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Westerwelle in Australien: Mehr Nähe, mehr Nasen

Foto: Thomas Imo/ dpa

Westerwelle in Ozeanien Der Miles-and-More-Minister

Guido Westerwelle ist weg - nur keiner hat davon etwas mitbekommen. Der Außenminister weilt in Asien und Ozeanien, besuchte auch die Traumregion vieler Bundesbürger: Australien und Neuseeland. Der Eindruck einer Vergnügungsreise sollte aber auf jeden Fall vermieden werden.

Hamburg - Hurra, Amtsgeschäfte am anderen Ende der Welt! Es gibt schlimmere Trips: Seit vergangenen Samstag befindet sich Guido Westerwelle (FDP) auf einer exotischen Auslandsreise, die ihn bis nach Australien und Neuseeland führte. Wenn er am Sonntag heimkehrt, wird Westerwelle insgesamt acht Tage lang weggewesen sein.

Allein für die reine Flugzeit gehen fast zwei volle Tage drauf. Damit sich der Aufwand lohnt, standen auf der 40.000-Kilometer-Strecke noch einige andere Stationen auf dem Programm: Auf dem Hinflug machte der neue Miles-and-More-Minister im Golf-Staat Oman und in Indien Zwischenstopp; zurück geht es über Vietnam.

Nach dem Verzicht auf FDP-Vorsitz und Vizekanzlerschaft war der Ozeanien-Besuch Westerwelles bislang längste Auslandsreise. Dumm nur: Keiner in der Heimat hat davon so richtig Notiz genommen. Die deutsche Presse bedachte die Tour lediglich mit ein paar Agenturmeldungen.

Im Ausland wurde der Besuch des "German Foreign Minister" ebenfalls kaum erwähnt. Immerhin durfte Westerwelle gemeinsam mit seinem Amtskollegen Kevin Rudd in der Zeitung "The Australian" eine Schrift zur Internet-Sicherheit  veröffentlichen ("Caution needed in securing our digital future"). Das Thema Internet ist in Australien gerade angesagt: Der weitläufige und äußerst dünn besiedelte Kontinent arbeitet an flächendeckenden Broadband-Verbindungen.

Überhaupt, die digitale Welt. Im fernen Australien versuchte sich Westerwelle als moderner Medienmensch zu profilieren. In Sydney eröffnete er am Dienstag die Computermesse Cebit Australia. Über den Twitter-Account des Auswärtigen Amts gab es gleich mehrere Einträge zur Reise des Ressortchefs. Westerwelle selbst kämpft in Sozialen Netzwerken mit einer Armada von Westerwelle-Fake-Accounts. Aber das hat er bestimmt nicht gemeint, als er in Sydney über die Errungenschaften des Internets sprach.

Mehr Nähe, mehr Nasen

Australien gehört zu den Ländern, in denen bislang nur selten ein deutscher Außenminister zu Besuch war. Zuletzt hielt sich 2005 Joschka Fischer dort auf. Westerwelles Vorgänger Hans-Dietrich Genscher (FDP), seinerzeit Rekord-Vielflieger, glänzte durch Australien/Neuseeland-Abstinenz. "Ich habe nichts gegen diese Länder, ich finde sie phantastisch", sagte er einmal. "Aber wir hatten nie Probleme mit ihnen." Seine Amtskollegen in Canberra und Wellington habe er um Verständnis gebeten, dass er die weite Reise nicht unternehme, "nur um dort den Hut zu ziehen."

Den Eindruck, Westerwelle könnte sich heimlich an der Schönheit der Region berauschen, zerstreuten seine Mitarbeiter durch üppiges Programm: Nach der Messe in Sydney flog der Minister weiter in die etwas öde Hauptstadt Canberra. Dort traf er sich mit Premierministerin Julia Gillard, gemeinsam mit Amtskollege Rudd vereinbarte er einen strategischen Energiedialog und eine Rohstoffpartnerschaft. Zuvor hatte Westerwelle in Indien noch schnell die ersten deutsch-indischen Regierungskonsultationen vorbereitet.

Australien soll für Berlin ein besonderer Partner im Beziehungsgeflecht zu Staaten wie China oder Vietnam werden, so begründet das Auswärtige Amt die Reise. Die Australier wollen im nächsten Jahr in den Uno-Sicherheitsrat einziehen, da können aufgefrischte Beziehungen nicht schaden. Und wen stört schon die Entfernung. In Zeiten der Globalisierung komme es sowieso nicht auf die räumliche Distanz an, sondern auf die "Nähe der Werte", sagte Westerwelle später im neuseeländischen Auckland.

Zugleich ließ man es menscheln. Im australischen Parlament nahm der Weitgereiste an einer Gedenkveranstaltung zu Ehren von zwei australischen Soldaten teil, die in Afghanistan getötet wurden.

Auf der Besuchertribüne im Plenarsaal des australischen Parlaments war er Ehrengast, möglicherweise wurde er dabei auch Zeuge der Katzengeräusch-Affäre, die in der vergangenen Woche die australischen Schlagzeilen bestimmte.

In Neuseeland besuchte Westerwelle eine Maori-Ausstellung. Sechs Tänzer - drei wuchtige Männer und drei zierliche Damen - stampften barfuß und leicht bekleidet vor dem Minister auf dem Boden herum, sangen, streckten die Zungen heraus und trommelten sich auf die Brust.

Einer der "Haka"-Tänzer griff sich Westerwelle, zog ihn nah an sich ran und drückte seine Nase gegen die des Ministers. "Hongi" heißt das Begrüßungsritual in der Sprache der Maori. Der FDP-Politiker schaute etwas perplex, aber lächelte freundlich, als ihn der kräftige Mann wieder losließ.

Als sei er nie weggewesen

Ob Anschlag in Nordafghanistan ("Barbarischer Terrorakt"), die Auslieferung des mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic nach Den Hag ("starkes Signal für die gewachsene Kraft des internationalen Rechts") oder der verhinderte Iran-Überflug der Kanzler-Maschine ("Respektlosigkeit gegenüber Deutschland") - Westerwelle mischte sich auch aus der Ferne regelmäßig in die Debatten der Woche ein, der Zeitverschiebung und des Terminkalenders zum Trotz.

Allerdings dürften die meisten Bürger nicht mitbekommen haben, dass Westerwelle fast alle seine Statements aus Down Under abgab. Insofern hatte die Belanglosigkeit der Reise aus der Perspektive des Außenministers wieder etwas Gutes: In Deutschland muss es gewirkt haben, als sei er nie weggewesen.

Immerhin verzichtete er auf einen Abstecher zum Great Barrier Reef. Sein anderer FDP-Vorgänger Klaus Kinkel ließ sich dort 1993 bei seinem einzigen Australienbesuch mit Schnorchel und Taucherflossen ablichten. Das Foto verfolgt Kinkel bis heute.

Fünf vermutlich sehr glückliche Mitarbeiter durften Westerwelle auf seiner Reise begleiten. "Die Rechnungen laufen gerade erst ein", sagt ein Sprecher vom Auswärtigen Amt. Die Gesamtkalkulation für die Mammutvisite müsse noch abschließend bearbeitet werden.

mit dpa und dapd
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