Walther Leisler Kieps Memoiren Ein Mann für heikle Missionen

Der für seine Partei meist etwas zu liberale CDU-Politiker Walther Leisler Kiep hat seine Memoiren veröffentlicht. Er porträtiert darin die wichtigen Christdemokraten der Bonner Republik - und die US-Präsidenten seit Nixon. Zudem berichtet er von weltweiten Geheimeinsätzen.

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Das Geld - zweieinhalb Millionen Mark in bar - kam aus dem Etat des Bundesnachrichtendienstes, der Auftrag von Helmut Schmidt. Der damalige Bundeskanzler wollte die demokratischen Parteien Portugals bei ihrem Kampf gegen kommunistische Revolutionäre finanziell aufrüsten und hatte deshalb den CDU-Politiker Walther Leisler Kiep gebeten, einen Koffer mit Cash nach Lissabon zu bringen und ihn der christdemokratischen Schwesterpartei zu übergeben.

Der Bundeskanzler hielt diesen Auftrag im Jahr 1975 für so delikat, dass er Kiep dessen Ehrenwort abverlangte, absolutes Stillschweigen über die geheime Mission zu wahren.

Mehr als 30 Jahre nach der Reise fühlt sich der Mann mit dem Koffer allerdings nicht mehr an sein Schweigegelübde gebunden. Der unkonventionelle Christdemokrat, der vergangene Woche seinen 80. Geburtstag feiern konnte, enthüllt vielmehr in seinen in diesen Tagen erscheinenden Memoiren auch geheime Treffen und Verhandlungen mit dem türkischen Premierminister Ecevit oder dem Palästinenserführer Yassir Arafat. (*)

Wer allerdings in den "Brücken meines Lebens" endgültige Aufklärung über die Parteispendenaffären der Union erwartet, in die Kiep als Schatzmeister verwickelt war, wird enttäuscht. Gleichwohl sind seine Memoiren ein sehr interessantes Dokument der Zeitgeschichte.

Der weltläufige Kiep - Inbegriff des charmanten Gentleman alter englischer Schule - war dank seiner internationalen Verbindungen wie kaum ein anderer deutscher Politiker für diffizile diplomatische Vermittlungsaktionen geeignet. Gleichzeitig blieb die bourgoise Herkunft für den in Hamburg geborenen und in Istanbul und Frankfurt aufgewachsenen Motorradliebhaber ein beständiges Handicap. In der provinziell geprägten CDU stieß der stets elegante Kiep jedenfalls nie ganz an die Spitze vor.

Sein Mitte des 17. Jahrhunderts nach Amerika ausgewanderter Vorfahr Jacob Leisler hatte es zum Gouverneur von New York gebracht, bis er von den Engländern hingerichtet wurde; ein Urgroßvater zählte zu den Begründern der Farbenwerke Hoechst; sein Großvater mütterlicherseits war Abgeordneter im Preußischen Landtag und ein Freund Bismarcks. Sein Onkel, der Diplomat Otto Kiep, wurde wegen Verbindungen zu den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 in Berlin-Plötzensee exekutiert.

Kiep, der 1961 in die Union eintrat und 1965 in Hessen ein Direktmandat für den Bundestag eroberte, gehört zu den inzwischen raren Politikern, die Konrad Adenauer noch erlebten. "Ein Olympier, doch mit ganz pragmatischem Realitätssinn", beschreibt er den ersten westdeutschen Kanzler.

Gleichzeitig stieß ihm Adenauers Zynismus auf, als er diesen auf Hans Globke ansprach, der die Nürnberger Rassegesetze mitformulierte und dennoch zum Staatssekretär im Kanzleramt berufen wurde. "Ich brauchte ihn einfach", sagte Adenauer. "Er ist so gut in seiner Arbeit."

Adenauers Nachfolger Ludwig Ehrhard wird von Kiep als "liebenswerter, offener, humorvoller und genussfähiger Mensch" charakterisiert. Kritischer sieht er die beiden Parteifreunde, die Erhard zu Fall brachten, weil sie selbst Kanzler werden wollten: Rainer Barzel und Franz Josef Strauß.

Kiep schildert in seinen lebendig geschriebenen Erinnerungen die jahrelange Agonie, in die Willy Brandt die CDU mit seiner Ostpolitik gestoßen hatte. Er pflegte Geheimkontakte mit dem SED-Politbüro-Mitglied Herbert Häber. Mit einer kleinen Gruppe von Dissidenten stimmte er sowohl für den von den allermeisten CDU-Abgeordneten abgelehnten Grundlagenvertrag als auch für die Polenverträge.

Die Geschichte gab ihm recht, seine Parteifreunde nicht. Kiep wirkte zwar erfolgreich als Finanz- und Wirtschaftsminister in Niedersachsen, doch den Kampf "Kakadu" zu werden, Kanzlerkandidat der Union, fochten Helmut Kohl und Franz Josef Strauß unter sich aus. "Meister des verbalen Orgasmus" nennt Kiep den Bayern, den er in seinen Erinnerungen plastisch porträtiert, oder "Sklave seines unsteten Wesens", der "die Macht anbetete". Nachdem Franz Josef Strauß im Bundestagswahlkampf 1980 Kiep "zu meiner großen Überraschung" zum Schattenaußenminister gemacht hatte, dauerte es auch nicht lange, bis der Bayer den Hanseaten in einem Brief rüde wegen eines Interviews runterputzte.

Um in das CDU-Präsidium zu kommen, willigte Kiep 1971 "in das schlechteste Geschäft meines Lebens ein", wie er spürbar zerknirscht bilanziert. Er ließ sich zum Bundesschatzmeister der CDU wählen. Als solcher versuchte er die Parteienfinanzierung durch eine Normenkontrollklage aus der rechtlichen Grauzone zu führen, aber 1981 wurde im Rahmen der "Flickaffäre" gleichwohl ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet.

Dieses Verfahren wurde über zehn Jahre später wegen Verjährung eingestellt, dennoch holte Kiep im November 1999 die Vergangenheit in Gestalt eines Haftbefehls wegen Steuerhinterziehung ein. Auf einem Schweizer Parkplatz hatte ihm 1991 der dubiose Unternehmer und Strauß-Spezi Karl-Heinz Schreiber eine Million Mark in bar übergeben. Zwar wurde auch dieses Verfahren eingestellt, doch Kiep nennt die Annahme der Spende "eine der größten Dummheiten meines Lebens".

Wesentlich erfolgreicher war Kiep, als er im Auftrag Helmut Schmidts 1978 zweieinhalb Monate rund um den Globus reiste und bei den westlichen Regierungen Kreditzusagen von über 900 Millionen Dollar für den nahezu bankrotten Nato-Partner Türkei auftrieb. Nicht nur wegen seiner glücklichen Kindheitserinnerungen an Istanbul schreibt Kiep: "Nach meiner festen Überzeugung gehört die Türkei nach Europa". Einmal mehr weicht er damit von der Parteilinie ab. Er zählt zu dem seltenen Typus des Politikers, der zu unabhängig ist, um sich stets der Parteidisziplin unterzuordnen.

So widmete er sich auch seit 1984 als Vorsitzender der überparteilichen "Atlantik-Brücke" der Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Da er nicht nur Richard Nixon sondern auch die nachfolgenden US-Präsidenten persönlich kannte, konnte er auf diesem Gebiet mehr erreichen, als in der bundesdeutschen Politik.

Kieps ideale Rolle ist die des Vermittlers, der hinter den Kulissen wirkt. So gelang es ihm, im Streit zwischen General Motors und VW um den übergelaufenen Manager José Ignacio López, jahrelange Prozesse zu vermeiden. Im Herbst 1988 traf er auf Bitte des israelischen Außenministers Schimon Peres den PLO-Führer Yassir Arafat in Rabat, um ihn zu einer Deeskalation bei der Intifada zu bewegen.

Auch seine Reise nach Lissabon im Jahr 1975 schloss Kiep erfolgreich ab. Er checkte nur kurz in seinem Hotel ein und deponierte dann den Koffer mit den zweieinhalb Millionen Mark im Safe der deutschen Botschaft.

Als Kiep anschließend in das Hotel zurückkehrte, war sein Zimmer aufgebrochen und durchwühlt. Es fand sich allerdings noch alles an - bis auf seinen Revolver der Marke Smith & Wesson.

(* Walter Leisler Kiep: "Brücken meines Lebens. Erinnerungen", Herbig Verlag, München, 338 Seiten; 24,90 Euro)



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