Stefan Kuzmany

AfD und Pegida Reden bringt da nichts

Mit der AfD ist keine Koalition möglich, mit Pegida-Pöblern kein Dialog. Weil sie in einer bizarr verschobenen Realität leben.
Demonstranten mit Fahne der "Identitären Bewegung" und Pegida-Anhänger in Dresden

Demonstranten mit Fahne der "Identitären Bewegung" und Pegida-Anhänger in Dresden

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Es muss schrecklich sein, in diesen Zuständen zu leben: Ausländische Banden beherrschen die Großstädte, verkaufen Drogen, begrapschen Kinder in den Freibädern, stellen Frauen auf nächtlichen Spaziergängen nach, sie unterwandern und zerstören die hiesige Kultur, und wer etwas dagegen sagt, muss sich vor staatlicher Repression und Arbeitsplatzverlust fürchten. Die Politiker scheren sich nicht um die Sorgen des Volkes, die Bonzen leben in Saus und Braus, während gelenkte Medien die Massen belügen und ruhig halten sollen, bis das Projekt der endgültigen Entmündigung und letztlichen Ausrottung der Deutschen per Massenzuwanderung abgeschlossen ist.

Demonstranten am 3. Oktober in Dresden

Demonstranten am 3. Oktober in Dresden

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Es ist kein Wunder, dass Menschen angesichts dieser höchst bedrohlichen Lage zornig werden, auf die Straße gehen und sich berufen fühlen, selbst etwas zu unternehmen zur Rettung des Vaterlandes, mit Protest, auch handgreiflich, und notfalls mit Gewalt. Wahlen helfen ja nichts, der einzige Ausweg scheint ein revolutionärer Umsturz zu sein.

Er scheint - und da liegt das Problem mit den "besorgten Bürgern", nicht nur aus Sachsen, mit Pegida und mit Teilen der Anhängerschaft und der Spitze der AfD: Sie leben offenbar in einem anderen Land als die Mehrheit der Deutschen. Hört man die Rede der AfD-Co-Vorsitzenden Frauke Petry in Stuttgart am Tag der Deutschen Einheit, meint man, in ein bizarres Parallel-Universum einzutreten, in dem in Deutschland nicht etwa Demokratie und freie Meinungsäußerung gelten, sondern fortgesetzt und nur unter anderem Namen die SED herrscht, aber nur, bis sie von stolzen Bürgern (insbesondere solchen aus Sachsen) von der Macht vertrieben werden wird, einmal wieder.

Betrachtet man ein Video vom Aufeinandertreffen mutmaßlicher Pegida-Anhänger und der Grünen Claudia Roth in Dresden am selben Tag, entfaltet sich die ganze Paradoxie dieses in sich geschlossenen Weltbilds: Diese Leute wähnen sich als Opfer eines undemokratischen Unterdrückerstaats, dessen Spitzen sich von den Bürgern abschotten, während sie ihre Ansichten völlig ungehindert und ohne jegliche Repression der verhassten Bundestagsvizepräsidentin ins Gesicht sagen können. Sie beklagen den mangelnden Dialog, doch wenn Roth sich ihnen zuwendet, brüllen sie "Hau ab!".

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Dieser Wahndiskurs, in dem sich aus imaginierter Notlage das Recht auf revolutionären Widerstand begründet, wird von der AfD bewusst befeuert. Ob es vor der eigenen Haustür, im eigenen Viertel tatsächlich so schlimm zugeht wie von den Populisten beschrieben, spielt für sie keine Rolle: Dann müsse man eben dafür sorgen, dass es niemals so kommt. Mehr noch: Deutschland müsse, spricht Petry, "buchstäblich zurückerobert" werden: "Wir müssen den Menschen Stolz und Identität zurückgeben. Wir müssen dafür den Zeitgeist zurückdrehen."

Eine Minderheit von Modernisierungsverlierern würde also gerne die Uhren in Deutschland zurückstellen, die gesellschaftliche Realität bestenfalls an jener der Fünfzigerjahre orientieren, schlimmstenfalls an jener von zehn, 15 Jahren vorher. Nicht wenige dieser Unzufriedenen würden zu diesem Zweck das herrschende System abschaffen, dessen Repräsentanten gerne hinter Gittern sehen - oder gleich an der nächstbesten Laterne aufknüpfen.

Nun gibt es immer noch Menschen, die der Ansicht sind, man müsse mit solchen Leuten "reden", ihre "Sorgen ernst nehmen", gar "auf sie eingehen". Der sächsische Innenminister Markus Ulbig (CDU) etwa zeigt sich weiterhin dialogbereit. Sein Parteifreund, sächsischer Landsmann und EU-Parlamentarier Hermann Winkler plädierte gar dafür, mit der AfD zu koalieren, um eine "linke Republik" zu verhindern.

Das mag vom einen gut gemeint und vom anderen als Vorstoß in der Debatte um den künftigen Kurs der Union gedacht gewesen sein, allein: Wie soll man mit einer Partei koalieren, deren Politik auf wahnhaften Vorstellungen gründet? Wie soll man auf Leute eingehen, die Menschen anderer Hautfarbe mit Affenlauten begrüßen? Welche Kompromisse sind denkbar, wenn die Gegenseite auf inakzeptablen Maximalforderungen beharrt und sich dabei als Vorhut eines aufbegehrenden Volkes geriert?

Bestenfalls sind sie zu bedauern, als Gefangene ihrer irrationalen Horrorvorstellung vom Untergang der Heimat, als Gefangene ihrer Angst. Der Dialog mit ihnen jedoch, sofern es sich nicht um einen therapeutischen handelt, ist vollkommen sinnlos. Diese Leute betrachten sich als abgehängt? Sie sind es. Und das ist auch gut so.

"Wir haben eine völlig verschobene Werteordnung - und diese Werteordnung müssen wir wieder zurechtrücken", sprach Frauke Petry in Stuttgart zu ihren Anhängern. Sie sollten damit in ihren eigenen Köpfen beginnen.