Westerwelle als Kanzlerkandidat "Mit der Spaßnummer muss nun Schluss sein"

Die Parteitagsrede gab bereits einen ersten Vorgeschmack auf die neue Rolle, die Guido Westerwelle zukünftig als Kanzlerkandidat der FDP einnehmen soll. Seine Parteifreunde haben mit ihrer Unterstützung für die Kandidatur eine klare Forderung verbunden: Mit der Spaß-Guerrilla der Vergangenheit soll Schluss sein.

Von , Mannheim


Gefeierter Westerwelle: Spagat zwischen Spaßpolitiker und Staatsmann in spe
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Gefeierter Westerwelle: Spagat zwischen Spaßpolitiker und Staatsmann in spe

Mannheim - Dass Guido Westerwelle seine Anzüge und Krawatten sehr bewusst auswählt, ist bekannt. Seit langem kleidet er sich stets modisch und gewann dafür schon diverse Preise von Zeitschriften dafür. Auch am Sonntag hatte der jetzt offiziell gekürte Kanzlerkandidat der FDP seine Kleidung genau bedacht: Einreihiger dunkler Anzug, hellblaues Hemd mit herunter geknöpftem Kragen und der für Liberale fast obligatorische gelb-blaue Schlips. Westerwelle also ganz als Staatsmann gedresst - seriös und gelassen. Nur die gelb-blaue "18" am Revers störte da etwas.

"Nichts mehr ist, wie es mal war" - dieser bedeutungsschwangere Satz war am Wochenende beim Parteitag der FDP in Mannheim oft zu hören. Für die meisten Liberalen war damit der plötzliche Erfolg der ehemalig kleinen Partei gemeint, die sich zumindest im Geiste anschickt, wieder in der ersten Bundesliga mitspielen zu wollen. Doch für diejenigen in der oberen Etage der FDP, die sich lange gegen die Kanzlerkandidatur Westerwelles gewehrt hatten, hat der Satz eine weitere Bedeutung. "Nach der Wahl wird sich auch bei Guido Westerwelle einiges ändern müssen, und das haben wir auch vereinbart", sagte beispielsweise das Vorstandsmitglied Helmut Haussmann schon vor der Wahl am Sonntag.

Ein anderes Format

Der altgediente Liberale ist mit seiner Meinung nicht allein. Schon am Samstag machte ein Interview des ehemaligen Bundesministers Otto Graf Lambsdorff im Tagungssaal die Runde. Darin mahnte der Alt-Liberale an, dass mit der Kandidatur auch eine Wende in Westerwelles Stil kommen müsse. "Von einem Kanzlerkandidaten wird Kanzler-Format erwartet. Ein Kanzlerkandidat Westerwelle wird sich anders darstellen müssen als der jugendliche, unbekümmerte, forsche Vorsitzende einer Oppositionspartei", forderte Lambsdorff. Nach Aussagen von Vorstandsmitgliedern soll er das bereits am vergangenen Donnerstag vor den versammelten Parteistrategen gesagt haben. Für seinen Redebeitrag habe er Applaus von allen geerntet.

Ähnlich äußerte sich auch der stellvertretende Parteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt. Diplomatisch wie eh und je sagte er, dass Westerwelle seine "neue Verantwortung" kenne und die FDP nicht enttäuschen werde. Vorstandsmitglied Rainer Brüderle wurde deutlicher. "Mit der Spaßnummer muss nun Schluss sein und das haben wir im Vorstand auch beschlossen", wetterte der Liberale, der unter Westerwelle nicht mehr nur heimlich von einem Ministeramt in einer zukünftigen Regierung träumt. Seit der ersten Idee von der Kanzlerkandidatur, den 18 Prozent als Traumergebnis und dem Verzicht auf eine klare Koalitionsaussage hatten Gerhardt, Haussmann und auch Brüderle immer gegen die Revolution innerhalb der FDP gewettert, die unter der Regie von Jürgen Möllemann entwickelt wurde und die Westerwelle nun realisiert.

Gegner werden genau hinsehen

Scheinbar ist diese Front der Gegner mit dem Parteitag in Mannheim gefallen. Doch die ganz bewusst platzierten Äußerungen verdeutlichen, dass der Vorstand der FDP die Augen aufhalten wird. Guido Westerwelle wird seine Taktik zumindest modifizieren müssen. In Zukunft werden seine Parteifreunde nicht mehr alles dulden, was ein Generalsekretär Westerwelle noch mit dem Argument seiner persönlichen Freiheit durchdrücken konnte. Gegen diese Front wird Westerwelle nicht anrennen wollen, da er die für die FDP ungewöhnliche Geschlossenheit für einen erfolgreichen Wahlkampf braucht.

Ein erster Vorgeschmack des neuen Guido Westerwelles war heute bereits zu beobachten. Zwar streifte Westerwelle in seiner Antrittsrede wie üblich alle Bereiche, die er für FDP-Themen hält, ohne dabei konkret zu werden. Doch schon die fehlenden griffigen Formulierungen, für die er sonst bekannt war und die vielen oft einen Tick zu flapsig waren, fehlten in der Rede. Während seine Reden auf vergangenen Parteitagen von Alliterationen und konstruierten Metaphern nur so wimmelten, gab er sich diesmal streckenweise fast staatstragend mit einer stringenten Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft und nachdenklichen Passagen zum Konflikt im Nahen Osten.

Kritik am Wohnmobil

Doch Westerwelle gab den Gegnern in den eigenen Reihen nicht nur Zucker. "Ich werde den Wahlkampf mitten im Volk führen", rief er den Delegierten im Rosengarten-Center entgegen. Was das bedeutet, konnten die Liberalen und alle Mannheimer vor der Halle sehen. Drei Tage lang stand dort das knallgelbe "Guidomobil", mit dem Westerwelle in den kommenden Monaten durch die Republik touren will.

Für viele Parteifreunde ist dieses Mobil ein Teil des Guido Westerwelle, das ihrem Kanzlerkandidaten nicht angemessen ist. "Mit einem Wohnmobil touren Zigeuner durch die Lande, aber kein Liberaler, der schon bald in Berlin regieren will", wetterte ein Vorstandsmitglied auf dem Parteitag. Mit seinem Namen wollte er jedoch nicht mit dieser Meinung stehen, denn auch er weiß, dass es nur mit Westerwelles Sympathie eine Chance auf einen der begehrten Posten in Partei und Regierung gibt.

Der frisch gekürte Kanzlerkandidat wird sich nach dem Erfolg in Mannheim genau überlegen müssen, wie er weiter vorgeht. Auftritte wie in der Vergangenheit, wo der Politiker fast zwanghaft jugendlich im "Big Brother"-Container zu Gast war, beim Karneval für Gelächter sorgte oder sich die symbolhafte 18 unter die Schuhe klebte, sind dann keine Privatangelegenheit mehr.



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