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Wahlsieg in Hamburg Die SPD entdeckt ihre Liebe zum Scholzismus

Der Sieg in Hamburg beflügelt die Genossen. Doch abseits der Jubelfeiern blickt manch einer mit durchaus zwiespältigen Gefühlen auf das Ergebnis. Wahlsieger Scholz ist der Gegenentwurf zu Parteichef Gabriel - was heißt das für das Machtgefüge und den Kurs der Partei?

Sigmar Gabriel

Olaf Scholz

Berlin - Ach, wie schön doch so ein Wahlsieg ist. Parteichef strahlt, , der Triumphator von Hamburg, blickt entzückt auf seinen Blumenstrauß, von den Rängen applaudieren die Genossen. Die SPD ist glücklich, das hat man ja lange nicht gesehen.

Sozialdemokraten

Es ist der Tag nach einer rauschenden Nacht. Knapp 50 Prozent hat Scholz am Sonntag für die geholt. 50 Prozent! Eine "Mondzahl", würde Andrea Nahles wohl sagen, wäre die Generalsekretärin schon wieder aus der Babypause zurück. Das ist eines ihrer Lieblingsworte und es passt ganz gut: Scholz hat die Hansestadt erobert, er braucht zum Regieren nicht mal einen Partner. Er ist plötzlich der Liebling seiner Partei, obwohl er als Generalsekretär einst davon gejagt wurde. Das ist lange her, jetzt sonnt man sich in seinem Glanz. So ist das eben mit Siegern.

Auch der Parteichef ist glücklich, jedenfalls wirkt er so. "Ein glänzendes Ergebnis", sagt Gabriel. "Eine überragende Leistung." Und natürlich: "Dafür sind wir außerordentlich dankbar."

Doch abseits der Jubelfeiern blickt manch ein Genosse durchaus mit zwiespältigen Gefühlen auf das Hamburger Ergebnis, denn es könnte noch für Diskussionen sorgen. Auch Gabriel dürfte das zu spüren bekommen. Denn so sehr der Erfolg den Wahlkämpfern in anderen Ländern Schub verleihen könnte, so sehr ist auch klar: Mit Scholz hat ein Mann triumphiert, der mit dem Politikstil des Parteichefs wenig gemein hat.

Er ist der Anti-Gabriel und noch ist nicht klar, was das für das Machtgefüge in der Partei bedeutet.

Modell Gabriel gegen Modell Scholz

Es gibt jetzt zwei Modelle in der SPD. Auf der einen Seite Gabriel. Der Niedersachse macht viel Wind seit er im Amt ist. Er sagt lustige Sätze, die seinem Ruf aber nicht immer nutzen. Er hat Ideen wie kein zweiter in der Partei und ein feines politisches Näschen für Stimmungen im Volk. Er liebt die Bühne und den Streit, für ihn ist eigentlich immer Wahlkampf. Weil er die Gewerkschaften umgarnt und sich intensiv der Sozialpolitik widmet, ist der Eindruck entstanden, er versöhne die SPD mit alten Werten - wirklich vorangebracht hat er die Genossen aber bisher noch nicht.

Auf der anderen Seite Scholz. Er sagt Sätze, die man schnell wieder vergisst, wenn man sie denn überhaupt hört. Der Jurist ist der Held der Ordentlichkeit, Pragmatismus ist sein Credo. Er ist machtbewusst, aber nicht aufdringlich, klug, aber nicht überheblich. Eigentlich ist Scholz ein ziemlich langweiliger Politiker. Aber seitdem er einen Mann aus der Handelskammer in seinen Wahlkampf einband, gilt er als wirtschaftsfreundlich und alle Welt sagt, der Scholz sei seriös. Das Ergebnis: die Senatskanzlei an der Elbe.

Der Erfolg des Modells Scholz könnte für Gabriel noch gefährlich werden, auch im Rennen um die Kanzlerkandidatur. Scholz selbst wird nicht antreten, jedenfalls nicht 2013 - da wird er sich in Hamburg gerade erst eingerichtet haben. Aber sein Sieg ist Wasser auf die Mühlen derer, die dem Modell Gabriel von Natur aus mit einer gewissen Skepsis gegenüber sehen. Frank-Walter Steinmeier ist so ein Beispiel, der Fraktionschef. Er ähnelt Scholz in manchem, als seriös gilt er sowieso.

Steinmeier dürfte die Erfahrung in Hamburg als Beleg für sein Politikverständnis sehen. Auffällig war jedenfalls, wie rasch der ehemalige Kanzlerkandidat am Sonntagabend erklärte, die SPD müsse aus Hamburg lernen, und sich wieder stärker um die Mitte kümmern.

Die "Mitte" erlebt eine Renaissance

Überhaupt - die Mitte. Die Chiffre, die Scholz in Hamburg so nachdrücklich besetzte, erlebt eine Art Wiedergeburt in der SPD. Auch das ist für Gabriel nicht unheikel, war er es doch, der bei seiner umjubelten Bewerbungsrede Ende 2009 die Partei davor warnte, sich der Mitte anzunähern. Es müsse eher darum gehen, die Mitte selbst zu definieren und Deutungshoheit über wichtige Fragen zu gewinnen. Seine Worte scheinen inzwischen verhallt zu sein.

Klar ist: Der Erfolg in Hamburg lässt die Pragmatiker in der Partei aufleben. Thomas Oppermann, der Fraktionsgeschäftsführer spricht von einer "strategischen Bedeutung" der Hamburg-Wahl. Klaas Hübner, Vorsitzender des Managerkreises der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, fordert in der "Welt": "Die SPD muss mit einer Politik, die auf die Themen Wirtschaft und Arbeit setzt, profilieren."

Aber selbst auf dem linken Flügel entdeckt man die Liebe zur Wirtschaft neu. "Wir müssen mit der Wirtschaft Gerechtigkeit organisieren, nicht gegen sie", sagt der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach. Und Fraktionsvize Axel Schäfer sagt: "Wir sollten neben unserer gewerkschaftlichen Bindung stärker unsere Bindung in den Wirtschaftsbereich herausstellen."

Und was sagt Gabriel? Der will von gegenläufigen Modellen oder möglichen Kurskonflikten nichts wissen. Der Hamburger Erfolg zeige, dass "wirtschaftliche Kraft und sozialer Ausgleich zusammen" gehörten. Ganz nach dem Motto: Aus zwei mach eins.

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