Warschauer Aufstand Polnischer Stolz, deutsche Schande

Gerhard Schröder erlebte beim Jahrestag des Warschauer Aufstandes gegen die Nazi-Herrschaft ein Wechselbad der Gefühle. Doch der Kanzler fand in der polnischen Hauptstadt die richtigen Worte: Er bekannte sich eindeutig zur deutschen Schuld und wies vehement die Ansprüche von Vertriebenen zurück.

Aus Warschau berichtet


US-Außenminister Powell, Schröder, Polens Präsident Kwasniewski in Warschau: Gedenken an den größten Aufstand gegen Nazi-Deutschland
DPA

US-Außenminister Powell, Schröder, Polens Präsident Kwasniewski in Warschau: Gedenken an den größten Aufstand gegen Nazi-Deutschland

Am Sonntagmorgen ist es auf dem Wolski-Friedhof noch ruhig. Ältere Leute gehen an den schlichten grauen Grabsteinen vorbei, auf denen ein paar Namen stehen, vor allem jedoch Zahlen: 100 Unbekannte, 80 Unbekannte. Auf dem Friedhof sind die zivilen Opfer des Warschauer Aufstands begraben. Insgesamt 104.000 liegen hier, alle wahllos erschossen von den deutschen Besatzern in den zwei Aufstandsmonaten nach dem 1. August 1944.

Zum 60. Jahrestag des Aufstands, der mit mehrtägigen Feiern begangen wird, rechnet die Blumenfrau am Eingang mit Hochbetrieb. Sie hat Nelken in den Nationalfarben Rot und Weiß aufgestockt. Heute ist ein ganz besonderer Tag: Zum ersten Mal kommt ein deutscher Bundeskanzler vorbei und legt einen Kranz nieder.

Gerhard Schröder ist aus dem Italienurlaub eingeflogen, um die Risse im deutsch-polnischen Verhältnis zu kitten. Drohende Entschädigungsklagen von deutschen Spätaussiedlern und das geplante Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin hatten die polnische Öffentlichkeit in den vergangenen Monaten in Aufruhr versetzt. Immer stärker waren die Rufe nach einem Machtwort der deutschen Regierung geworden.

Mit Spannung war daher der Auftritt Schröders in Warschau erwartet worden. Der Kanzler lässt seine Absicht nicht lange im Dunkeln. Gleich beim ersten Termin mit Ministerpräsident Marek Belka macht er deutlich, dass er die polnischen Kommentatoren zufrieden stellen will. Schröder kritisiert die "Uneinsichtigen" in Deutschland, die mit ihren Forderungen die deutsch-polnische Freundschaft zerstörten. Und er verspricht: "Die Bundesregierung wird solchen Ansprüchen entgegentreten und dies auch vor jedem internationalen Gericht deutlich machen."

Wechselbad der Gefühle

Verbeugung vor der "Friedensglocke": Gerhard Schröder in Warschau
AP

Verbeugung vor der "Friedensglocke": Gerhard Schröder in Warschau

Diese Botschaft wiederholt Schröder bei jeder Gelegenheit. Abends betont er in seiner Rede auf dem Platz der Aufständischen, dass die Mehrheit der Deutschen nicht an der Rollenverteilung von Täter und Opfer zu rütteln gedenke: "Wir Deutschen wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat, und wer seine ersten Opfer waren." Auf keinen Fall dürfe die Geschichte "um- oder fehlgedeutet werden". Nach solchen Passagen ist ihm der Applaus sicher.

Doch die Unstimmigkeiten seien mit Schröders Auftritt nicht gelöst, sagt Janusz Reiter, ehemaliger Botschafter Polens in der Bundesrepublik: "Aus polnischer Sicht bleibt das Problem, dass aus Deutschland zivilrechtliche Ansprüche an den polnischen Staat gestellt werden. Es wird Gerichtsprozesse geben, und das wird die Polen verunsichern."

Der Aufenthalt in Warschau ist für Schröder ein Wechselbad der Gefühle. In wenigen Stunden absolviert er ein Mammutprogramm: einen Rundgang durch das neu eröffnete Museum des Warschauer Aufstands, zwei Kranzniederlegungen, drei Denkmalsbesuche sowie das große Abschlusskonzert.

Fast überall wird er freundlich empfangen. Der Höhepunkt kommt beim Spaziergang durch die wieder hergerichtete Warschauer Altstadt, die während des Aufstands von den Deutschen völlig zerstört worden war. Zusammen mit dem populären Präsidenten Alexander Kwasniewski schüttelt der Bundeskanzler Hände, gibt Wangenküsschen und herzt Babys. Hinter sich lässt er eine Spur kichernder, knallroter Pfadfinderinnen und strahlender Mütter. Die Stimmung ist sommerlich ausgelassen, es gibt sogar Platz für Ironie. "Noch ein Besatzer, noch einer, und noch einer", ruft ein Zuschauer beim Vorbeiziehen der gewaltigen deutschen Delegation.

Schröders Drahtseilakt

Ganz anders hingegen die Atmosphäre auf dem Wolski-Friedhof. Schon das "Hail Schröder"-Plakat, das über den Köpfen der meist älteren Zuschauer schwebt, lässt Unangenehmes ahnen. Als dem Kanzler schließlich die Ehrenmedaille der polnischen Kämpfer verliehen wird, beginnt ein Pfeifkonzert, später bei der Kranzniederlegung folgen auch noch vereinzelte Buhrufe.

Zu beneiden ist Schröder bei seinem Drahtseilakt wahrlich nicht. Zwar sind auch andere hochrangige Ehrengäste wie US-Außenminister Colin Powell eingeladen, doch alle Augen ruhen auf dem Mann aus Deutschland. Wird er die richtigen Worte finden? Wird er am Denkmal der Aufständischen niederknien, so wie einst Willy Brandt im Warschauer Ghetto?

Der Tag ist voll eindringlicher Szenen. Um Punkt 17 Uhr, der Stunde W, an dem der Aufstand vor 60 Jahren begonnen hatte, beginnt eine Sirene zu heulen. Der Kanzler geht ganz allein auf das monumentale Denkmal des Warschauer Aufstands zu. Gemessen steigt er die Stufen hinauf, zupft die schwarzrotgoldene Schleife am Kranz zurecht, verneigt sich, verharrt und für einen Moment sieht es so aus - doch er kniet nicht. Danach gerät das Protokoll in Unordnung, als der Warschauer Bischof den Kanzler kurzerhand in die gegenüberliegende Kirche entführt, wo er ihm die polnische Nationalhymne auf der Orgel vorspielen lässt.

Erst am Abend spricht Schröder zum ersten Mal zu den Polen. Und er findet die richtigen Worte. Er spricht von "polnischem Stolz" und "deutscher Schande". Er dankt den Aufständischen für ihren Heldenmut und unterstreicht die Bedeutung des Warschauer Aufstands für das freie Europa. Der Applaus am Ende dauert genau 20 Sekunden. Das ist weniger als Colin Powell bekommt, aber der ist ja auch Amerikaner.



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