.

"Wir im Ort sind stolz auf ihn", sagt der Seebacher Hans. Dabei will er noch gar nicht mal, dass sein alter Schulspezl ins Kanzleramt zieht. In München könne er viel mehr für Bayern tun. Und darum geht es dem Seebacher Hans schließlich. Eine Meinung, die der Stoiber Edmund freilich nicht teilen kann: Er habe eine große Integrationskraft, behauptet der. Und die wolle er für ganz Deutschland einsetzen. Er und seine Partei, die CSU, hätten eine starke bayerische Identität, aber nationale Fragen lägen ihnen ebenso am Herzen.

Die Wirtschaft in Schwung bringen

Wichtigste Aufgabe in Deutschland ist für Stoiber nach eigenen Worten, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Dazu müsse man den Arbeitsmarkt flexibilisieren, die Steuern senken und Jobs im Niedriglohnbereich schaffen, bekräftigt er die Pläne der Union - nicht ohne im gleichen Atemzug die "ruhige Hand" des Bundeskanzlers zu kritisieren.

"In ganz Deutschland herrscht eine sehr positive Grundstimmung für die Union, auch für den Kandidaten", sagt Stoiber. Den Wahlsieg habe man zwar noch nicht in der Tasche. "Wahlen werden heute viel kurzfristiger entschieden. Alles ist noch drin." Er habe aber auf seiner Wahlkampf-Tour durch Deutschland gespürt, dass die Leute in der ganzen Republik ihm mehr wirtschaftliche Kompetenz zurechneten.

Stoiber ist nach eigenen Angaben zuversichtlich, dass die Union am 22. September ein Ergebnis von "40 Prozent plus X" erzielen wird. Schon allein ein Regierungswechsel würde die Wirtschaft um 0,5 Prozent wachsen lassen, zitiert er Analysen der Deutschen Bank. Mit Optimismus begegnet Stoiber in Oberaudorf auch dem "Ochsenwirt", der über die "gewohnt schlechte Situation" in der Gastronomie klagt. Stoiber rät ihm zum Durchhalten: "Jetzt werd i dann Kanzler, dann wird's sowieso besser."



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