Staatsakt für Bundespräsidenten Scheel war "Glücksfall für unser Land"

Spitzenpolitiker haben in Berlin Abschied vom früheren Bundespräsidenten Walter Scheel genommen. Über Parteigrenzen hinweg lobten die Trauergäste den verstorbenen FDP-Politiker als Visionär und Brückenbauer nach Osten.

DPA

Mit einem Staatsakt hat Deutschland den verstorbenen früheren Bundespräsidenten und Außenminister Walter Scheel gewürdigt. Der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck pries den FDP-Politiker als "Glücksfall für unser Land".

Außenminister Frank-Walter Steinmeier lobte "Weitsicht, Risikobereitschaft und außergewöhnlichen Mut" seines Ende August gestorbenen Amtsvorgängers. Beim Staatsakt in der Berliner Philharmonie sagte der SPD-Politiker, Scheel habe mit seiner Politik der Annäherung an den Osten Europas den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands 20 Jahre später geebnet. Scheel hatte als Außenminister zusammen mit SPD-Kanzler Willy Brandt von 1969 bis 1974 die neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition vorangebracht.

Die Neuorientierung innerhalb der damaligen sozialliberalen Koalition sei ein "unerhörter Tabubruch" gewesen. Dazu seien Entschlossenheit und Ausdauer notwendig gewesen - "und Walter Scheel bewies beides", sagte Steinmeier. Er betonte, auch heute sei Mut nötig, "um Brücken zu bauen über wieder tiefer gewordene Gräben hinweg". In Europa seien wieder nationalistische Rhetorik und Abschottungsrufe zu hören.

An der Trauerfeier in der Berliner Philharmonie nahmen neben Scheels Witwe Barbara auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die früheren Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff teil. Scheels Sarg war mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne geschmückt.

Scheel, der zuletzt an Demenz litt und in einem Pflegeheim lebte, war am 24. August im Alter von 97 Jahren gestorben. Nach seiner Zeit als Außenminister war Scheel von 1974 bis 1979 Staatsoberhaupt. Von 1968 bis 1974 war er FDP-Vorsitzender.

Bundespräsident Gauck sagte, Scheel habe über sein gesamtes politisches Leben hinweg ein "feines Gespür für die Notwendigkeiten und Chancen seiner Zeit" bewiesen. Er erinnerte vor allem an dessen Bedeutung für die sozial-liberale Koalition. "Walter Scheel ist ein Wegbereiter der Reformära gewesen, im Wortsinne ein Pfadfinder unserer Republik." Er habe "unserem Land in entscheidenden Momenten Richtung gegeben und unserer Demokratie Orientierung verliehen".

Scheel gilt als einer der beliebtesten Präsidenten, die die Bundesrepublik hatte. Vielen ist er bis heute auch durch einen Fernsehauftritt in Erinnerung, in dem er das Volkslied ("Hoch auf dem gelben Wagen") zum Besten gab. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf. Dort ist auch Brandt beerdigt.

cht/dpa



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