Werbetrick mit Stoiber-Tick Die mysteriöse Anzeige gegen den Äh-Kandidaten

Eine ganzseitige Anzeige in der "Süddeutschen Zeitung", in der "FAZ" und in der "Welt": Gesucht wird ein Kanzler. Voraussetzungen: vier Jahre Berufserfahrung in dieser Position, Vermeidung des Wortes "äh". Für die Aktion zeichnet die "Initiative Mittelstand" verantwortlich. Doch die ist frei erfunden.

Von Alexander Schwabe


Anzeige in überregionalen Blättern
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Anzeige in überregionalen Blättern

Hamburg - "Ausschreibung für die Legislaturperiode 2002-2006", ist die ganzseitige Annonce im politischen Teil der "Süddeutschen" auf Seite acht, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf Seite zehn und im Finanzteil der "Welt" auf Seite 19 überschrieben, gehalten in Form einer Stellenanzeige. Der künftige Arbeitgeber stellt sich vor: erfolgreiches Unternehmen, weltwirtschaftlich verflochten, Marktführer in Europa usw.

In großen schwarzen Lettern prangt quer über die ganze Seite, welcher Job zu vergeben ist: Kanzler/Kanzlerin. Darunter werden die Voraussetzungen genannt, die der Bewerber mitbringen sollte: vier Jahre Berufserfahrung in dieser Position, sympathisches, sicheres Auftreten, internationale Erfahrung und Krisenfestigkeit, Reformfreudigkeit, Unternehmergeist (zielgerichtet, aber konsensfähig) - und als sechster Punkt: rhetorische Sicherheit, Vermeidung des Wortes "äh".

Weiter heißt es, gesucht sei eine "ausgewiesene Führungspersönlichkeit, die auch ohne ein überaltertes Kompetenzteam zukunftsfähige Entscheidungen treffen" könne. "Bewerbungen sind bis zum 22.09.2002, 18.00 Uhr, bei allen Wahlberechtigten abzugeben", schließt der Text.

Verantwortlich für die Anzeige zeichnet die "Initiative Mittelstand", stellvertretend dafür ein gewisser Leif Tom Loose, wohnhaft in Hamburg. Nach eigenen Angaben war Loose von "einer Person" angefragt worden, diese Art der Schröder-Werbung anzuleiern. Daraufhin gab er sie bei einer Hamburger Werbeagentur in Auftrag.

Die clever gemachte Annonce hat einen Haken: Die "Initiative Mittelstand" gibt es als Verband oder als Vereinigung gar nicht. Es wird lediglich suggeriert, der Mittelstand stehe hinter dem amtierenden Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und nicht hinter dem Herausforderer Edmund Stoiber (CSU), der bekanntermaßen die Stärkung des Mittelstandes zu einem zentralen Wahlversprechen gemacht hat. "Wir haben uns den Namen so ausgedacht", sagt PR-Agent Loose, der Mittelstand jedenfalls stecke nicht dahinter.

Wer aber wirklich hinter der Initiative steckt, wer bereit ist, große Summen in einen Wahlsieg Schröders zu investieren, will Loose nicht sagen. "Ich darf den Auftraggeber nicht nennen", sagt er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Nur so viel: Es handele sich auch um keine Partei.

Bei der "Süddeutschen Zeitung", die für eine ganzseitige Anzeige in Schwarz-Weiß rund 35.000 Euro nimmt, ist nichts herauszubekommen. Man sei gegenüber Anzeigenkunden zum Schweigen verpflichtet, urheberrechtlich sei die Schalte unbedenklich. Anzeigen mit politischem Inhalt werden laut Pressesprecher Sebastian Lehmann sowohl von der Anzeigen- als auch von der Rechtsabteilung und der Chefredaktion geprüft. Dass die Zeitung per Anzeige eine irreführende Botschaft transportiert - daran nahm offenbar niemand Anstoß.

Im "Handelsblatt" ist ebenfalls eine ganzseitige Anzeige unter der Kennung "Initiative Mittelstand", Leif Tom Loose geschaltet. Unter dem Titel "Auf Zickzack-Kurs ins Kanzleramt?" ist ein Feldhase zu sehen, darunter die Frage: "Kann Deutschland einen Kandidaten wählen, der nicht weiß, was er will?"

1998 hatte der damals 38-jährige Unternehmer Carsten Maschmeyer Schröder unterstützt. Wie er später zugab, schaltete der Chef des Allgemeinen Wirtschaftsdienstes (AWD) in Hannover am Tag vor der Niedersachsenwahl eine von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt gestaltete Anzeige in niedersächsischen Zeitungen: "Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein". Niedersachsens unterlegener CDU-Chef Christian Wulff und der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) zeigten sich am Tag nach der Wahlniederlage empört über die anonyme doppelseitige Zeitungsannonce.

Maschmeyer räumte später ein, er habe 650.000 Mark in die Anzeigenkampagne gesteckt. Mit der jetzigen Anzeigenserie in den überregionalen Zeitungen will Maschmeyer nichts zu tun haben. Über seinen Pressesprecher Folkart Mindermann lässt er dementieren, von den Anzeigen gewusst zu haben.



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