Wer regiert Berlin Gysi in der Diepgen-Falle

Beharrlich zögert Gregor Gysi die Entscheidung hinaus, ob er als PDS-Spitzenkandidat antritt, und verunsichert seine eigene Partei. Er liebäugelt immer noch mit einer Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters und geht damit einer CDU-Strategie auf den Leim.

Von Holger Kulick


Ein Zugpferd als Last? Gregor Gysi
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Ein Zugpferd als Last? Gregor Gysi

Berlin - Erst sollte Gregor Gysis Entscheidung bis Mitte dieser Woche fallen, dann am kommenden Freitag auf einem Sonderparteitag seiner Partei. Jetzt will die PDS-Ikone möglicherweise erst am Wochenende bekennen, was sie wirklich will. Selbst den Spitzenvertretern seiner eigenen Partei wusste Gysi am Montag Abend keine Entscheidung mitzuteilen, was mittlerweile auch Parteigenossen verstimmt. Das Dilemma: Einerseits will die Partei Gysi nicht als "Mobilisator" verlieren, andererseits will sie nicht schon wieder in seinem Schatten stehen.

Denn in Berlin ist jetzt wieder statt von einer emanzipierten PDS nur von der "Gysi-Partei" die Rede. "Gysi und sein Trupp", so hieß es einmal auf einem Wahlplakat der PDS, und das scheint sich jetzt zu wiederholen. Dabei ist dies ein Etikett, von dem sich die PDS befreien wollte. Doch seitdem Umfragen und Medien Gysi wieder zum Shooting-Star erkoren und auf den potenziellen Siegerschild gehoben haben, gerät der Kandidat ganz offensichtlich in Versuchung, nach einem Job zu greifen, den er eigentlich nie richtig wollte. Denn realistisch winkt ihm allenfalls ein Senatorenposten, maximal die Stellvertreterposition neben einem Regierenden Bürgermeister Wowereit von der SPD.

Auch Bisky macht Gysi Mut

Doch sogar der ehemalige PDS-Vorsitzende Lothar Bisky drängte den PDS-Ziehvater heute, nach Höherem zu streben. Gysi sollte nach Auffassung des Potsdamer PDS-Fraktionschefs unbedingt selbst als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters antreten. Das wäre gut für Gysi und für die Stadt, sagte Bisky am Dienstag in Potsdam und schrieb der Beteiligung der SED-Nachfolgepartei an der Regierung Signalwirkung für ganz Deutschland zu: "In Berlin wird auch die Bundesperspektive entschieden."

Taktischer Schachzug der CDU

Doch mit solchen Appellen geht die PDS einer geschickten CDU-Strategie auf den Leim, die das Oppositionsbündnis gegen Eberhard Diepgen clever aufbrechen soll. Nicht von ungefähr hatte am Montag Berlins stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender Alexander Kaczmarek einen Köder ausgeworfen, den die PDS prompt geschluckt hat.

CDU-Stratege Kaczmarek schlug vor, Berlins Verfassung zu ändern und die Direktwahl eines Regierenden Bürgermeisters einzuführen. Für einen angesehenen PDS-Mann wie Gysi wäre dies die einzige Chance, möglicherweise selbst Regierungschef zu werden - sofern seine Gegenkandidaten von CDU und SPD weniger populär bleiben als er. Das ist gegenwärtig noch der Fall. Prompt unterstützten PDS-Chefin Zimmer und die Berliner PDS-Vorsitzende Pau die Idee. "Ich vermute, dass ihm dann die Entscheidung leichter fallen würde", sagte Gabi Zimmer gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Doch damit würde zugleich der potenzielle Partner SPD aus seiner gegenwärtigen Führungsrolle des Oppositionsbündnisses gegen die CDU hinausmanövriert und dürfte seine Aufgeschlossenheit gegenüber der PDS wieder verlieren. Und am Ende hätte möglicherweise ein CDU-Mann doch wieder mehr Stimmen als jeder der übrigen Kandidaten aus der Linken. Denn zu Gunsten Gysis auf einen eigenen Spitzenkandidaten zu verzichten, das wäre unvorstellbar für die SPD.

Teil 2: Wer regiert Berlin: PDS-Vorsitzende noch unentschieden



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