SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

08. März 2019, 12:33 Uhr

Weltfrauentag 2019

Die Hälfte der Macht gehört uns

Ein Kommentar von

Heute ist Weltfrauentag. Besser hieße er Frauenkampftag - denn dieses Wort beschreibt, was der Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau war und bis heute ist: ein Kampf.

In unserer westlichen, aufgeklärten Gesellschaft, in der die Gleichberechtigung es sogar bis ganz weit vorne ins Grundgesetz geschafft hat (Artikel 3, Absatz 2), vergisst man nur zu leicht und nur zu gern, dass der Kampf von Frauen für Gleichberechtigung bis heute andauert. Wie viele andere ist auch Deutschland ein Land, welches über Jahrhunderte hinweg patriarchal regiert, geprägt und dominiert wurde. Diese Prägung bekommt man nicht innerhalb von ein bis drei Generationen weg - egal, wie sehr sich viele Frauen und Männer auch anstrengen mögen.

Zu tief sitzen traditionelle Verhaltensmuster - bei beiden Geschlechtern. Deutschland ist (zum Glück) kein Staat, in dem Frauen nicht Autofahren dürfen, Ehegatten ihre Gattinnen per App überwachen oder weibliche Babys umgebracht werden. In Deutschland muss man schon etwas tiefer kratzen, bis unter dem Lack der scheinbaren Gleichberechtigung des Patriarchat wieder sichtbar wird.

Aber hat man es einmal getan, kann man (beziehungsweise: frau) nicht mehr wegschauen. Zu deutlich sind dann die Strukturen: Sei es, dass Menschen mit Gebärmutter in Deutschland immer noch nicht frei darüber entscheiden dürfen, ob sie ein Kind austragen wollen oder nicht, oder dass Erziehungszeiten bis heute nicht so auf die Rente angerechnet werden wie Arbeitszeiten, oder dass Väter nach der Geburt eines Kindes eher mehr arbeiten als weniger, weil sie immer noch in die ewiggleiche Rolle des Familienernährers gedrängt werden. Diese Aufzählung der Ungerechtigkeiten ist höchst unvollständig, aber wir haben hier ja nicht unbegrenzt Platz.

Ein dummer Tweet? Deutsche Realität!

Pikanterweise kann man die andauernde Ungleichheit gerade in der Zeit um den Weltfrauentag am 8. März besonders gut erkennen. Denn in dieser Woche erinnern sich plötzlich viele Unternehmen daran, dass Frauen über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen und darum auch eine Zielgruppe sind. Und dann kommt so etwas zustande:

Man kann sich jetzt über den Tweet, das Foto und überhaupt den Ansatz der Firma lustig machen oder sich fragen, wie zur Hölle eine PR-Agentur überhaupt auf so eine Idee kommen kann - oder man schaut sich den übergeordneten Kontext an. Und der ist folgender: Selbstverständlich ist so ein Tweet furchtbar dumm, aber er spiegelt die Realität in Deutschlands Führungsetagen wider.

Noch immer sitzen dort nämlich so unfassbar viele Männer, dass die Gleichförmigkeit kaum auszuhalten ist. Diversität in Deutschland bedeutet allzu oft, dass einer von sechs heterosexuellen Männern auf einem Bild einen blauen Merinopullover trägt anstelle eines grauen. Die Herren bleiben eben immer noch gern unter sich. Egal, ob es nun im Bundesheimatministerium, bei Zalando oder eben bei Engel & Völkers ist.

Und doch muss man anerkennen: Unsere Gesellschaft bewegt sich doch. Viel langsamer zwar, als die Geduld vieler Frauen ausreicht. Aber trotzdem: Endlich bleibt so etwas wie ein Tweet, in dem lauter Männer in Ermangelung von Frauen in Führungspositionen über angebliche weibliche Vorbilder sprechen müssen, nicht mehr unbemerkt oder unwidersprochen. Es regt sich Protest. Und zwar von Männern und Frauen, die nicht mehr bereit sind, die Ungerechtigkeiten in unserem Land stillschweigend hinzunehmen. So werden unglückliche Tweets wie der oben genannte auf einmal zum Gegenstand der Debatte, ebenso wie Karnevalsreden, in denen Doppelnamenträgerinnen oder Intersexuelle mit pseudolustigen Witzen bedacht werden. Und wir haben im Jahr 2019 tatsächlich so etwas wie eine neue Abtreibungsbewegung, die selbstbewusst von den Titelseiten der Magazine blickt und endlich in die Talkshows dieses Landes eingeladen wird. Modeblogger*innen stehen Seite an Seite mit den Feminist*innen der Siebzigerjahre, endlich wird gesprochen über Traumata, Bevormundung und eben auch über das Patriarchat.

Das kann man beängstigend oder unethisch finden, wie im Falle von Abtreibungen, oder lächerlich und spießig, wie im Falle von Karnevalszoten, oder kleinlich wie im Falle von entlarvenden Tweets - aber es zeigt, dass der Kampf der letzten Jahrzehnte (wenn man es genau nimmt, sogar der letzten Jahrhunderte) nicht folgenlos geblieben ist. Mutige Frauen, Männer und Diverse haben es geschafft, dass die traditionellen Rollenbilder mehr denn je infrage gestellt werden.

Sind unlustige Witzchen oder das Absprechen von freien Entscheidungen am Ende so etwas wie das letzte Aufbäumen des Patriarchats? Dafür muss noch vieles dringend neu verhandelt werden, egal, ob es nun um unseren Umgang mit Minderheiten geht, die Rollenbilder von Mann und Frau, die Emanzipation unserer Sprache oder darum, was witzig ist und was nicht. Kurzum: Es gibt noch viel zu tun.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung