Wahlkampftour im Sauerland Münte und wie er die Welt sieht

Mit seiner Kapitalismuskritik hat Franz Müntefering den Nerv seiner Partei getroffen. Auf einer Tour durchs heimatliche Sauerland kultivierte der SPD-Chef den neuen Münte-Sound. Doch an der Basis bleiben Zweifel - manchem Genossen ist der Vorsitzende noch immer zu positiv.

Von , Sundern


Müntefering im Wahlkampf: Eigentlich bräuchte man eine Weltregierung
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Müntefering im Wahlkampf: Eigentlich bräuchte man eine Weltregierung

Sundern/Bad Laasphe - Breitbeinig steht Franz Müntefering da, beide Daumen weisen nach oben. Das Klatschen an den langen Tischen im verrauchten Landgasthof Schäfer wird lauter, rhythmischer. Der SPD-Chef lässt sich feiern. Soeben hat er über die "schnieken jungen Millionäre" gelästert, die während des New-Economy-Booms glaubten, Aktien könnten alle Probleme lösen. "Heute gucken die uns an und fragen: Staat, wo bist du?"

Müntefering ist auf Wahlkampftour im Sauerland. Vier Stationen, 300 Kilometer über kurvige Landstraßen, ein mörderisches Programm. 25 Tage sind es noch bis zur Landtagswahl, und der Parteichef schenkt sich nichts. Das Sauerland ist seine Heimat, das weiß jeder, und wer es nicht weiß, den erinnert Müntefering gern daran. Bei keinem Auftritt fehlt der Hinweis auf die "katholische Volksschule Sundern", die er bereits mit 14 verlassen musste, weil seine Eltern lieber ein Haus bauen wollten, als das Schulgeld zu bezahlen.

Wo er in diesen Tagen hinkommt, gibt es nur ein Thema: die Kapitalismuskritik. Der einleitende Redner in Bad Laasphe muss nur erwähnen, dass Müntefering im Moment "für die richtigen Schlagzeilen" sorge, schon steigt der Lärmpegel. Dann spult Müntefering routiniert sein Programm herunter, schimpft auf Dumpinglöhne, Dumpingsteuern und Scheinselbständige. "Anständigkeit" ist das neue Mantra der SPD. Unanständig ist zum Beispiel, wer hundertmal mehr verdient als eine Aldi-Verkäuferin. Zehnmal mehr könne er ja noch verstehen, sagt Münte, aber bei mehr fehle jede Relation. Da wird dann schon mal auf den Tisch geklopft, hier und da ertönt ein "Jawoll".

Schutzmacht der kleinen Leute

Er wird wieder Münte genannt, seit er für Recht und Ordnung auf dem deutschen Arbeitsmarkt kämpft. Die Debatte hat die Partei aus ihrer Lethargie gerissen - und die Union in eine Art Schreckstarre versetzt. "Frau Merkel weiß nicht so recht, wie sie darauf antworten soll", freut sich Müntefering ein ums andere Mal. Früher oder später müsse sie sich aber äußern, sagt er, denn "keine Volkspartei kommt an dieser Wahrheit vorbei".

Immer wieder erzählt er von der Anzeige in einer ostdeutschen Zeitung, in der für eine Niedriglohnregion geworben wird. Die hat ihn aufgeregt. 173 Stunden für 800 Euro brutto, umgerechnet 4,60 Euro pro Stunde. Das sei mit der SPD nicht zu machen, sagt Müntefering. Und gleich verweist er auf die Ausweitung des Entsendegesetzes, die das Kabinett im fernen Berlin am selben Tag beschlossen hat. Das Gesetz wird am Widerstand der Union scheitern und nie in Kraft treten, doch Müntefering erzielt den gewünschten Eindruck: Die SPD erscheint als Schutzmacht der kleinen Leute.

In Attendorn redet er vor Zehntklässlern des katholischen St.-Ursula-Gymnasiums. Er hilft bei einem Multimedia-Projekt mit dem Titel "Traumjob Politiker?". Es sei kein Wahlkampfauftritt, wie der Schulleiter betont, doch es dauert nicht lange, da geht es um die Globalisierung. Ob Müntefering als Politiker denn überhaupt noch Macht habe, fragt eine Schülerin. Die sei doch längst in die Vorstandsetagen abgewandert. "Das Geld ist weltweit unterwegs, aber wir können nur Gesetze für Deutschland machen", stimmt Müntefering zu, "das ist ein Problem." Eigentlich bräuchte man eine Weltregierung.

"Die Börse ist nie mehr zu", fährt er fort und illustriert den Wandel der Zeit mit einem Beispiel aus dem Sauerland. "In meiner Jugend konnte man auf der Straße Fußball spielen. Ab und zu kam ein Auto. Heute würde man platt gefahren." Das Tempo, das die Globalisierung mit sich bringt, behagt ihm nicht. "Diese Kurzatmigkeit, die muss da raus", sagt er.

"Wann wird der Clement zum Teufel gejagt"

Der neue Münte-Sound kommt an - zumindest bei denen, die zu den Veranstaltungen kommen. Darüber hinaus jedoch scheint die Rückkehr zur Tradition nicht so zu verfangen wie erhofft. In den Umfragen ist der Abstand zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen nicht kleiner geworden, seit Müntefering in einer Grundsatzrede vor zwei Wochen die "Macht des Kapitals" geißelte. Im Gegenteil: In der neuesten Emnid-Umfrage liegt das Regierungslager elf Prozent hinter der Opposition. Die SPD sackt als einzige Partei einen weiteren Prozentpunkt ab. Zwei Drittel der Befragten nehmen Münteferings Vorstoß nicht ernst. Sie glauben, er betreibe nur Wahlkampf.

Auch in Sundern, seinem Heimatort, wird an Münteferings Motiven gezweifelt. Die Sozialdemokraten sind im "Stadtkrug" versammelt, schwer hängt der Rauch unter den Halogenleuchten, die nicht so recht zu den Blümchengardinen passen wollen. Er persönlich könne sich ja nicht vorstellen, dass es sich bei der Kapitalismuskritik nur um Wahlkampfgetöse handelt, sagt ein älterer Herr, aber der Franz möge sich doch bitte selbst äußern. Müntefering erklärt, er habe das Gleiche schon im Februar gesagt, nur habe niemand drauf reagiert. "Manchmal muss die Zeit einfach reif sein." Motivforschung führe im Übrigen zu nichts, über die Inhalte müsse geredet werden.


Doch die Genossen im Saal haben andere Sorgen. "Wann wird der Clement zum Teufel gejagt?", will einer wissen. Das nun findet Müntefering "hoch ungerecht". Wolfgang Clement, immerhin einst Ministerpräsident in NRW, sei Wirtschaftsminister, also müsse er auch die Interessen der Wirtschaft formulieren. Aber "daran muss man sich bei den Sozialdemokraten noch gewöhnen", seufzt er. Immer wieder muss Müntefering den Spagat machen zwischen dem Regierungshandeln und seiner Fundamentalkritik. Da gebe es "Spannungen", räumt er ein. Das liege daran, dass die SPD noch nie ein Grundsatzprogramm geschrieben habe, während sie an der Regierung war.

Die Realität kommt an diesem Tag ständig in die Quere. In Bad Laasphe besichtigt Müntefering eine Maschinenfabrik, die Formanlagen für Gießereien herstellt. Rost und Stahl überall. Es wird geschweißt, die Männer haben schwarze Gesichter. "Ein nettes Erlebnis" sei das gewesen, schwärmt Müntefering hinterher. Hier sehe man "Menschen, die sich die Hände dreckig machen". Facharbeiter in einem mittelständischen Unternehmen, die für den Wohlstand Deutschlands sorgten. Es sei ja ein weiterer Irrtum des Zeitgeistes zu glauben, dass nur weiße Hemdenkragen modern seien. "Hochmodern" seien diese Jobs, "erste Sahne".

Riesenchance statt Heuschrecken

Ein Musterbeispiel also jenes anständigen Unternehmens, das Müntefering in diesen Tagen gegen die unmoralischen Großkonzerne auszuspielen versucht. Doch dann sitzt man in der gekachelten Kantine zusammen, und der Geschäftsführer beginnt, sich über den Kündigungsschutz zu beklagen. Der müsse flexibler gehandhabt werden, dann könne man in seiner zyklischen Branche auch mehr Leute einstellen.

Vor laufenden Kameras weist Müntefering darauf hin, dass Unternehmen jederzeit jemanden für zwei Jahre befristet einstellen könne und über 50-Jährige sogar ganz ohne Kündigungsschutz. Zwei Jahre seien in seiner Branche leider nicht genug, erklärt der Manager. Der Bau von Großanlagen dauere länger. Deshalb sei er gezwungen, Leiharbeiter zu nehmen. In die Kameras sagt der Manager dann auch noch, dass er von der Kapitalismuskritik "überhaupt nichts" halte. Das sei eine "emotionale Diskussion, die völlig an unserer Realität vorbeigeht".

Das gefällt Müntefering alles nicht. Später in Sundern erzählt er von der Begegnung. "Ich habe heute auch schon wieder so ein Gespräch gehabt mit einem Unternehmer. Der wollte den Kündigungsschutz weghaben." Er erzählt, wie er ihm geantwortet habe. "Ich habe ihn gefragt: Kann man nun befristet einstellen oder nicht?" Da habe der Unternehmer sich in "Ausreden" geflüchtet.

Doch Müntefering ist auch bereits dabei, seine Rhetorik zu entschärfen. Von "Heuschreckenschwärmen" ist keine Rede mehr, stattdessen versucht er die Kapitalismuskritik in positive Worte zu fassen. "Anständige Unternehmer haben von der SPD nichts zu fürchten", lautet die Formel - was wiederum die Frage aufwirft, was die anderen denn zu fürchten haben. Wiederholt bezeichnet Müntefering die Globalisierung als "Riesenchance" und verweist darauf, dass Deutschland bisher davon profitiert habe. Auch habe er heute mit DIHT-Präsident Georg Ludwig Braun telefoniert und ihm für sein Engagement beim Ausbildungspakt gedankt.

Bei solchen Passagen wird es ruhig im Saal. Unbehagen macht sich breit, wenn Müntefering die Lage zu rosig malt. Als er sagt, bald werde die SPD auch wieder Wahlen gewinnen wegen Hartz IV und nicht trotz Hartz IV, entfährt es einem: "Nee Franz, da träumste". Am Ende bedankt sich ein Parteifunktionär artig beim Vorsitzenden: "So schön wie Du kann keiner die Welt erklären."



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