Zum Tod von Walter Scheel "Kein Draht, an dem ich nicht gezupft hätte"

Walter Scheel ist tot. Der frühere Bundespräsident war ein heiterer Repräsentant der Bonner Republik. Doch er konnte auch Härte zeigen - wenn es darauf ankam, setzte er alles auf eine Karte.
Von Karl-Ludwig Günsche
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Walter Scheel: Präsident der Herzen

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture-alliance/ dpa

Der Publizist Arnulf Baring hat Walter Scheel einmal den "Mr Bundesrepublik" genannt, die Verkörperung der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, ihrer Aufstiegsphase in den ersten Jahrzehnten. Doch sogar in seiner eigenen Partei wurde er auch als "Bruder Lustig" oder "Bruder Leichtfuß" tituliert. Denn er konnte - wie kaum ein anderer Politiker seiner Generation - Härte hinter Heiterkeit, hinter rheinischer Fröhlichkeit verbergen.

Er war ein Mann, der mit Sektquirl, Havannas und maßgefertigten Anzügen Lifestyle schon praktizierte, als der Begriff in Deutschland noch unbekannt war. Als der "singende Bundespräsident" wird der bis zu seinem Tode populäre FDP-Politiker in Erinnerung bleiben, der schon 1979 aus seinem letzten Amt ausschied und über drei Jahrzehnte lang das Leben eines wohl bestallten Politrentners geführt hat. Mit dem Volkslied "Hoch auf dem gelben Wagen" hatte er sich 1973 - damals Bundesaußenminister - ein für alle Mal in die Herzen der Deutschen gesungen. Das Lied wurde durch ihn zum Kulthit.

Die Single "Hoch auf dem gelben Wagen" mit Walter Scheel verkaufte sich bis Frühjahr 1974 300.000 Mal. Das Foto zeigt Scheel bei der ARD-Volksmusik-Gala.

Die Single "Hoch auf dem gelben Wagen" mit Walter Scheel verkaufte sich bis Frühjahr 1974 300.000 Mal. Das Foto zeigt Scheel bei der ARD-Volksmusik-Gala.

Foto: Wolfgang Thieme/ dpa

An seinem 90. Geburtstag ließ er es sich 2009 - obwohl von Krankheit gezeichnet - nicht nehmen, zusammen mit 300 begeisterten Festgästen auf dem Marktplatz in seiner Wahlheimat Bad Krozingen noch einmal öffentlich dieses Lied zu schmettern, das das Markenzeichen seiner Präsidentschaft bleiben wird.

Aber auch als Strippenzieher wird er im Gedächtnis bleiben. Er selbst sagte einmal im vertrauten Kreis nicht ohne Stolz: "Es gibt überhaupt keinen Draht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft hätte." Mit dem Tod von Walter Scheel geht auch eine Epoche der alten Bundesrepublik zu Ende. Als er starb, war er der letzte ehemalige Minister, der noch in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gedient hatte und der letzte aus der Gründergeneration der FDP.

Geboren wurde Walter Scheel am 8. Juli 1919 in Solingen als Sohn eines Stellmachers. Nach dem Abitur absolvierte er eine Banklehre bei der örtlichen Volksbank. Sofort bei Kriegsbeginn wurde der 20-Jährige eingezogen. Er diente bei der Luftwaffe, wurde mit dem Eisernen Kreuz I und II ausgezeichnet und war bei Kriegsende Oberleutnant. Die wesentliche Frage, die ihn in den Jahren an der Front bewegt hat, war nach eigenem Bekunden: "Wie kommst du hier heil raus?" Als frisch gebackener Leutnant hatte er 1942 seine Jugendfreundin Eva Kronenberg geheiratet - und war der NSDAP beigetreten, ein Schritt, den er niemals richtig erklärt und begründet hat.

Das Privatleben Scheels ist immer wieder durch Tragödien überschattet worden: Nach 24-jähriger Ehe starb seine Frau Eva an Krebs. Auch Scheels zweite Frau Mildred, Begründerin der Deutschen Krebshilfe, fiel 1985 dieser heimtückischen Krankheit zum Opfer. Seit 1988 war er mit der Krankengymnastin Barbara Wiese verheiratet.

Zuletzt sorgte ein veritabler Familienstreit im Hause Scheels für Schlagzeilen. 2014 beantragte Scheels Tochter Cornelia vor Gericht, ihrem demenzkranken Vater sollte ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Sie befürchtete, dass ihre Stiefmutter Barbara dem Vater erheblich schaden könnte. Das Gericht folgte dem Antrag der Tochter, es wurde ein zusätzlicher Betreuungskontrolleur verfügt.

Auch sonst sorgte Barbara Scheel, letzte Ehefrau des Altbundespräsidenten, immer mal wieder für Wirbel. Zuletzt ließ sie sich im März 2016 nach einer Veranstaltung mit AfD-Chefin Frauke Petry ablichten, nannte diese "sympathisch und hochintelligent". Prompt stellte Petry - zum Verdruss vieler in der FDP - das Bild auf ihre Facebook-Seite und versuchte mit dem Scheel-Bonus zu punkten.

Der politische Aufstieg Scheels vom Solinger Stadtverordneten bis zum Staatsoberhaupt der Bundesrepublik vollzog sich dagegen ohne Brüche und Blessuren. Er trat 1946 der FDP bei und zog bereits 1953 in den Bundestag ein. 1961 wurde er dann erster Entwicklungshilfeminister der jungen deutschen Republik. Schon ein Jahr später trat er gemeinsam mit den anderen der FDP angehörenden Minister wegen der SPIEGEL-Affäre zurück. Verteidigungsminister Strauß, zentrale Figur der Affäre, die die Republik erschütterte, musste daraufhin das Kabinett verlassen - und Walter Scheel konnte wieder auf dem Chefsessel seines Ministeriums Platz nehmen.

1966 trat Scheel - wieder gemeinsam mit seinen Parteifreunden - im Streit mit der CDU/CSU über den Bundeshaushalt erneut zurück. Diesmal zerbrach das Regierungsbündnis mit der CDU/CSU, Union und SPD bildeten eine Große Koalition, die FDP musste in die Opposition.

Nach drei Jahren Opposition betrat Scheel endgültig die ganz große Bühne der Bonner Politik: In einem Kraftakt hatte der 1968 neu gewählte FDP-Chef zunächst im Frühjahr 1969 die Wahl des Sozialdemokraten Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten durchgeboxt, ein Schritt, der die FDP tief erschütterte. Eine Austrittswelle dezimierte und schwächte die kleine Partei, bei der Bundestagswahl am 28. September erlitt sie herbe Verluste.

Doch die mutigste und politisch folgenreichste Entscheidung des FDP-Vorsitzenden Scheel fiel noch in der Wahlnacht: Telefonisch stellte er mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt die Weichen für die erste sozialliberale Koalition.

Während Genscher noch bei Helmut Kohl die Bedingungen für ein Regierungsbündnis mit der CDU/CSU sondierte, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger schon Glückwünsche von US-Präsident Nixon zur Wiederwahl bekam, hatten Brandt und Scheel sich trotz hauchdünner Mehrheit auf ein SPD/FDP-Kabinett verständigt. Für Scheel war klar, dass er in dieser Konstellation Vizekanzler und Außenminister werden musste. Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik stellte die CDU/CSU nach dieser nächtlichen Grundsatzentscheidung nicht mehr den Kanzler.

Es folgten aufregende Jahre innenpolitischer Auseinandersetzungen um die Ostverträge, die Ost- und Entspannungspolitik, die Scheel inhaltlich voll unterstützte, operativ aber nur wenig mitgestaltete. Die FDP geriet im Kampf um die Ostpolitik in eine Existenzkrise, der ehemalige Vorsitzende Erich Mende, Scheels Vorgänger, verließ die Partei und ging zur CDU. Doch Scheel hielt Kurs und begründete den Regierungswechsel in seiner wohl stärksten Rede im Bundestag bei der Debatte um das Misstrauensvotum der Union gegen Bundeskanzler Willy Brandt am 27. April 1972 noch einmal: "Hätten wir ihn nicht bewirkt, so hätten wir im demokratischen Sinne in entscheidender Stunde versagt."

Doch schon im Herbst 1973 - noch bevor die Guillaume-Affäre sich abzeichnete, die zu Brandts Rücktritt führte - machte Scheel seiner Partei und dem Koalitionspartner SPD deutlich, dass er sein nächstes Ziel bereits fest im Visier hatte: Die Villa Hammerschmidt in Bonn, Amtssitz des Bundespräsidenten. Lieber als in die bescheidene Villa am Rhein, so bekannte der Pomp und Prunk liebende Mann mit den Silberlocken intern, würde er allerdings in das prachtvolle Poppelsdorfer Schloss einziehen. Doch das war in der Bonner Republik nicht durchsetzbar.

Scheel war mit der Wahl zum Staatsoberhaupt 1974 im Zenit seines politischen Wirkens angekommen. Das Motto seiner fünfjährigen Präsidentschaft war "miteinander, nicht gegeneinander".

Ein US-Diplomat, der lange in Bonn stationiert war, nannte Scheel einmal nicht ohne Respekt einen "imponierenden Hasardeur". In der Tat hat Scheel in den entscheidenden Augenblicken seines politischen Lebens immer alles auf eine Karte gesetzt - und gewonnen.

Vielleicht hat Hans-Dietrich Genscher deshalb einmal über seinen Vorgänger auf dem FDP-Chefsessel und im Außenamt geschwärmt: "Seine Geschichte liest sich wie die Geschichte vom Hans im Glück."

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