Wahlprognosen Alchemisten in der Zahlenküche

Neben den großen Umfrage-Instituten versuchten sich auch diesmal wieder Exzentriker, Einzelgänger und Phantome an Wahlvorhersagen. Doch selbst die in der Vergangenheit überaus präzisen Prognosen des bekannten SPD-Hinterbänklers Jakob Mierscheid lagen völlig daneben.

Von Hans Michael Kloth


Hamburg - Thomas Gschwend nennt sie die "Zauberformel", und tatsächlich grenzt an Hexerei, was der Algorithmus kann, den der Mannheimer Sozialforscher gemeinsam mit seinem US-Kollegen Helmut Norpoth ausgetüftelt hat. Bis auf die Nachkommastelle genau prognostizierten die beiden Wissenschaftler 2002 das Wahlergebnis der rot-grünen Sieger, während sich große Demoskopie-Institute mit krausen Vorhersagen blamierten.

Abbau von Wahlplakaten (in Mainz): Große Demoskopie-Institute blamierten sich mit krausen Vorhersagen
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Abbau von Wahlplakaten (in Mainz): Große Demoskopie-Institute blamierten sich mit krausen Vorhersagen

Und auch für den Urnengang am 18. September berechneten die Außenseiter schon im Juli, dass es für Schwarz-Gelb nicht reichen werde; Rot-Grün sahen sie bereits ziemlich präzise bei 45,9 Prozent, während die Konkurrenz noch an ein Schlachtfest glaubte.

Eher wie Alchemie in der Zahlenküche denn nüchterne Wissenschaft dünkt dabei der Berechnungsmodus, der - eins, zwei, drei - ganz ohne eigene Umfrage das Wahlverhalten ermitteln soll. Zum langfristigen "Wählerrückhalt" der Parteien (ein Cocktail aus den Ergebnissen vergangener Bundestagswahlen) kommt eine Prise "Abnutzung" (ermittelt aus der Zahl der Amtsperioden) sowie ein kräftiger Schuss vom aktuellen Popularitätswert des Regierungschefs - fertig ist die Formel, die die Etablierten nun vielleicht das Fürchten lehrt.

Matthias Moehl lag bei der Wahl 2002 ebenfalls goldrichtig - obwohl er das nahezu Unmögliche wagt. Über seinen "Wahlinformationsdienst" election.de offeriert der gelernte Diplom-Informatiker Vorhersagen für jeden der 299 Bundestagswahlkreise und schaffte 2002, so sagt er, eine Trefferquote von "über 90 Prozent". Die Demoskopie-Institute lassen die Finger von solchen Einzelprognosen, denn sie müssten dazu in jedem auch nur halbwegs umkämpften Wahlkreis eine eigene Umfrage durchführen. "Das kann gar keiner bezahlen", weiß eine Forsa-Sprecherin.

Gut im Geschäft

Doch auch Moehl hat eine Methode, die irgendwie magisch scheint: Er mixt die Ergebnisse der vorangegangenen Bundestagswahl mit aktuellen Trends aus Bund und Ländern, würzt diese mit seiner Analyse der "Kandidatensituation" in den Wahlkreisen sowie dem "vermutlichen Splitting-Verhalten" der Wähler. Er behaupte ja gar nicht, Umfragen zu machen, wehrt sich Moehl gegen überhöhte Erwartungen: "Ich beantworte nur die Frage: Wenn ein Trend vorliegt, wie wirkt sich das aus." Veränderungen bei den Zweitstimmen auf die Erststimmen zu übertragen sei "ein Problem", hält dem Stefan Merz vom Berliner Demoskopie-Institut TNS Infratest dagegen. Bereits das Umrechnen bundesweiter Zweitstimmen-Trends auf die Länder sei mit Unsicherheiten behaftet.

Dennoch ist election.de gut im Geschäft, schon weil es ohne eigene Umfragen "um den Faktor Hundert" günstiger ist als die großen Institute, wie Moehl zugibt. Für 80 Direktkandidaten von SPD, CDU, CSU und Linkspartei habe election.de vor dem 18. September Wahlkreis-Prognosen erstellt, für acht Bewerber von SPD und CDU sogar ausführliche Wählerpotential-Analysen.

Und auch manche Medien griffen bei der Hatz nach Wahlkampf-News nur zu gern auf den "Spezialist für regionale Wahlprognosen mit hoher Trefferquote" ("Tagesspiegel") samt seinen buntgescheckten Deutschlandkarten zurück - und vergaßen dabei gelegentlich die angezeigte Zurückhaltung. Die "Welt am Sonntag" stilisierte den Internet-Dienst zum "Wahlforschungsinstitut" hoch und machte Moehl "exklusiv" zum Gewährsmann für eine "Wahlkatastrophe von historischer Dimension", die der nordrhein-westfälischen SPD bevorstehe.

"Solche Fehler sollten wir uns mal erlauben"

Jakob Maria Mierscheid: Seit 23 Jahren als Phantom im Bundestag
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Tatsächlich mussten die Sozialdemokraten dort gerade fünf Sitze abgeben - weniger als ein Viertel der vorausgesagten 21. Und auch bundesweit lag election.de diesmal schwer daneben. Die Union werde 198 Direktmandate gewinnen, die SPD um 74 auf nur noch 97 abstürzen, berichtete die "WamS" am Wahlmorgen unter Berufung auf Moehl - am Abend waren es dann mit 149 fast ein halbes Hundert weniger für die Union, die SPD stand bei 145. "Man hätte auch das Wahlergebnis von 2002 als Vorhersage nehmen können", moniert Wilko Zicht, der eine nicht-kommerzielle Wahlseite im Internet (Wahlrecht Online) betreibt, "dann hätte man dichter dran gelegen." Tatsächlich haben überhaupt nur 23 Wahlkreise die Farbe gewechselt.

Er sei "nicht ganz glücklich" mit dem Ergebnis, konzediert der election.de-Macher, fühlt sich durch das Desaster aber durchaus nicht angefochten. Sein "Projektionsverfahren" sei "in Ordnung", mit fünf von sechs richtig vorhergesagten Wahlkreisergebnissen liege er doch noch "ganz ordentlich". Demoskopen-Kollegen, die dem Wähler weiterhin per Feldforschung nachspüren, amüsiert so viel Nonchalance wenig. "Solche Fehlerquoten sollten wir uns mal erlauben", raunt einer.

Auch die normalerweise überaus präzisen Prognosen des Jakob Mierscheid lagen diesmal daneben. Auf das SPD-Phantom, das fröhliche Parlamentariern in ausgelassenen Bonner Zeiten erfanden, geht die ebenso einfach wie geniale Formel zurück: der direkte Zusammenhang zwischen SPD-Stimmenanteil und westdeutscher Stahlerzeugung. Demnach richtet sich der Stimmanteil der Sozialdemokraten nach dem Index der deutschen Rohstahlproduktion - gemessen in Millionen Tonnen - in den alten Bundesländern im jeweiligen Jahr der Bundestagswahl.

Vorhersage vom Phantom

Mit dieser Faustformel lag Mierscheid oft besser als alle Demoskopen: 1994 etwa, als die westdeutschen Hochöfen 37,9 Millionen Tonnen Rohstahl ausspuckten, fuhren die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 37,5 Prozent ein. Bei den Wahlen 1998 und 2002 betrug die Abweichung jeweils sogar nur 0,1 Prozent.

Doch die Wahl vom vergangenen Sonntag könnte nun auch den Nimbus Mierscheids arg lädieren: So ihrer Branche kein Streik oder sonstiges Ungemach widerfährt, werden die Stahlkocher an Rhein und Ruhr bis Jahresende wohl so 38,5 Millionen Tonnen produzieren - die SPD erhielt aber bekanntlich nur 34,3 Prozent der Wählerstimmen. In der "taz" gab sich das Phantom, dem Friedhelm Wollner seit langem Gehör verschafft, kurz vor dem Wahltag dennoch selbstbewusst: "Die Demoskopen betreiben Demoskopie, wir reden hier über Gesetzmäßigkeiten."

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