Kassel und der Mord an Walter Lübcke "Eine Stadt ist durchgerüttelt worden"

Braune Vergangenheit: Das rechtsextreme Attentat auf Walter Lübcke hat Kassel erschüttert. Und es weckt Erinnerungen an das Wüten des NSU in der Stadt - und Kassels unrühmliche Zeit unter den Nazis.

Demonstration gegen Rechtextremismus und Gewalt auf dem Kasseler Königsplatz (am 22. Juni)
Uwe Zucchi/ picture alliance

Demonstration gegen Rechtextremismus und Gewalt auf dem Kasseler Königsplatz (am 22. Juni)

Ein Gastbeitrag von Horst Seidenfaden


Zur Person
  • Harry Soremski
    Horst Seidenfaden, 1956 im Kasseler Stadtteil Forstfeld geboren, Abitur in Kassel, Volontariat bei der "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" (HNA) in Kassel, fast 40 Jahre bei der HNA tätig, zuletzt über 15 Jahre als Chefredakteur. Derzeit als Autor, Moderator, Kommunikationsberater für kleine und mittelständische Unternehmen und Zeitungsverlage tätig. Seidenfaden wurde 2019 mit dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.

Mein Bruder Manfred trifft sich nach der Arbeit gern mit Freunden im Grill 30. Das ist ein kleiner Imbiss mit winziger Terrasse im Kasseler Stadtteil Forstfeld. Der Stadtteil, in dem auch ich geboren wurde. Der Stadtteil, in dem Stephan Ernst, der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke, lebte.

Viele der Jungs vom Grill kennen Stephan Ernst. Vom Einkaufen im Edeka. Oder man sah ihn beim Bäcker nebenan. Schon der Mord an Lübcke wurde oft diskutiert, die Betroffenheit nun, nachdem klar ist, dass einer aus der Nachbarschaft nicht nur ein möglicher Mörder, sondern auch nachgewiesenermaßen ein ausgewiesener Neonazi ist, ist noch deutlich höher.

Als der Kasseler Halit Yozgat im April 2006 vom "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) in seinem Internetcafé hingerichtet wurde, war das in der Runde kein Thema dieser Dimension. Was auch daran lag, dass anfangs ja nicht klar war, dass es die Tat von Neonazis war.

Und als es dann herauskam, da war das Ganze beinahe ein Thema wie manch anderes. Der NSU als Terrororganisation - mit Abscheu zur Kenntnis genommen wie überall, aber der Prozess fand eben weit weg in München statt, dauerte unendlich lange - und den NSU nahmen die meisten im Lande nicht als Symptom eines wabernden, weit verbreiteten rechtsextremen Terrors wahr.

Journalisten lernen eines schnell im Job: Je mehr sich die Ereignisse dem Lebensradius des Lesers oder Betrachters nähern, um so mehr steigt die Betroffenheit und die Emotionalität.

Kassels braune Vergangenheit

Im Fall des Mordes an Walter Lübcke hat dieses Phänomen mindestens eine ganze Stadt, wohl eher noch eine ganze Region erreicht. Und je mehr in den Berichterstattungen deutlich wurde, dass Stephan Ernst eben nicht der einzige aktive Neonazi in der Stadt und der Region ist, umso mehr Unbehagen bereitet diese Erkenntnis auch jenen, die vorher die Existenz von Neonazi-Organisationen eher als ein Phänomen der neuen Bundesländer betrachtet haben. In der eigenen Heimat? Niemals!

Nicht Unbehagen, sondern regelrechtes Unwohlsein verursachen die Ereignisse bei denen, die sich mit der Geschichte Kassels beschäftigt haben. Kassel, die Hauptstadt des NSDAP-Gaus Kurhessen im "Dritten Reich". Jene Stadt, in der die Nazis bereits am 7. November 1938 die Reichspogromnacht probten. Man wollte sehen, wie die Bevölkerung auf die massiven und radikalen Übergriffe der Nazis auf Juden reagierte. Aus Sicht der Machthaber verlief alles prima. Der Testfall fürs Reich war gelungen - am 9. November dann wurde es überall im Lande ernst.

Stephan Ernst war lange Zeit mit seinen Neonazi-Kumpanen Stammgast in der Kneipe Stadt Stockholm in der Kasseler Innenstadt. Schon vor der Zerstörung Kassels im Krieg gab es an fast derselben Stelle eine Gaststätte gleichen Namens. Anfang der Dreißigerjahre war sie Treffpunkt von Arbeiterorganisationen und Kommunisten. Bis den Nazis einfiel, dort auch einmal eine Kundgebung zu veranstalten. Was als Provokation empfunden wurde. Bei den anschließenden Straßenschlachten gab es Verletzte und einen Toten.

Dem Neonazi-Terror offensiv begegnen

Kaum anzunehmen, dass Stephan Ernst und seine Gesinnungsgenossen diese Geschichte kannten, wenn sie sich im Stadt Stockholm trafen. Aber beim Bewerten der heutigen Ereignisse und im Rückbesinnen auf jene Zeiten wird die vermutliche zufällige Parallelität doch zu einem mulmigen Gefühl.

Das, was in den vergangenen Wochen passiert ist und enthüllt wurde, verbunden mit dem Rückblick in das dunkle Nazi-Kapitel der Stadt - ja, es hat etwas gemacht mit den Menschen, die hier leben.

Dass das Böse in unverdächtiger Nachbarschaft verborgen sein kann - es erzeugt kein generelles Misstrauen, aber eine ungemein gestiegene Sensibilität. Und den auch öffentlich spür- und sichtbaren Wunsch, dem Neonazi-Terror offensiv zu begegnen.

In diesen Tagen gehen die Menschen in Kassel gegen den rechtsextremen Terror und gegen den Hass auf die Straße. Diese Demonstrationen der Gegenwehr sind deshalb wohltuend, weil sie garantiert kein kurzes Leben haben werden. Eine Stadt ist wach geworden, durchgeschüttelt regelrecht. Und die, die sich wehren, zu Wort melden, auf die Straße gehen, sie hoffen, dass diese neu empfundene Sensibilität nicht an den Grenzen der eigenen Region haltmachen möge.

Im Grill 30 in meinem Stadtteil Forstfeld haben sie neulich auch wieder diskutiert. "Hoffentlich kommt der nie wieder raus", sagt einer über Stephan Ernst. Mit Neonazis hat in der Runde keiner etwas im Sinn.

Das wird schon immer so gewesen sein. Aber jetzt sagt man es endlich auch.



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hadwerker 27.06.2019
1. Viele Leute
Es muss einfach aufhören sich über fremde Menschen mit anderem Glauben oder dunkler Haut mit ausländerfeindlichen Sprüchen wichtig zu machen. Und ganz wichtig, ein jeder muss aufhören innerlich zuzustimmen. Das machen nämlich viel zu viele. Denkt dran morgen könntet ihr diejenigen sein, auf die so herabgesehn wird. Früher waren die Juden die Bumänner, heute die Asylanten, morgen seid vielleicht ihr es, weil ihr irgendwann eine unbedachte Äusserung gemacht habt. Dieses heimliche Kopfnicken zu rechten Taten muss aufhören, sonst geht die Spirale genauso weiter und endet so wie im dritten Reich. Und das hat uns nur geschadet, denkt mal drüber nach.
andre_36 27.06.2019
2. Endlich
"In diesen Tagen gehen die Menschen in Kassel gegen den rechtsextremen Terror und gegen den Hass auf die Straße." Endlich wird ernsthaft aufgeräumt mit den braunen Gesellen. Es wurde Zeit. Lange habe ich darauf gewartet, und nun passiert es. Zuversichtlich sehe ich in eine Zukunft ohne Terror und Hass. In Kassel beginnt der Widerstand und er wird sich wie ein Lauffeuer in ganz Europa ausbreiten. Demonstriert weiter Ihr mutigen Demokraten!
denkpanzer 27.06.2019
3. Schlimm
Schlimm das erst ein CDU Politiker ermordet werden mußte bis auch die Konservativen endlich mal begreifen das Nazis ein Problem sind. Interessanterweise hat auch die Polizei Hessen wohl endlich mal was gegen die Drohbriefschreiber aus dem Polizeipräsidium Konstablerwache unternommen. Zeitlicher Zufall?
Dr. Kilad 27.06.2019
4. Es wird aber auch Zeit
Wenn laut Umfrage trotz des Mordes über 80 Prozent der AfD-Anhänger keine Gefahr von rechts sehen, spricht dies Bände. Offenbar sind die "besorgten BürgerInnen" im AfD-Umfeld nur wegen Überfremdung und Umvolkung besorgt. Nimmt man den Satz, aufgrund dessen Lübcke schchließlich ermordet wurde und die typische AfD-Ideologie ist nicht zu übersehen, welche Gefahr von der AfD für den auf Menschenrechte orientierten Staat ausgeht. Der Unterschied reduiziert sich auf die Tat, nicht auf die Ideologie.
draco2007 27.06.2019
5.
Zitat von andre_36"In diesen Tagen gehen die Menschen in Kassel gegen den rechtsextremen Terror und gegen den Hass auf die Straße." Endlich wird ernsthaft aufgeräumt mit den braunen Gesellen. Es wurde Zeit. Lange habe ich darauf gewartet, und nun passiert es. Zuversichtlich sehe ich in eine Zukunft ohne Terror und Hass. In Kassel beginnt der Widerstand und er wird sich wie ein Lauffeuer in ganz Europa ausbreiten. Demonstriert weiter Ihr mutigen Demokraten!
"Es wurde Zeit. Lange habe ich darauf gewartet, und nun passiert es." In Hamburg gabs schon vor Jahren Demos von ein paar Dutzend bis Hundert "Neuen Rechten", die von Tausenden Hamburgern beantwortet wurden. Also der Widerstand beginnt jetzt nicht in Kassel...nur breitet er sich endlich aus...hoffentlich...
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