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Alexander Neubacher

75 Jahre nach Kriegsende Warum Deutschland keinen "Tag der Befreiung" feiern sollte

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Eine Mehrheit der Deutschen nimmt den Begriff "Befreiung" inzwischen wörtlich: Es seien nur einige Verbrecher gewesen, die den Zweiten Weltkrieg angezettelt und die Juden ermordet haben.
aus DER SPIEGEL 19/2020
Adolf Hitler

Adolf Hitler

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A0009 dpa/ dpa

Nächsten Freitag werden wir Deutschen uns an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnern, am "Tag der Befreiung", wie der 8. Mai als Gedenktag inzwischen heißt. Befreiung? Ein seltsames Wort, wenn man bedenkt, dass es die Deutschen waren, die den Krieg angezettelt, die Nachbarn überfallen und sechs Millionen Juden ermordet haben. Normalerweise sind es die Opfer, die befreit werden, nicht die Täter.

Könnten Menschen bei "Befreiung" auf die Idee kommen, die NS-Zeit wäre eine Ära der Besatzung gewesen, eine Schreckensherrschaft böser Nazis über ein unschuldiges Volk? Die "Zeit" hat dazu jetzt eine neue Onlineumfrage veröffentlicht. Demnach spricht die Mehrheit von heute die Mehrheit von damals tatsächlich frei. "Die Masse der Deutschen hatte keine Schuld, es waren nur einige Verbrecher, die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht haben." Dieser Aussage stimmen 53 Prozent der Befragten zu.

Die Deutung des Kriegsendes als "Befreiung" geht in der Bundesrepublik auf eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1985 zurück. "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung", sagte Weizsäcker damals. "Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

"Befreiung" ist jetzt der Begriff eines Deutschlands, das sich selbst begnadigt.

Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher vor dem Fernseher saß und die Rede verfolgte. Damals hat sie mich sehr bewegt. Weizsäcker sprach ungeschönt von den vielen Toten, für die meine Großelterngeneration verantwortlich war; er räumte mit der weitverbreiteten Lüge auf, man habe vom Holocaust nichts gewusst. Im Kontext seiner Rede war "Befreiung" nicht relativierend gemeint, im Gegenteil. Auch wenn die Beschreibung der Täter eher diffus blieb: Hier stellte sich der Bundespräsident gegen die Stahlhelmer von CDU und CSU, die ihre Nazibiografien verharmlosten, verlorener deutscher Größe nachtrauerten und mit bedauerndem Unterton von "Niederlage" sprachen, wenn sie an den 8. Mai dachten.

Richard von Weizsäcker bei seiner Rede am 8. Mai 1985 im Bonner Bundestag

Richard von Weizsäcker bei seiner Rede am 8. Mai 1985 im Bonner Bundestag

Foto: Steiner/ picture-alliance/ dpa

Eine Generation später jedoch haben sich die Umstände geändert. "Befreiung" ist zum Begriff eines Deutschlands geworden, das sich selbst begnadigt.

Wenn laut Umfrage 53 Prozent nicht wissen, dass Hitler nicht per Ufo über Deutschland kam, sondern mehr als ein Drittel der Deutschen seine Partei gewählt hat, dass der Naziterror nur möglich war, weil die Mehrheit der Deutschen dabei mitmachte, dass die deutsche Wehrmacht keine Heldentruppe war, sondern schlimmste Verbrechen beging, dann müssen wir uns fragen, was falsch gelaufen ist.

Wie sollten wir den 8. Mai nennen? Es ist der Tag der Befreiung für viele Menschen und Nationen dieser Welt. Für uns ist es der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Zum Glück.

Es ist auch der Neubeginn eines Deutschlands, das alles besser und anders machen wollte. Nicht alles gelang, aber vieles schon.

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