Wahlverlierer SPD "Es hat uns mittendurch zerrissen"

Thorsten Schäfer-Gümbel übernimmt von Andrea Ypsilanti einen Scherbenhaufen. Der Spitzenkandidat hat sich dank eines couragierten Wahlkampfes die Führung in der Hessen-SPD erkämpft - doch Aufbruchstimmung kommt auch mit ihm nicht auf: Der Frust in der Partei ist einfach zu groß.

Von und , Wiesbaden und Berlin


Wiesbaden/Berlin - Der Fraktionssaal der SPD ist heillos überfüllt. Es ist 18.15 Uhr, als Andrea Ypsilanti und Thorsten Schäfer-Gümbel durch den schlauchförmigen Raum geschleust werden. Die Genossen applaudieren ihrem Spitzenkandidaten auf dem Weg zur Bühne und stimmen rhythmische Sprechchöre an: "T-S-G, T-S-G". Schäfer-Gümbel lächelt gequält, die historische Wahlniederlage hat ihn hart erwischt. Er sagt: "Es hat uns mittendurch zerrissen."

Fast 13 Prozent haben die Sozialdemokraten bei der Hessen-Wahl verloren - von 36,7 Prozent vor zwölf Monaten auf weniger als 24 Prozent. Zu viel, als dass sich Parteichefin Ypsilanti halten könnte. Aber gerade noch so viel, dass Schäfer-Gümbel die Führung der Partei übernehmen kann - und damit trösten sich die Sozialdemokraten.

Als letzte Amtshandlung schlägt Ypsilanti ihn als ihren Nachfolger vor. Der ebenfalls gehandelte Chef des Bezirks Hessen-Nord, Manfred Schaub, bleibt ohne Chance.

Eine merkwürdige Stimmung herrscht im Fraktionssaal kurz vor 18 Uhr. Eine Gruppe Jusos mit TSG-Button und roten Schals ahnt nichts Gutes: "Warum sehen die denn alle so traurig aus?", fragt die eine. Als dann die ersten Prognosen über die Bildschirme flimmern, bleibt die ersehnte Sensation aus. Das katastrophale Ergebnis ist einkalkuliert, die Enttäuschung fällt eher gedämpft aus: kurzer Jubel beim schwachen Abschneiden der CDU, resigniertes Nicken beim eigenen Wert. Ungläubiges Murmeln kommt nur kurz auf, als das FDP-Ergebnis bekannt wird. "Ausgerechnet die", ätzt ein Gewerkschafter, "ich wette, von deren Wählern wissen 90 Prozent nicht, was die vorhaben."

Aber sonst? Die hessischen Sozialdemokraten hatten zweieinhalb Monate Zeit, sich auf diese Niederlage vorzubereiten, ihr schlechtestes Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte. Eine Genossin hat trotzdem Tränen in den Augen, die Referenten der Fraktion immerhin geben sich trotzig.

Bravo-Rufe in Berlin für Ypsilantis Rücktritt

Wirkliches Entsetzen ist um 18 Uhr auch in der Berliner Zentrale der Bundes-SPD nicht zu spüren. Dem kurzen schadenfrohen Aufschrei über die mäßige Prognose für die CDU folgt im Willy-Brandt-Haus die kontrollierte Ernüchterung. Die Genossen im Atrium halten sich am Glas mit hessischem Wein oder Pils fest, manch einer pustet die Wangen auf, andere lachen. Als auf den Monitoren der gelbe FDP-Balken dem roten der SPD beängstigend nahe kommt, geht ein Raunen durch die Menge. "Das ist ja nicht zu fassen", stöhnt einer.

Wem die meisten Genossen hier das Desaster ankreiden, ist offensichtlich. Als Ypsilanti in Wiesbaden vor ihre Fraktion tritt, wird es auch im Willy-Brandt-Haus noch einmal still. Schon vorher war durchgesickert, dass die Landes- und Fraktionschefin ihre Ämter zur Verfügung stellen würde, jetzt können einige den entscheidenden Satz kaum erwarten. Als er fällt, brandet Applaus auf, Bravo-Rufe sind zu hören.

Nicht alle sind damit einverstanden. "Das sind die Seeheimer, die da jetzt klatschen", also der rechte Parteiflügel, giftet eine ältere Frau mit feuerrotem Haar. "Verdammte Hacke!"

Schaub wollte Aufteilung der Ämter

Schon gegen 16 Uhr, als die ersten Trends der Wahlforscher das befürchtete SPD-Fiasko bestätigen, hatte Schäfer-Gümbel ein Spitzentreffen mit Ypsilanti, Landesgeneralsekretär Norbert Schmitt sowie den Bezirkschefs Gernot Grumbach und Manfred Schaub vorgeschlagen. Ihr Ziel: die Zukunft der Hessen-SPD regeln.

Ypsilanti stellt in dem Treffen klar: "Ich trete zurück." Schaub will den Landesvorsitz. Er spricht sich dafür aus, die Nachfolge aufzuteilen zwischen ihm und Schäfer-Gümbel. Doch die anderen lassen ihm keine Chance. Schäfer-Gümbel soll alleiniger Spitzenmann werden.

Schaub erkennt seine Situation und gibt klein bei. "Thorsten hat seine Führungsqualität unter Beweis gestellt", sagt Ypsilanti später dann im Fraktionssaal, "und deshalb ..." - da wird sie von Jubelschreien und Applaus der Genossen unterbrochen.

Nach einer Pause fährt sie fort: "Deshalb werde ich ihn den Parteigremien als neuen Fraktions- und Parteivorsitzenden vorschlagen."

Schäfer-Gümbel lächelt zufrieden - und setzt umgehend seine Versöhnungsstrategie fort. Eine Strategie, mit der er sich innerparteilich Respekt verdient hat. Kein Nachtreten gegen Ypsilanti, aber auch keine Spitzen gegen die vier Abweichler, die im November das Linksbündnis platzen ließen.

"Die Zeit von Spielchen ist vorbei", ruft er. "Ich weiß, dass vielen von euch zum Heulen zumute ist. Aber es kommen wieder bessere Zeiten, morgen beginnt die Aufholjagd." Dankbar applaudieren die Sozialdemokraten, er ist ihr Hoffnungsträger und hat seine Mission Impossible mit Anstand erfüllt.

"Er hat rausgeholt, was rauszuholen war"

Auch in Berlin wird Schäfer-Gümbel Respekt gezollt. SPD-Chef Franz Müntefering tritt um kurz vor halb sieben hörbar verschnupft vor die Gäste der Wahlparty und sagt über den 39-jährigen Hessen: "Er hat rausgeholt, was rauszuholen war."

Nichts anderes als eine Katastrophe hat Müntefering erwartet - nun versucht er erst gar nicht, das Ergebnis schönzureden. Er spricht wie Schäfer-Gümbel von einer "Denkzettelwahl". Die Menschen seien enttäuscht und verärgert über das vergangene Jahr: "Wir haben es der CDU unnötig leicht gemacht."

Es ist noch einmal ein deutlicher Hieb in Richtung Andrea Ypsilanti, für die er an diesem Abend nur wenige warme Worte übrig hat. "Respekt, Andrea", sagt Müntefering - weil sie nun die Verantwortung übernommen habe.

Und es klingt fast schon ein bisschen gemein, als er hinterherschiebt: "Es kommen auch wieder bessere Zeiten, auch für dich!"

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.