Wahlverlierer Gabriel Nach dem Amt ist vor dem Amt

Die politische Reifeprüfung ging für das SPD-Talent Sigmar Gabriel gründlich daneben. In der Niederlage versucht er, Nehmer-Qualitäten zu zeigen - und bastelt schon am Comeback. Nicht zur Freude aller Genossen.


Nach der Wahl: Platzverweis für Sigmar Gabriel
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Nach der Wahl: Platzverweis für Sigmar Gabriel

Die SPD in Niedersachsen hat was zu knabbern. Aber die Salzstangen und Erdnüsse finden nur wenig Abnehmer in den Räumen der SPD-Fraktion. Den Genossen hat es den Appetit verdorben. Sie müssen jetzt ganz andere Nüsse knacken.

"Wir haben die Wahlen verloren." Es gab nichts schönzureden für den niedersächsischen Noch-Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel, als er um 18.25 Uhr vor die Genossen im Landtag von Hannover trat. Doch für die dramatische Niederlage mit zweistelligen Verlusten hatte das Rhetorik-Talent schon vor dem Wahltag seine Erklärung gestreut. "Soll ich auch der Bundesregierung für ihre Unterstützung danken, wenn ich die Niederlage eingestehe? Oder soll ich einfach 'Danke Gerd' sagen?", hatte er voller Galgenhumor nach der letzten Fernsehdiskussion mit CDU-Landeschef Christian Wulff noch verbreitet.

Doch am Sonntagabend klang das schon ganz anders. Der "Harzer Roller", wie sie ihn in der niedersächsischen Fraktion nennen, hat grummelnd seine Lektion gelernt und entdeckt die neue Bescheidenheit. Die Mikrofone recken sich ihm entgegen und immer wieder kommt die Frage nach dem Gegenwind aus Berlin in der Hoffnung auf eine finale Volte von Gabriel gegen die Bundes-SPD. Aber der 43-Jährige, der im Wahlkampf keine Gelegenheit ausließ, sich abzusetzen vom "Berliner Chaos", will Nehmerqualitäten zeigen.

Dass die Situation "schwierig" gewesen sei, ist das Höchste der negativen Gefühle gegen Berlin, denen er noch freien Lauf lässt. Ansonsten hält er brav einen Kopf hin: "Ich war der Spitzenkandidat und wir haben gemeinsam verloren." Da positioniert sich einer für die nächste Aufgabe. Und das ist auch die meistdiskutierte Frage unter den Fraktionsmitgliedern, von denen viele an diesem Abend ihren Job verloren haben: Was macht Gabriel jetzt?

Wen beerbt Gabriel?

Die sanften Töne gegenüber seinem Quälgeist Gerhard Schröder deuten die einen als Bewerbung für einen Kabinettsposten in Berlin. Das würde der Tradition von 1999 folgen, als die SPD reihenweise in den Ländern nach dem Fehlstart von Rot-Grün im Bund Niederlagen kassierte - und Schröder die murrenden Kandidaten nach Berlin holte: Kritiker einbinden und entschädigen, bevor sie in der Provinz einer ständiger Hort der Unzufriedenheit und des Widerstands werden.

Gabriel weicht jeder Frage nach seiner Zukunft aus. Das sei nicht der Abend für Personalplanung, darüber würden er mit seiner Familie und die Gremien der Partei "in den nächsten Tagen entscheiden". Aber welche Parteigremien: Die in Berlin, oder in Hannover? In Schröders Kabinett wackelt der Posten von Hans Eichel, auch Generalsekretär Olaf Scholz macht in den Augen des Parteichefs nicht die beste Figur. Beides wären Ämter nach dem Geschmack des Verlierers von Hannover.

Enttäusche - und ist enttäuscht: Wahlverlierer Gabriel
DDP

Enttäusche - und ist enttäuscht: Wahlverlierer Gabriel

Gabriel bemüht sich um Gelassenheit. Für ihn muss es unerträglich sein, dass Wulff und Koch nun für Großes vorgesehen werden und er sich mit Umgehungsstraßen für Hildesheim rumschlagen soll. Nach der Schließung der Wahllokale, als fest stand, dass die SPD in Niedersachsen mehr als ein Viertel ihrer Wähler verloren hatte, drückte er sich zurückhaltend aus: "Lasst uns nicht den Eindruck erwecken, das sei der Weltuntergang", sagte er im kleinen Kreis seiner Getreuen. Weltuntergang für wen? Nicht wenige führende Genossen würde es verbittern, wenn Gabriel trotz harscher Niederlage nach oben gelobt würde. "Der soll lernen einzustecken", heißt es unter Fraktionskollegen. Mit 43 Jahren hat er noch alle Zeit der Welt. Auch Gerhard Schröder und Willy Brandt mussten Niederlagen schlucken, bevor sie Bundesreife erlangten.

Für Gabriel sollte die Landtagswahl eigentlich so etwas wie eine politische Reifeprüfung werden. Es war schließlich zum ersten Mal Spitzenkandidat seiner Partei für eine Wahl. Er avancierte vor gut drei Jahren in Hannover zwar zum jüngsten Regierungschef Deutschlands. Er musste dazu aber selbst keine Wahl gewinnen. Seine absolute Mehrheit im Landtag, mit der Gabriel komfortabel regieren konnte, hatte 1998 noch sein Vor-Vorgänger, der heutige Bundeskanzler Gerhard Schröder, für die SPD erzielt. Dem glücklosen Schröder-Nachfolger Gerhard Glogowski stand Gabriel dann vor dessen Rücktritt als Fraktionschef zur Seite, bis er ihn schließlich beerben konnte.

Dämpfer für das Nachwuchstalent

Aus dem Nachwuchstalent der niedersächsischen Sozialdemokraten wurde allerdings schnell ein über die Landesgrenzen hinaus bekannter Spitzenpolitiker, der für die Generation der Nach-Achtundsechziger eine Führungsrolle in der SPD beanspruchte.

Unbestritten verfügt Gabriel über beachtliche Fähigkeiten als Redner, die er nicht nur in Fernseh-Talk-Shows, sondern auch im Landesparlament gerne unter Beweis stellte. Gerade CDU-Landeschef Christian Wulff, der nun selbst anstelle von Gabriel der bundesweit jüngste Ministerpräsident wird, musste sich in vielen Debatten die wohl dosierten Ausfälle und Provokationen des wortmächtigen Sozialdemokraten anhören.

Doch schon am Wahlabend wurde Kritik am Gabriel-Stil laut. Sein Justizminister Christian Pfeiffer schimpft über die harschen Angriffe gegen Christian Wulff während des Wahlkampfes, der von Gabriels Kampa als "Warmduscher" tituliert wurde: "Das war nicht unbedingt förderlich".

Wasser statt Wein

Gabriel teilt gerne aus, jetzt wird sich zeigen, ob er auch einstecken kann. Oppositionsarbeit ist für einen, der sich als Macher bezeichnet und das Rampenlicht der Macht genießt, die Höchststrafe. Anders als der Hesse Gerhard Bökel, der noch am Wahlabend den Rücktritt von seinen Ämtern erklärte, hält Gabriel sich weiter alles offen.

In der SPD in Niedersachsen und im Bund beginnt nun die Diskussion über die Neuausrichtung. "Eier dürfen nur noch gezeigt werden, wenn sie gelegt sind, und nicht, wenn man noch dabei ist, sie auszubrüten", eröffnete noch am Wahlabend der mächtige Landesvorsitzende der NRW-SPD, Harald Schartau, die SPD-Selbstfindung. Dass Gabriel sich daran nur noch aus zweiter Reihe als Fraktionschef in Hannover beteiligt, können sich viele Genossen zwar kaum vorstellen - sie empfehlen ihm aber genau das. Und auch "Red Bull" zeigte sich noch am Sonntag in Hannover schon wieder angriffslustig - nicht gegen Berlin, sondern gegen den strahlenden Sieger Christian Wulff: "Der Ball ist rund, Rückspiel ist in fünf Jahren." Da will einer Revanche. Aber im Trainingslager der Opposition gibt es vorläufig nur Wasser statt Wein. Gabriel wurde auf Diät gesetzt.



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