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05. Juli 2012, 06:33 Uhr

SPD-Ministerpräsidentin Kraft

Sehnsucht nach Westen

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Hannelore Kraft gilt als bodenständig und glaubwürdig, sie ist so beliebt, weil sie so normal ist. Doch die NRW-Ministerpräsidentin ist mehr als das Gegenbild zur kühlen Machttechnokratin Angela Merkel. Ihre Popularität ist Ausdruck einer neuen West-Nostalgie.

Der Kanzlerin beliebt bekanntlich, ihre Politik als alternativlos zu deklarieren. Und lange schien es als gesichert, dass dieses dubiose Etikett, wenn schon, dann vor allem ihr als Machtperson gebührt, nachdem jedwede denkbare Konkurrenz aus den eigenen Reihen entweder von ihr selbst oder durch eigenes Versagen ausgeschaltet wurde. Doch allmählich macht sich beim Wahlvolk die Ahnung breit, dass es eine Alternative sehr wohl geben könnte, und zwar eine ganz persönliche. Denn es gibt da eine andere Frau, die immer mehr gemocht und der zugetraut wird, dass sie es kann. Schon wurde sie demoskopisch deutlich vor der Amtsinhaberin gesichtet - und vor den männlichen Rivalen in der eigenen Partei rangiert sie in der Kanzlerkandidatenfrage regelmäßig ohnehin bei den Umfragen.

Keine Frage, Hannelore Kraft, die sozialdemokratische Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, ist überaus populär, und das, obwohl sie bisher keine wirklich spektakulären politischen Leistungen vorzuweisen hat, außer, dass sie sich relativ lange mit einer Minderheitsregierung durchwurstelte und anschließend einen achtbaren rot-grünen Wahlsieg einfuhr. Die Frage ist daher, worauf sich diese Beliebtheit gründet.

Misst man das Bild, das von ihr in der Öffentlichkeit existiert, an dem, was üblicherweise heutzutage über die politische Klasse geredet wird, so ergibt sich der fast triviale Befund: Diese Frau wirkt wie ein völlig normaler Mensch.

Sie bringt alles mit, um als das leibhaftige Dementi all der negativen Urteile über "die da oben" zu erscheinen, die abgehoben in ihrer eigenen Sphäre leben mit tausend Privilegien und den Butterpreis nicht mehr kennen. Einer wie ihr meint man - anders als Frau Merkel - ohne weiteres auch in der Fußgängerzone oder am Wühltisch im Kaufhaus begegnen zu können. Und genau dort wurde die Frau Ministerpräsidentin, wie von ihr selber kolportiert wird, auch bereits gesehen, ganz ohne Bodyguards. Man glaubt sie zu kennen, auch wenn man ihr nie begegnet ist. Man nimmt ihr ab, was sie sagt.

"Frau aus der Lindenstraße"

Würde man sich das exakte weibliche Gegenbild zur kühlen, wenig kommunikativen Machttechnokratin Merkel ausmalen müssen, so käme dabei fast zwangsläufig jemand wie Frau Kraft heraus. Wenn es denn überhaupt eine deutsche Politikerin gibt, zu der einem das Wort "Mutti" einfällt, dann wäre höchstens sie es. Der direkte Vergleich macht augenfällig, wie wenig diese gängig gewordene Charakterisierung in Wahrheit zur Kanzlerin passt.

Eine wie Kraft jedenfalls braucht keine inszenierten Bürgerdialoge, um Volksnähe zu demonstrieren, weil kaum jemand bezweifelt, dass sie "eine von uns" geblieben ist, eine, die sich tatsächlich kümmert - die gute Frau von nebenan eben. Das ist es, was die Politikanalystin Gertrud Höhler mit ihrem Wort von der "Frau aus der Lindenstraße" meinte.

Für die Leute des Landes zwischen Rhein und Weser und an Rhein und Ruhr, das sie regiert, dürfte diese ungewöhnliche Normalität aber kein ganz so sensationelles Alleinstellungsmerkmal sein wie in der Wahrnehmung anderswo. Die Menschen dort sind so, sie reden, wie sie denken und umgekehrt. Und Politiker, die mit dieser Mentalität voll kompatibel sind wie etwa einst ein Johannes Rau, können es hier sehr lange sehr weit bringen. Ein bisschen wie dessen weiblicher Wiedergänger mutet Frau Kraft durchaus schon an.

Bei all dem ist NRW ja nicht irgendein Bundesland, sondern das mit Abstand bevölkerungsreichste, ist nicht nur traditionelles Herz- und Stammland der deutschen SPD, sondern in gewissem Sinn auch typisches Kernland der BRD. Was hier geschah, wirkte sich immer aus auf die gesamte Republik. Und zugleich fühlte man sich hier, tief im Westen, stets besonders weit weg vom Osten. Für Konrad Adenauer, den ersten Kanzler der Bonner Republik, begann gleich hinter der Elbe Sibirien.

Kraft reüssiert als ideelle Antagonistin der Ostdeutschen Merkel

Im wiedervereinigten Deutschland hat sich diesbezüglich vieles verschoben. Die Berliner Republik mag längst Realität sein, aber für das Bewusstsein und den Alltag vieler, beispielsweise in Gelsenkirchen oder Duisburg, dürfte sie eher ein Abstraktum geblieben sein - zumindest, soweit sie die unangenehmen Auswirkungen der Berliner Regierungspolitik nicht direkt spüren. Denn es hat sich schließlich gezeigt, dass das neue Deutschland nicht nur nördlicher, östlicher und protestantischer geworden ist, wie der ostdeutsche Intellektuelle und Politiker Richard Schröder es seinerzeit prophezeite, sondern in erster Linie auch rauer und kälter.

Womöglich erwächst hieraus ein weiteres Momentum, das dem Kraft-Faktor zusätzlichen, wenn auch eher unterschwelligen Schub verleiht: West-Nostalgie, Sehnsucht nach alter, verloren gegangener Stallwärme jener Tage, als niemand den Sozialstaat in Frage stellte und Politiker noch nicht nach Art von Controllern mit dem Rotstift hantierten. Gerade in NRW mit seinem Ruhrrevier, mit dessen speziellem Menschenschlag und der Arbeiterführerkultur und den gewerkschaftsfreundlichen Reglements wurde das Soziale stets besonders großgeschrieben. Das war sozusagen der westdeutsche Sozialstaat in einer noch einmal besonders ausgeprägten Extraausgabe.

Dies alles schwingt im Hinter- und Untergrund mit, wenn jetzt auf der politischen Bühne die Westdeutsche Hannelore Kraft als ideelle Antagonistin der Ostdeutschen Angela Merkel reüssiert. Man könnte auch sagen: Da meldete sich irgendwie die alte Bundesrepublik zurück. Es ist beinahe, als durchwehe den Beifall für die Frau aus Mülheim an der Ruhr ein später Nachhall des Mottos "Go West", doch diesmal in einer etwas anderen Intonierung als damals nach dem Mauerfall.

Krafts Kapital ist ihre Vertrauenswürdigkeit

Das muss, trotz längst entbrannter Debatten um die finanzpolitische innerdeutsche Solidarität angesichts darbender Kommunen im Westen, gesellschaftlich und politisch nicht unbedingt heikel sein. Vielleicht ist es nichts anderes als ein Stück Normalisierung und Neujustierung nach 20 Jahren, während derer vertraute regionale und soziale Gewichtungen aus der Balance gerieten. Auch innerhalb der einst geteilten Stadt Berlin gibt es solche Rückbewegungen nach jahrelanger allgemeiner Faszination von der neuen, östlich gelegenen Mitte.

Einstweilen geht es ohnedies nur um Stimmungen, nicht um Stimmen. Denn wie aus dem Gegenbild Merkels eine reale Gegnerin werden könnte, ist gegenwärtig nur schwer zu erkennen. Krafts Kapital ist ihre Vertrauenswürdigkeit. Sie würde es jedoch aufs Spiel setzen, wenn sie entgegen ihren bisherigen und gerade erst wieder bekräftigten Beteuerungen wegginge aus Düsseldorf, um als Kanzlerkandidatin in Berlin anzutreten - ein echtes Dilemma. So wird aus ihrer Stärke zugleich eine Schwäche und aus ihrer Popularität eine Falle.

Steinmeier, Steinbrück und Gabriel, den taktierenden Troikanern, mag das nur recht sein, wenn die chancenreichste Rivalin ein Problem hat.

Und der amtierenden Kanzlerin sowieso.

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