Gerangel um Kabinettsposten Minister ade, Minister in spe

Schwarz-Gelb oder Große Koalition? Auf diese Frage läuft es bei der Bundestagswahl wohl hinaus. In beiden Fällen bliebe Angela Merkel Kanzlerin. Doch wer sitzt mit ihr am Kabinettstisch? Der Kampf um die Ministerposten hat schon begonnen.
Merkel auf der Regierungsbank (im Oktober 2009): Neue Kollegen für die Kanzlerin?

Merkel auf der Regierungsbank (im Oktober 2009): Neue Kollegen für die Kanzlerin?

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Berlin - Die Tagesordnung täuschte Regierungsroutine vor. Als das Bundeskabinett an diesem Mittwochmorgen zusammenkam, befasste man sich mit dem Jahresbericht zum Kinderschutz im Internet und brachte ein paar Mindestlohn-Verordnungen auf den Weg. Doch die Sitzung war eine besondere: Angela Merkel und ihre 15 Ressortchefs trafen sich oben im sechsten Stock des Kanzleramts zum letzten Mal vor der Bundestagswahl.

Der Runde war bewusst: Für einige aus Merkels Mannschaft neigt sich die schöne Zeit am Kabinettstisch dem Ende zu - völlig unabhängig davon, ob es nach dem 22. September mit Schwarz-Gelb weitergeht oder sich Union und SPD zur ungeliebten Großen Koalition zusammenraufen müssen. Angela Merkel bliebe in beiden Fällen Regierungschefin, so viel steht fest. Aber wer regiert mit ihr das Land? Natürlich hört man jetzt oft den Spruch vom Bären, dessen Fell erst verteilt werden dürfe, wenn er erlegt sei. Doch hinter den Kulissen hat das Ringen um die Posten in einer neuen Regierung längst begonnen.

SPIEGEL ONLINE blickt nach vorn: Wer bleibt, wer muss gehen, wer zittert um seinen Job, wer könnte überraschend aufsteigen?

Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen

Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Wolfgang Schäuble, 71, und Ursula von der Leyen, 54 (beide CDU), sind gesetzt, egal in welcher Konstellation. Schäuble hat seine gesundheitlichen Probleme in der Legislaturperiode überwunden und will Finanzminister bleiben. Von der Leyen scheint einstweilen zufrieden als Arbeitsministerin, die regelmäßig gute Neuigkeiten vom Arbeitsmarkt verkünden und über den größten Etat des Kabinetts verfügen kann. Die ambitionierte CDU-Vizechefin würde sich aber auch jedes andere Ressort von Gewicht zutrauen - zum Beispiel das Außenministerium in einer Großen Koalition.


Peter Altmaier (links), Ronald Pofalla

Peter Altmaier (links), Ronald Pofalla

Foto: Tim Brakemeier/ picture alliance / dpa

Umweltminister Peter Altmaier (CDU), 55, will die stockende Energiewende vorantreiben. Im Falle einer schwarz-gelben Neuauflage sollte ihm das garantiert sein, aber auch in einer Regierung mit der SPD hätte er gute Karten. Es sei denn, Merkel braucht ihren Vertrauten als Kanzleramtschef, weil Ronald Pofalla (CDU), 54, einen anderen Posten anstrebt, nachdem er in der NSA-Affäre den Kopf hinhalten musste. Pofalla wäre gern Arbeitsminister, doch dort sitzt Ursula von der Leyen. Pofallas Job in der Regierungszentrale könnte auch Hermann Gröhe, 52, übernehmen, bisher CDU-Generalsekretär.


Kristina Schröder, Thomas de Maizière

Kristina Schröder, Thomas de Maizière

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), 59, würde auch gern weitermachen und die Bundeswehrreform durchsetzen. Das Debakel um die "Euro Hawk"-Drohne hat kräftig am Saubermann-Image gekratzt, doch Merkel hält zu ihm. Schwer vorstellbar, dass sie ihn nach der Wahl fallen lässt. Johanna Wanka, 62, ist erst seit gut acht Monaten Bildungsministerin, zumindest in einem Bündnis mit der FDP dürfte sie dies auch bleiben. Anders sieht es bei Kristina Schröder (CDU), 36, aus. Die Familienministerin, so wird seit längerem geunkt, soll sich freiwillig zurückziehen wollen. Wirkliche Anerkennung konnte sie sich - trotz Unterstützung der Kanzlerin - nie erarbeiten.


Alexander Dobrindt (Mitte), Dorothee Bär (rechts)

Alexander Dobrindt (Mitte), Dorothee Bär (rechts)

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

Schröders Job könnte in einer neuen schwarz-gelben Koalition die CSU-Politikerin Dorothee Bär, 35, übernehmen. Als Ersatz für Agrar- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, 48, die das Kabinett in Richtung Bayern verlässt, wird CSU-Chef Horst Seehofer wieder eine Frau in Merkels Ministertruppe installieren wollen. In diesem Zusammenhang fällt gelegentlich auch der Name der Tourismusexpertin Marlene Mortler, 47. Auch CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, 43, kann sich Hoffnungen auf einen Karrieresprung machen - als Belohnung für den erfolgreichen Wahlkampf in Bayern.

Peter Ramsauer (links), Hans-Peter Friedrich

Peter Ramsauer (links), Hans-Peter Friedrich

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa


Für Dobrindt müsste dann aber einer der CSU-Männer im Kabinett weichen. Denn auch nach Rückeroberung der absoluten Mehrheit in der Heimat wird Parteichef Seehofer nur drei Posten in Berlin beanspruchen können. Opfert er also Verkehrsminister Peter Ramsauer, 59, oder Innenminister Hans-Peter Friedrich, 56? Beide sind dem Vorsitzenden in München in herzlicher Abneigung verbunden, beide gelten nicht gerade als tragende Säulen des Kabinetts in Berlin. Als schwarzer Sheriff wäre Dobrindt sicher tauglich, weswegen es für Friedrich eng werden könnte. Zwar hat Seehofer ihm jüngst öffentlich eine Jobgarantie für den Fall eines schwarz-gelben Wahlsiegs gegeben - aber es ist ja nicht so, als habe der CSU-Chef noch nie eine Position geräumt.


Eng wird es auch für die FDP-Minister. Kommt es zur Großen Koalition, heißt es: Schreibtisch räumen. Aber selbst wenn es wieder für ein Bündnis mit der Union reicht, werden die Liberalen wahrscheinlich nicht annähernd so stark wie 2009. Folge: Stellenabbau im Kabinett. Als Ersten würde es Entwicklungsminister Dirk Niebel, 50, treffen. Er hat in der Partei wegen seiner Angriffe gegen Philipp Rösler kaum noch Rückhalt. Aber auch der Job von Gesundheitsminister Daniel Bahr, 36, stünde wohl zur Disposition. Muss er gehen, könnte ein junger Kollege aus der CDU Ambitionen hegen: Gesundheitsexperte Jens Spahn, 33.

Guido Westerwelle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Guido Westerwelle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Foto: AP


Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 62, steht nach der Schlappe in Bayern zwar in der Kritik, wäre als prominenteste FDP-Frau und Vertreterin des Bürgerrechts-Flügels als Justizministerin aber kaum zu ersetzen - sollte für sie in einem möglichen schwarz-gelben Kabinett rein rechnerisch noch Platz sein. Weitermachen dürfte im Falle eines Wahlsiegs Guido Westerwelle, 51. Der frühere FDP-Chef will Außenminister bleiben. Die erste Auslandsreise ist übrigens schon gebucht. Am Montag nach der Wahl geht es zur Uno nach New York - ganz gleich, wie es am 22. September ausgeht.


Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel

Foto: Christian Charisius/ dpa

Darüber hinaus wäre eine Rochade zwischen Philipp Rösler, 40, und Rainer Brüderle, 68, vorstellbar. FDP-Chef Rösler, derzeit Vizekanzler und Wirtschaftsminister, könnte für Brüderle an die Spitze der Fraktion wechseln, der Routinier dafür zurück ins Kabinett. Im Zusammenhang mit Brüderle werden auch andere Ressorts genannt, etwa Verkehr oder Landwirtschaft. Womöglich bleibt aber auch alles, wie es ist.


Nichts bleibt, wie es ist, wenn künftig wieder die SPD gemeinsam mit der Union regiert. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat zwar schon klargestellt, dass er unter Merkel nicht noch einmal Minister werden will. Andere Genossen sind weniger zimperlich. Sigmar Gabriel, 54, zum Beispiel. Sollte das SPD-Ergebnis ordentlich ausfallen und er sich als Parteichef halten können, wird Gabriel Vizekanzler werden wollen. Fragt sich nur, welches Ressort er übernimmt. Außenminister? Diplomatisches Auftreten im Ausland verträgt sich schlecht mit innenpolitischer Profilierung. Zudem läuft er Gefahr, stets im Schatten Merkels zu stehen, auch international. Gut möglich, dass Gabriel sich mehr Gewicht wünscht - vielleicht als Arbeitsminister? Oder Chef eines neuen Energieministeriums?


Hoffnungen auf ein Ministeramt könnten sich in einer Großen Koalition die SPD-Frauen Brigitte Zypries, 59, und Manuela Schwesig, 39, machen. Beide gehören aktuell zum Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten. Zypries war schon unter Gerhard Schröder und Angela Merkel Justizministerin, für Steinbrück verkörpert sie den Verbraucherschutz. Schwesig, derzeit Arbeitsministerin in Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende SPD-Vorsitzende, käme für die Ressorts Familie oder Bildung in Frage.

Thomas Oppermann (Mitte), Andrea Nahles (rechts)

Thomas Oppermann (Mitte), Andrea Nahles (rechts)

Foto: Gero Breloer/ ASSOCIATED PRESS


Ganz oben auf der Anwärterliste stünde auch Thomas Oppermann, 59, zurzeit höchst umtriebiger Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Die Innen- und Rechtspolitik sind Oppermanns Steckenpferde. Fraglich ist allerdings, ob die Union der SPD in einer Koalition das Innenressort überlässt, traditionell ein Feld von CDU und CSU. Bliebe das Justizministerium. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, 43, wiederum könnte auf das Arbeitsministerium schielen, das die Sozialdemokraten beanspruchen dürften. Auch das Gesundheitsressort könnte ihr liegen.


An Ehrgeiz mangelt es auch Matthias Machnig, 53, nicht. Machnig half einst, Gerhard Schröder zum Kanzler zu machen, war unter Sigmar Gabriel Staatssekretär im Umweltministerium, heute ist er Wirtschaftsminister in Thüringen. In Steinbrücks Kompetenzteam ist er für die Energie- und Umweltpolitik zuständig, ein Feld, das er sich auch im Bundeskabinett zutrauen würde. Diesen Posten würde aber auch CDU-Mann Peter Altmaier gerne behalten. Das Wirtschaftsministerium wäre für Machnig eine Alternative. Allerdings steht er derzeit wegen umstrittener Doppel-Alimentationen unter Druck.

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