Wandlung eines Kanzlerkandidaten Steinmeier spricht, der Saal tobt
65 Minuten braucht Frank-Walter Steinmeier, um seine Partei wieder aufzurichten.
Buchstäblich - denn jetzt, kurz nach seiner Rede, hält es die gut 500 Delegierten des SPD-Parteitags im Berliner Estrel Hotel nicht auf ihren Sitzen. "Wahlsieg, Wahlsieg", skandieren ein paar Niedersachsen. "Jetzt geht's lohos, jetzt geht's lohos!", schallt es aus der hessischen Ecke. Minutenlang feiern sie ihren Kanzlerkandidaten, sie wollen nicht aufhören zu klatschen.
Und Steinmeier? Der ahnt, dass es ein ziemlich guter, für seine Verhältnisse fulminanter Auftritt gewesen ist, den er da an diesem Sonntag hingelegt hat. Gekämpft hat er, gebrüllt mitunter. Auch die Fäuste landeten das eine oder andere Mal auf dem Pult, was nicht weiter störte, denn die Körpersprache passte tatsächlich zu seinen Sätzen. Er wirkte echt - obwohl er aus sich herausging. Das ist einigermaßen überraschend.
Jetzt steht er auf der kleinen, kreisrunden Bühne, strahlt, winkt in jede Ecke des Saals und breitet die Arme aus, als wolle er alle Genossen umarmen. Nach einer Weile holt er seine Frau aufs Podium, gibt ihr einen Klaps auf den Hintern und klatscht Peer Steinbrück ab, den Finanzminister. Man hat ihn selten so lässig und so befreit auf einer Bühne gesehen. Und das nach dieser Woche.
Es ist kurz nach elf, als Steinmeier ans Rednerpult tritt. Vor ihm liegt nicht irgendein Auftritt. Man muss sich nur die letzten sieben Tage noch einmal vergegenwärtigen, um die Dimension seiner Rede zu begreifen. Erst die Katastrophe bei der Europawahl, die sämtliche Planungen für den anstehenden Bundestagswahlkampf durchkreuzt hat. Dann sein verunsicherter Auftritt bei Anne Will. Dann die neuen Horrorwerte der Demoskopen. Plötzlich mussten Parteifreunde dem Kanzlerkandidat öffentlich beistehen.
Und so ist klar: Zwar soll das Wahlprogramm verabschiedet werden - aber der einzig wahre Tagesordnungspunkt ist Steinmeiers Auftritt. Der Parteitag wird zum Test für seine Autorität, er muss die Zweifel an seiner Person wegwischen und seiner Partei die Zuversicht zurückgeben. Eine Herkulesaufgabe.
Er tut alles, um diese zu bewältigen, das ist von Beginn an klar. Mit dem Europawahlergebnis hält er sich - übrigens anders als Parteichef Franz Müntefering bei seinem Grußwort zuvor - nicht lange auf. "War Mist", sagt er. Das war es dann aber schon. "Ich sach' euch, das Ding ist offen", ruft Steinmeier stattdessen mit Blick auf die Bundestagswahl und verspricht einen "fulminanten Wahlkampf". Das wollen die Delegierten hören.
Er ist Kanzlerkandidat, aber natürlich muss er nach dieser Woche auch ein Stück Therapeut sein. Deshalb verwendet er viel Zeit darauf, die SPD als den eigentlichen Anker der Bundesregierung darzustellen. Steinmeier redet über Investitionsprogramme für Städte und Gemeinden, die Investoren für Opel, den Kinderbonus, Schulstarterpakete, die Umweltprämie. "Wer hat's erfunden? Die SPD! Sagt es mit Stolz", fordert er von den Delegierten. Die Botschaft: Unsere Richtung stimmt, wir müssen sie nur selbstbewusster vertreten.
Das ist nicht sonderlich neu, der Teil über die sozialdemokratischen Impulse gehört zum festen Repertoire seiner Auftritte. Aber es gibt Momente, in denen klar wird, dass Steinmeier nicht einfach eines seiner üblichen Manuskripte kopiert hat, sondern er gewillt scheint, ein neues Kapitel in seiner Kandidatur aufzuschlagen.
Da sind zum einen die Angriffe auf den Koalitionspartner, bei denen er zuletzt alles andere als eine glückliche Figur machte. Viel zu lange hat Steinmeier sich an Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) abgearbeitet, wo doch sein eigentliches Pendant die Kanzlerin sein müsste, die er schließlich beerben will.
Am Sonntag fällt der Name Guttenberg nicht ein einziges Mal. Stattdessen knöpft der Außenminister sich Angela Merkel und die gesamte Union vor. "Die Union hat bis heute kein Programm, nicht einmal einen Entwurf", kritisiert er. Er könne bei der Kanzlerin nur eines erkennen: "abwarten, abgucken und dann draufsetzen". Dann zitiert er CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, der gesagt habe, es gehe jetzt um Ökonomie, Arbeit sei eher "eine Unterfrage". "Ein solches Sittengemälde, das sagt mehr über den inneren Zustand der Partei aus als Tausende Plakate, die geklebt werden", ätzt Steinmeier. "Diese Ideologie, die uns in diese Krise geführt hat, kann doch nicht die Antwort auf diese Krise sein."
Es sind Sätze, nach denen man sich harmonische Kabinettssitzungen nur noch schwer vorstellen kann. Aber er scheint verstanden zu haben, dass er an ihnen nicht vorbei kommt, wenn er will, dass die Basis für ihn auf die Straße geht und Wahlkampf macht. An kaum einer anderen Stelle wird Steinmeier derart bejubelt wie nach diesen Attacken.
Auch mit einem anderen Thema setzt Steinmeier sich ab: So deutlich wie selten stellt er klar, dass er die Bundestagswahl als Richtungsentscheidung begreift. In dieser Hinsicht war er, der Pragmatiker, vielen Sozialdemokraten zuletzt zu zurückhaltend. Nicht nur der linke Flügel der Partei glaubt, dass die Wahl nur dann zu gewinnen ist, wenn die Menschen auch tatsächlich Alternativen geboten bekämen.
Eine Sichtweise, die sich jetzt auch Steinmeier zu eigen macht. "Es geht um Arbeit statt Abbruch", ruft Steinmeier. "Es geht um soziale Gerechtigkeit oder marktradikale Ideologie." Er beschwört eine "neue Zeit", in der Mindestlöhne gezahlt und Männer und Frauen für gleiche Arbeit gleich entlohnt werden, in der die Mitbestimmung in Betrieben ausgeweitet wird, die Gutverdiener mehr für das Gemeinwohl tun und global abgerüstet wird.
Das alles mag ein bisschen rosarot klingen. Aber kein Pragmatiker in der Partei muss fürchten, dass aus Steinmeier ein linker Revoluzzer wird. Denn, auch das ist auffällig, er lobt ausdrücklich die Reformpolitik des vor ihm sitzenden Altkanzlers Gerhard Schröder und fordert eine Rückbesinnung auf die "neue Mitte". "Wir dürfen die Mitte der Gesellschaft nicht räumen", ruft Steinmeier. "Ich will Kanzler aller Deutschen werden." Dann wird er gefeiert, mehr als zehn Minuten. Der Rest des Parteitags ist schnell bewältigt. Die Partei glaubt wieder ein bisschen mehr an sich - und an ihn.
Natürlich ist das eine Momentaufnahme. Den Sozialdemokraten stehen harte Wochen bevor, im anstehenden Sommerloch dürfte es schwer werden, sich zu profilieren. Und ob die Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und dem Saarland Ende August tatsächlich mobilisierend wirken, wie Steinmeier und die Parteispitze glauben, wird sich noch zeigen.
Zudem muss ausgerechnet der Parteichef ein Stück weit Vertrauen zurückgewinnen. Einige Spitzengenossen werfen Franz Müntefering vor, vor der Europawahl "katastrophales Erwartungsmanagement" betrieben zu haben, indem er große Zugewinne seiner Partei und Abstürze der Konkurrenz in Aussicht stellte. Auch mit seiner Ankündigung, im November erneut für das Amt des Parteivorsitzenden zu kandidieren, hat sich Müntefering nicht nur Freunde gemacht. Am Samstag, auf dem Presseabend im Kreuzberger Umspannwerk, irritierte der 69-Jährige abermals etliche Parteifreunde: Er zeigte sich mit der neuen Frau an seiner Seite, der 29-jährigen Michelle Schumann. Offenbar unabgesprochen, jedenfalls schaute Steinmeier ein wenig verdutzt drein, als Müntefering ihm am Eingang offenbarte: "Frank, ich habe mal die Michelle mitgebracht." Michelle, und nicht der Kanzlerkandidat, war anschließend das Thema des Abends. "Der ist ja irre, der Franz", empörte sich einer der anwesenden SPD-Staatssekretäre. "Was für ein dramaturgischer Patzer."
Am Sonntag war von Unmut jedoch nichts zu spüren. Immerhin hat die Partei ja jetzt auch einen Kanzlerkandidaten, der die Bezeichnung verdient.