Wahlposse am Bodensee High Noon in Hagnau

Böse Anrufe, anonyme Schreiben, Drohungen - seit Wochen tobt im idyllischen Weinort Hagnau eine Schlammschlacht um den Bürgermeisterposten. Die Strippenzieher im Dorf wollen den populären Kandidaten verhindern. Doch die Bevölkerung wählte ihn - auch als er gar nicht mehr antrat. Am Sonntag fällt die endgültige Entscheidung.
Von Alexander Schwabe

Um fünf in der Früh dringt ein Dröhnen durchs Dorf. Im fahlen Morgenlicht zieht ein Boot hinaus auf den See. Dann weicht der Lärm himmlischer Ruhe. Hagnau liegt verschlafen am Ufer des Bodensees inmitten von Weinbergen. Niemand würde vermuten, dass an diesem idyllischen Ort ein unerbittlicher Kampf tobt.

Es fing damit an, dass ein junger Mann aus dem 120 Kilometer entfernten Pfullingen hier Bürgermeister werden wollte. Simon Blümcke kam, sah und siegte, insgesamt schon dreimal. Doch Bürgermeister ist er noch immer nicht.

Der 29-Jährige legte eine starke Serie hin: Beim ersten Wahlgang am 2. Februar fielen auf Anhieb 45,48 Prozent der Stimmen (357) auf den parteilosen Bewerber. Die absolute Mehrheit aber hatte er verfehlt, es ging in den zweiten Wahlgang, bei dem die einfache Mehrheit genügt. Am 23. Februar gingen die Hagnauer erneut an die Urne - und stimmten zu 49,17 Prozent (386 Stimmen) für Blümcke. Hagnaus Bürgermeister war gewählt - doch dann wurde die Wahl annulliert.

Mitbewerber Karl Schöllhorn, der bei beiden Wahlgängen keine einzige Stimme bekam, hatte Einspruch eingelegt. Das Kommunalamt des Landratsamts Friedrichshafen befand, Blümckes Berufsbezeichnung "Jurist" sei "unzutreffend und irreführend" gewesen. Blümcke hat Jura nur im Nebenfach studiert.

"Ertränken und in den See schmeißen"

Schon zu diesem Zeitpunkt glich die Wahl am Bodensee einer Schlammschlacht. Die Traditionalisten im Dorf, deren Kandidat Markus Knobel, CDU-Mitglied und Verwaltungsleiter an der Filmakademie Ludwigsburg, mit 37,07 Prozent dem fremden Bewerber unterlegen war, wollten sich nicht geschlagen geben.

Blümcke erhielt anonyme Briefe, wurde über Monate des Nachts von unbekannten Anrufern mit übelsten Beschimpfungen terrorisiert. Er sei eine "Schwuchtel", mal wurde er als "linke", mal als "grüne Zecke" diffamiert. Es kam zu Drohungen: "Kümmern Sie sich nur gut um die Feuerwehr, man weiß ja nie, wann man sie braucht." Auch Bürger, die sich für Blümcke einsetzten, sahen sich mit bösartigen Anrufern konfrontiert: "Alle, die Blümcke wählen, sollte man ertränken und in den See schmeißen" - doppelt hält besser.

Der Kandidat, zermürbt vom üblen Kampf um die Pfründe, war weich gekocht. Er schmiss hin. Der Mann hätte nun seine Zukunft an der Verwaltungsschule Haigerloch, wo er einen Lehrauftrag für Europarecht hat, suchen können. Er hätte Hagnau Hagnau sein lassen können, so wie es einer Chronik aus dem Jahre 1833 zufolge schon seit langem ist: "von bösartigem Charakter".

Doch dann kam die Sensation: Beim dritten Urnengang am 29. Juni fielen 40,38 Prozent der Stimmen wiederum auf Blümcke - obwohl der gar nicht mehr angetreten war. 299 Hagnauer hatten für ihn gestimmt, lediglich 170 und 169 für die beiden Nächstplatzierten.

"Die wollen dich"

Am Sonntag nun, zum entscheidenden vierten Wahlgang, tritt Blümcke wieder an. Der enorme Zuspruch hat bei ihm ein Erweckungserlebnis ausgelöst. "Du musst", sagte seine innere Stimme, "du wirst gerufen. Die wollen dich."

Im Dorf hatte sich eine "Pro-Blümcke-Initiative" gebildet. Schreiner Hubert Ehrlinspiel, der wie die Dimmelers, die Hiestands, die Megerles und Meichles zu einem der gewichtigen Clans im Ort gehört, verschaffte dem Resignierten einen zweiten Frühling.

Er verteilte Flugblätter an alle Hagnauer Haushalte mit einem Adresskleber "Simon Blümcke, Dozent, ...", den er auf die untere freie Zeile des Stimmzettels zu kleben empfahl. "Solange georgelt wird, ist die Kirche nicht aus", schrieb Ehrlinspiel.

Die "graue Eminenz" im Dorf

Obst- und Weinbauer Paul Dimmeler hat die Aktion des Schreiners überhaupt nicht gepasst. "Ich hoffe absolut, dass Herr Blümcke nicht Bürgermeister wird - auch im Interesse von Herrn Blümcke." Dieser habe die Wähler hinters Licht geführt und habe keine Chance, das gespaltene Dorf zusammenzubringen.

Dimmelers Einfluss in dem Flecken ist über Jahrzehnte gewachsen. Die "graue Eminenz", wie er genannt wird, war von 1973 bis 2001 Vorstandsvorsitzender des Hagnauer Winzervereins. 55 Betriebe und 121 Mitglieder sind in der größten von drei Weinbaugenossenschaften am See zusammengeschlossen.

Der Winzerverein hat neben "der Musik", der Feuerwehr, und dem Narrenverein "Eule" die größte Lobby in dem 1338-Einwohner-Ort. Und der Winzerverein scheint gegen Blümcke zu sein. Geschäftsführer Franz Gutemann werden abfällige Äußerungen zugeschrieben. Blümcke passe nicht ins Bild des Winzervereins. Gutemann will davon nichts wissen. Er habe sich in der Öffentlichkeit noch nie über Blümcke geäußert. Der Winzerverein habe nichts gegen Blümcke.

Auch Werner Hiestand, 69, der die Hagnauer Amtsgeschäfte seit der Verabschiedung des bisherigen Bürgermeisters führt, ist jüngst in die Schusslinie der oder des Intriganten geraten. Ein anonymer Briefeschreiber bezichtigt ihn der "ungerechtfertigten Bereicherung sowie der Untreue im Amt". Ihn umgebe ein Sumpf, der durch sein "undemokratisches Weltbild" gewachsen sei.

Hiestand ist niedergeschlagen. Seit 19 Jahren ist er im Gemeinderat, seit 14 Jahren stellvertretender Bürgermeister, er steht dem Fremdenverkehrsverein vor, ist im Vorstand des deutschen Harmonikaverbandes im Bezirk Bodensee-Oberschwaben, und er ist "immer zu einem Späßle bereit".

Von der Frohnatur, die 33 Jahre lang "sämtliche Fassnachtsveranstaltungen" moderiert hat, kommt derzeit allerdings nicht viel rüber. Hiestand hat die Wahlleitung abgegeben, um "das ganze Prozedere nicht zu belasten".

"Ich bin Steinbock und will Bürgermeister werden"

Wer aber steckt hinter den "hinterfotzigen Schreiben" und Anrufen, die seit Wochen für schlaflose Nächte sorgen? "Der Wind weht immer strenger aus einer Richtung", raunt der stellvertretende Bürgermeister. Warum nur hat der Null-Stimmen-Kandidat Schöllhorn Einspruch gegen Blümckes Wahl eingelegt? Hiestand ist vorsichtig. "Vielleicht, weil ihn jemand vor den Karren gespannt hat."

Karl Schöllhorn, 54, sitzt in weißem T-Shirt und kurzer Adidas-Sporthose in seinem Garten rund 20 Kilometer von Hagnau entfernt. Ein ernsthafter Kandidat war er von Anfang an nicht. "Aus einer Laune heraus" sei er angetreten. Laut Wahlleiter Hiestand hatte Schöllhorn bei der Kandidatenpräsentation vier von 20 Minuten Redezeit ausgeschöpft und sich mit den Worten vorgestellt: "Ich bin Steinbock und will Bürgermeister in Hagnau werden."

Seine Niederlage hat Schöllhorns Selbstbewusstsein nicht angekratzt. Während er unter seinem großen Zehennagel pult, sagt er, die Hagnauer bräuchten halt einen "Hansel, den sie herumschieben können". Verbindungen in den Wein- und Fischerort streitet er strikt ab: "Ich hab' mit keiner Katz auf der Straß' von Hagnau Kontakt g'habt."

"Eine Welle der Niedertracht"

Günther Leiss wird im Dorf zum harten Kern der Blümcke-Gegner gezählt. Blümcke könne die Gräben nicht mehr kitten, sagt Leiss. Der Hauptamtsleiter der Stadt Meersburg, die in einem Verwaltungsverbund mit Hagnau ist, soll gesagt haben: "Ich werde dafür sorgen, dass Blümcke keinen Fuß auf den Boden kriegt." Leiss dementiert dies. Offiziell sagt er: "Wenn Blümcke gewählt wird, ist das zu akzeptieren."

Außenstehende merken kaum was vom heißen Kampf ums Rathaus. "Bei kurzfristiger Abwesenheit von Frau Kirsch, bitte draußen warten!", steht auf einem grünen Hinweiszettel vor dem Zimmer 2 des Hagnauer Bürgermeistersitzes. Da kann man allerdings lange warten. Denn Frau Kirsch, die rechte Hand des ehemaligen Bürgermeisters, ist nicht mehr da. "Na ja, sie wollte sich neu orientieren", heißt es im Rathaus, "private Gründe".

Außerhalb des Rathauses ist mehr zu erfahren. "Wenn's der Blümcke wird, geh' ich hier weg", soll Johanna Kirsch verkündet haben. Bei der Stimmenauszählung muss den Rathausangestellten die Enttäuschung anzusehen gewesen sein: Je höher der Stapel für den klein gewachsenen Mann aus Pfullingen wurde, desto länger wurden die Gesichter, berichteten Wähler. Leiss soll fluchend das Wahllokal verlassen haben.

Roland Wersch, CDU, war 17 Jahre Bürgermeister in Hagnau. Seit Februar ist er Erster Bürgermeister in Biberach an der Riss. Doch auch er mischt hinter den Kulissen in Hagnau mit. Er steht in Kontakt mit Hiestand, Leiss und anderen. Blümcke habe dem Ruf Hagnaus geschadet, weil er öffentlich von einer "Welle der Niedertracht" gesprochen habe, die durch den Ort schwappe. Dies habe er, Wersch, der Zeitung entnommen. Blümckes Äußerungen seien eine "Unverschämtheit", er solle sich besser wo anders bewerben, oder noch besser, einen anderen Job suchen, echauffiert sich der Abgewanderte.

Winzertrunk als versöhnliche Geste

Doch Blümcke dementiert vehement. Werschs Behauptung, er habe dies dem Konstanzer "Südkurier" oder der "Schwäbischen Zeitung" entnommen, ist offenkundig falsch. Beide Zeitungen geben an, sie hätten die Blümcke zugeschriebene Aussage von diesem weder vernommen noch veröffentlicht.

Blümcke-Wähler treiben die Intrigen auf die Palme, sie wettern gegen das Hagnauer Establishment. "Der Wersch hat das Terrain bereitet, auf dem dieser Sumpf gedeihen konnte", sagen Bürger, die nicht genannt werden wollen. "Um Himmels willen, schreiben Sie keine Namen, die brennen uns noch das Haus an." Aus drei Gründen passe Blümcke seinen Gegnern nicht: "Er ist nicht katholisch, er ist kein Badenser, er ist nicht in der CDU."

Geschürt wird auch von der anderen Seite: Offenbar auf Leiss, Dimmeler, Wersch und den CDU-Gemeinderat Axel Häberle abzielend sagen Blümcke-Sympathisanten: "Es gibt eine Gruppe im Dorf, da sollte man mal rein blasen."

Blümcke hat versucht, ausgleichend zu wirken. Einer Sitte des Hagnauer Schriftstellers und Pfarrers Heinrich Hansjakob (1837 bis 1916) folgend, lud er das zerstrittene Volk nach seinem zweiten Wahlsieg zu einem Umtrunk in die Gaststätte "Keltenschenke". Hansjakob hatte den Winzertrunk eingeführt, damit die Neid geladenen Weinbauern am Ende eines Jahres einen Schlussstrich unter ihre Streitereien zögen. 700 Euro hat Blümcke für den Schoppen ausgegeben. Am Sonntag wird sich zeigen, ob dies eine Fehlinvestition war.

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