Weiterstadt Täter des letzten RAF-Anschlags identifiziert

Über die Verbrechen der dritten RAF-Generation wissen die Fahnder angeblich mehr als bislang bekannt - das behauptet der "Stern". Die Bundesanwaltschaft bestätigt, dass die beiden untergetauchten Terroristen Staub und Klette wegen des Bombenanschlags auf die JVA Weiterstadt gesucht werden.

Hamburg - In der Nacht zum 27. März 1993 steigen mehrere Terroristen mit Hilfe einer Aluminium- und einer Strickleiter über die sechs Meter hohe Außenmauer der gerade fertig gestellten Justizvollzugsanstalt im südhessischen Weiterstadt. Um kurz nach halb zwei überwältigt das "Kommando Katharina Hammerschmidt" drei Wachleute im Pförtnerhaus und sieben weitere Männer, fesselt sie in einem VW-Transporter, den sie in der Nähe der Zufahrtsstraße zum Gefängnis abstellen.

Vier Sprengsätze deponieren die Täter anschließend im Gefängniskomplex, einen weiteren in einem VW-Passat Variant in der Durchfahrt unter dem Verwaltungsgebäude. Um 5.10 Uhr explodieren die Bomben mit einem gewaltigen Knall, zerstören große Teile der JVA. Der Schaden wird auf mehr als 123 Millionen Mark geschätzt. Die gefangenen Wachmänner bleiben unverletzt, können sich wenig später befreien.

Es war der letzte Terroranschlag der Rote Armee Fraktion (RAF) vor ihrer Selbstauflösung fünf Jahre später - und er galt bislang als nicht aufgeklärt. Heute nun bestätigt die Bundesanwaltschaft einen Bericht des Magazins "Stern", wonach die untergetauchten RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub und Daniela Klette als Täter des Weiterstadt-Anschlags gesucht werden. Bislang war nur bekannt, dass das Bundeskriminalamt per Haftbefehl nach Klette und Staub wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung fahndet.

Der heute 49 Jahre alten Klette und dem 52-jährigen Staub hätten schon vor Jahren am Tatort gefundene DNA-Spuren zugeordnet werden können, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Sonja Heine heute. Dies hatte der "Stern" zuvor berichtet. Aus ermittlungstaktischen Gründen, so das Magazin, hätten die Sicherheitsbehörden die Erkenntnisse zurück gehalten - und so den Eindruck erweckt, bei keinem Attentat der sogenannten dritten Generation der RAF hätten bislang Täter ermittelt werden können. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft wird auch ein dritter der insgesamt mutmaßlich fünf Täter von Weiterstadt mit Haftbefehl gesucht. Möglicherweise handelt es sich um Burkhard Garweg, dem bislang keine Mitwirkung an konkreten Anschlägen vorgeworfen wurde.

Laut "Stern" hatten die Täter bei ihrem Eindringen in den JVA-Komplex die Sprossen der benutzten Leitern mit Teppichstücken umwickelt, um die Trittgeräusche zu dämpfen. In diesen Fetzen hätten die Ermittler demnach Haare von Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und weiteren Personen gefunden.

Daniela Klette sei zudem an einem missglückten Autobomben-Anschlag auf die Computerzentrale der Deutschen Bank in Eschborn beteiligt gewesen, berichtet das Magazin weiter. Ermittler fanden in dem zur Bombe umfunktionierten VW-Golf Haare, die ihr später zugeordnet werden konnten.

Die Sprecherin der Bundesanwaltschaft bestätigte zudem "Stern"-Informationen, nach denen den Fahndern auch DNA-Material von Tatorten weiterer Anschläge der dritten RAF-Generation vorliege, die unter anderem für die Morde an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder verantwortlich gemacht wird. Allerdings hätten die Proben nicht alle bestimmten Verdächtigen zugeordnet werden können.

Nicht äußern wollte sich Heine zu dem "Stern"-Bericht über angebliche Probleme der Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt. Das Magazin meldete, die Behörden hätten den Kreis der Verdächtigen durch ermittlungstechnische Kleinarbeit eingekreist. Beim Abgleich der genetischen Fingerabdrücke sei es aber zu Koordinationsproblemen gekommen, heißt es in dem Bericht.

Entschieden widersprach die Vertreterin der Karlsruher Ermittlungsbehörde aber dem von dem Magazin erweckten Eindruck, die Ermittler seien vor weiteren Schritten zurückgeschreckt und ließen die mutmaßlichen Täter unbehelligt. "Alles, was rechtlich möglich ist, wird und wurde getan. Von einer Zurückhaltung aus taktischen Gründen kann keine Rede sein", versicherte Heine. Klette und Straub würden seit Jahren per Haftbefehl gesucht. Ihr Aufenthaltsort sei unbekannt.

Insgesamt verübte die dritte Generation der RAF zehn Morde.

phw/anr/AP/AFP

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.