Wahlposse am Bodensee Blümckes Sieg

Wie oft muss man gewählt werden, um gewählt zu sein? Bei der intrigenreichen Bürgermeisterwahl im Bodensee-Ort Hagnau gewann derselbe Kandidat am Sonntag zum vierten Mal in Folge - diesmal mit 13 Stimmen Vorsprung. Antreten durfte er das Amt bislang noch nie.

Von Alexander Schwabe


Simon Blümcke: "Ich will Bürgermeister für alle Hagnauer sein"

Simon Blümcke: "Ich will Bürgermeister für alle Hagnauer sein"

Hamburg - Am Wahlsonntag war Sommerfest in dem Wein- und Fischerort am Bodensee, doch die Stimmung im Dorf war angespannt. Zum vierten Mal in sechs Monaten wurden die Bürger zur Urne gerufen. Dabei hatten sie sich schon dreimal in Folge klar für den Bürgermeisterkandidaten Simon Blümcke entschieden - sogar, als der gar nicht mehr angetreten war. Doch den Gegnern des erfolgreichen Bewerbers aus Pfullingen war es gelungen, mit einem kuriosen Intrigenspiel und einer Wahlanfechtung die Amtsübernahme zu verhindern.

Am Sonntag war der Tag der Entscheidung - und das Dorf voller Journalisten. Nachdem SPIEGEL ONLINE am Freitag von der Wahlposse berichtet hatte, waren Filmteams von ARD und ZDF zur Wahlberichterstattung ins 1300-Seelen-Örtchen gereist. Dort fanden sie unversöhnliche Fraktionen vor: die Blümcke-Unterstützer und die Blümcke-Gegner.

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem 29-Jährigen und dem Konkurrenten Edgar Lamm spiegelte die gespaltene Wählerschaft ebenso wider wie das Bild, das sich auf dem Sommerfest zeigte: "Die eine Hälfte lacht, die andere sitzt mit angestrengten Gesichtszügen da", beschrieb Werner Hiestand, stellvertretender Bürgermeister in Hagnau, die Szene.

Knapp eine Stunde nach Schließung des Wahllokals wurde das Ergebnis bekannt gegeben: 355 Stimmen (45,39 Prozent) für Simon Blümcke. 342 Stimmen (43,73 Prozent) für Edgar Lamm, der sich den Hagnauern erstmals zur Wahl gestellt hatte. Von den 1028 Wahlberechtigten in der Gemeinde gaben 782 ihre Stimme ab. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von 76,1 Prozent. Allerdings gingen nach all den Streitereien im Dorf längst nicht alle Blümcke-Wähler in Persona an die Urne: Für seinen Sieg war die Briefwahl ausschlaggebend, im Wahllokal stand es unentschieden.

Der parteilose Blümcke zeigte sich nach der Wahl sehr erleichtert. "Das Ergebnis bestärkt mich. Ich will Bürgermeister für alle Hagnauer sein", zitiert die "Schwäbische Zeitung" Blümcke, der bis nach Mitternacht auf dem Fest ums Rathaus feierte. 30 Flaschen Secco hat er vom örtlichen Winzerverein bestellt. Es gelte nun, die Gräben zuzuschütten.

Etwas vom Intrigantenstadel Hagnau scheint in den Äußerungen des abgeschlagenen Kandidaten Volker Kirchner (3,38 Prozent der Stimmen) am Wahlabend durch. Dieser war beim letzten Wahlgang mit 170 Stimmen (knapp 23 Prozent) noch Zweiter gewesen. Er hatte eine Stimme mehr erhalten als Sabine Moncef, die mit 6,52 Prozent ebenfalls deutlich abfiel. Dafür kam der erstmals angetretene Edgar Lamm auf 43,73 Prozent der Stimmen. "Wir drei waren im Grunde nur Marionetten", sagte Kirchner der "Schwäbischen Zeitung". Etwa 20 Bürger hatten vergangene Woche im Mitteilungsblatt des Ortes eine Wahlempfehlung für Lamm gegeben.

Noch kurz vor der Wahl war versucht worden, Blümcke, für den sich die "Bürgerinitiative für den demokratischen Gedanken und gegen anonyme Beschuldigungen" eingesetzt hatte, zu verhindern. Gegen den "Kandidaten der Herzen", wie der "Südkurier" geschrieben hatte, war angeblich eine Anzeige durch eine unbekannte "Bürgerinitiative kontra Blümcke" gestellt worden. Offenbar sollte damit erreicht werden, dass Blümckes Heimatstadt Pfullingen die Wählbarkeitsbescheinigung für den Kandidaten zurückzieht.

Nach Angaben des ehemaligen Hagnauer Wahlleiters Hiestand wird die Prüfung des Wahlergebnisses beim Landratsamt Friedrichshafen bis zum 18. August abgeschlossen sein. Hiestand war vor knapp zwei Wochen vom Amt des Vorsitzenden des Wahlausschusses zurückgetreten, nachdem auch bei ihm ein anonymes Schreiben eingegangen war. Der oder die Briefschreiber beschuldigen ihn unter anderem der "Untreue im Amt". Die Staatsanwaltschaft Konstanz hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Zugleich geht die Staatsanwaltschaft Beleidigungs- und Verleumdungsvorwürfen nach, nachdem Hiestand Anzeige gegen Unbekannt gestellt hat.

Es wird noch ein Weilchen dauern, bis die Scherben des monatelangen Machtkampfs um den Posten des wichtigsten Mannes im Dorf zusammengekehrt sind und wieder Frieden einkehrt im idyllischen Bodensee-Ort. Erste zarte Anzeichen dafür sind vorhanden: Mehrere seiner Gegner hätten ihm zum Sieg gratuliert, sagt Blümcke. Und die Musiker der Dorfkapelle, die im Falle seiner Wahl eigentlich nicht spielen wollten, griffen dann doch zu den Instrumenten - und bliesen ihrem voraussichtlich neuen Bürgermeister den Marsch.



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