Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Schlacht, Sieg, Verantwortung

Für die Deutschen ist Fußball kein Spiel, sondern nationaler Gründungsmythos. Und jetzt? Erst gehört uns der Rasen, dann der Rest der Welt? Die Meister aus Deutschland sollten ihr neues Selbstbewusstsein behutsam einsetzen.

Fußball ist kein Spiel mehr. Im Stadion werden epische Schlachten geschlagen. Aus Spielern werden Helden. Die neuen Helden der Deutschen. "Fack ju göhte" heißt ein erfolgreicher Film, und die Leute lachen sich kaputt. "Fack ju, Schweinsteiger" wäre an der Kasse ein Flop. Was ist der Dichterfürst gegen den Fußballkönig? Dreier- und Viererketten statt Dichter und Denker. 2006, 2010, 2014 - beim Fußball haben sich die Deutschen neu erfunden. Beim Fußball wurde das Feuer entfacht, in dem der Stahl eines neuen Nationalbewusstseins gehärtet wurde - so muss man das wohl inzwischen nennen. Auf dem Rasen haben die Deutschen zu sich selbst gefunden. Aber was fangen sie jetzt mit sich an?

Von wegen postheroisches Zeitalter. Die Fußballübertagung eines Meisterschaftsspiels widerlegt die These vom Ende der Heldenverehrung. Ein solches Fußballspiel ist eine historische Schlacht. Rio, das war wie Königgrätz, und Mario Götze ist plötzlich aufgetaucht, wie weiland die Dritte Heeresgruppe, um das Kriegsglück für die Deutschen zu wenden.

Die TV-Übertragung tut ein Übriges: Grotesk verdrehte Männerkörper fliegen durch die Luft, als wäre eine Mörsergranate neben ihnen eingeschlagen, wie bei Sam Peckinpah, sie prallen aufeinander, stürzen mit schmerzverzerrten Gesichtern zu Boden. Blutend geht Bastian Schweinsteiger vom Platz. Aber es hält ihn nicht an der Seitenlinie. Er muss zurück zu seinen Kameraden an die Fußballfront. 35 Millionen Deutsche sehen eine sportliche Version von "Steiner - Das Eiserne Kreuz", und der Moderator sagt: "So tief kommen wir gar nicht runter, wie wir uns vor Bastian Schweinsteiger heute verneigen müssen."

Die Wirkung auf Volk und Nation kann man nur noch kolossal nennen. Fußball ist für die Deutschen zum neuen Gründungsmythos geworden. Der neue SPIEGEL entzückt sich über die Fußballdeutschen: "Bis 2006 nahmen sie sich vor allem als vergrübelte Nation wahr. Aber dann feierten sie im eigenen Land ein fröhliches WM-Fest. Bis 2010 nahmen sie sich vor allem als schwerfällige Nation wahr, was sich auch im Fußball spiegelte. Aber dann spielte die deutsche Mannschaft bei der WM in Südafrika zeitweise mit stürmischer Fohlenhaftigkeit. Deutschland bescherte der Welt Stunden der Schönheit, und die Welt wunderte und freute sich über diese Deutschen." Man sieht schon: Es geht um viel mehr als um Tore.

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Deutschland gegen Argentinien: Götze schießt die DFB-Elf zum Titel

Foto: Matthias Hangst/ Getty Images

Deutschland braucht ein größeres Herz

Es ist kein Zufall, dass wir ausgerechnet jetzt einen Bundespräsidenten haben, der uns ermahnt, "dass unser Land eine Zurückhaltung, die in vergangenen Jahrzehnten geboten war, vielleicht ablegen sollte zugunsten einer größeren Wahrnehmung von Verantwortung".

Gaucks dauernde Reden von der früheren deutschen Zurückhaltung und dem heute notwendigen Engagement löste eine Debatte aus, an der man vor allem eines sehen konnte: Wir lernen nichts aus der Geschichte - nicht einmal, dass wir nichts aus ihr lernen. Es geht nämlich gar nicht um die Gespenster der Vergangenheit. Die der Gegenwart genügen vollkommen. Dirk Kurbjuweit hat neulich im SPIEGEL geschrieben, wir lebten nicht mehr im Deutschen Reich und die Befehlshaber der deutschen Armee hießen nicht Ludendorff oder Hitler, sondern von der Leyen oder Merkel. Aber damit ist nur gesagt, dass wir nicht die Fehler von früher machen werden - sondern die von heute. Von der Leyen folgt den USA und bestellt Drohnen für die Bundeswehr: eine der schlimmsten Waffen des modernen Krieges, die das gefahrlose Töten aus der Ferne erlaubt.

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber das allein ist keine Beruhigung. Die Deutschen sind Weltmeister. Die Wellen der Selbstbegeisterung werden hochschlagen. Wo werden sie ihren Scheitelpunkt erreichen? Was werden die Meister aus Deutschland mit ihrem neuen Selbstbewusstsein anfangen?

Sie sollten das Wort ihres Präsidenten ernst nehmen: Verantwortung. Aber was es umfasst und wo es endet, ist noch nicht klar. Die Debatte hat erst begonnen. Deutschland könnte aber schon jetzt mit der Verantwortung beginnen. Im Mittelmeer zeigen, wo die Menschen ertrinken. An den Grenzen Syriens, wo sie in Lagern ausharren. In den deutschen Abschiebehaftanstalten, wo sie darauf warten, zurückgeschickt zu werden in Länder wie Bulgarien oder Rumänien, in denen sie nur Brutalität und Hass erwartet.

Deutschland könnte endlich jene verheerende Änderung des Grundgesetzes rückgängig machen, die im Jahr 1993 aus dem einfachen Satz "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht" das gemacht hat, was Navid Kermani im Bundestag zu Recht eine "monströse Verordnung" genannt hat, die nur eines verbergen sollte: Das Grundrecht auf Asyl wurde praktisch abgeschafft.

Für diese Art von Verantwortung braucht Deutschland nicht die Drohnen, die von der Leyen bestellt hat, und auch sonst keine Waffen, von denen Gauck neulich sprach. Ein größeres Herz würde reichen. Vielleicht so groß wie ein Fußball.

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